Nr. 49/2007 vom 06.12.2007

«Die Fetzen dieses Lebens»

Die libanesische Schriftstellerin setzt sich für eine differenziertere Sicht des Westens auf den Libanon und die arabische Welt ein. Das spiegelt sich auch in ihren Romanen.

Von Heinz Hug

Die 1956 in einem Dorf im Libanongebirge geborene Iman Humaidan-Junis hat bisher zwei Romane veröffentlicht: «B wie Bleiben wie Beirut» (1997) und «Wilde Maulbeeren» (2000), die auch auf Deutsch zugänglich sind. Im ersten Roman lässt Humaidan vier Frauen von ihren Erfahrungen aus dem libanesischen Bürgerkrieg (1975 - 1990) berichten. Mit «Wilde Maulbeeren» verlässt die Autorin Beirut, der Roman spielt in einem Drusendorf im südlichen Libanongebirge in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Diese Verlegung von Ort und Zeit bedeutet keinen Rückzug aus der libanesischen Gegenwart. Humaidan, die Soziologie studiert hat, ist eine streitbare Frau; sie weigert sich, aus dem Libanon zu emigrieren, weil sie das Land nicht den Gewalttätigen überlassen will. Ihr Engagement ist vielfältig: Nach dem Ende des Bürgerkriegs arbeitete sie in NGOs zur Entwicklung der ländlichen Gebiete, während des jüngsten Kriegs mit Israel kümmerte sie sich um Flüchtlinge. Seit dem Mord an Rafik Hariri, dem ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten, im Jahre 2004 ist sie Teil der demokratischen Bewegung, ist an deren Demonstrationen zu finden und initiiert Petitionen.

Pluralistische Tradition

Die Veröffentlichung ihrer beiden Romane auf Deutsch und Französisch geben Humaidan Gelegenheit, ihre Auffassungen auch in Europa zu äussern - in Auftritten, Interviews und Zeitungsartikeln. Aus ihrer Sicht wurde die Lage in der arabischen Welt nach dem 11. September 2001 schwieriger: Die grossen Ideologien (Panarabismus, Nationalismus, Marxismus) verschwanden. Es blieben nur islamische Fundamentalisten und alte Regimes übrig. Eine Bewegung zwischen diesen beiden Mächten zu schaffen, ist Humaidans Anliegen.

Diesem «dritten Weg» eine Stimme zu geben, ist für Humaidan umso wichtiger, als der Westen und seine Medien «die gesamte arabische Welt in einen Topf» werfen würden. Das hänge mit dem westlichen Denken zusammen, das nur ein Richtig oder Falsch, ein Gut oder Böse, den Frieden oder den Terror kenne. Der Westen müsse verstehen lernen, «dass die arabische Welt seit Jahrhunderten eine multikulturelle, eine pluralistische Gesellschaft mit unterschiedlichen Religionen, Kulturen und Ideologien ist».

Eine differenzierte Betrachtungsweise verlangt Humaidan auch in Bezug auf den Libanon. Die Hisbollah ist für sie keine Terroristengruppe; sie hat in Humaidans Augen den seit der Unabhängigkeit immer wieder benachteiligten Schiiten ihre Würde zurückgegeben. Dennoch widerspricht Humaidan der Politik der Hisbollah, sie tritt für Friedensverhandlungen ein, auch wenn Israel für sie - unter dem Eindruck des israelischen Angriffkriegs von Juli/August 2007 - «eine unglaublich herzlose, kalte, blinde Macht ist, die ohne jede Menschlichkeit Gewalt gegen Zivilisten ausübt».

Die Literatur ist für Humaidan eine Möglichkeit, die Vielschichtigkeit der Realität sichtbar zu machen. Wie ihr erster Roman entstand, beschreibt sie in einem Text für die Solothurner Literaturtage 2007, an die sie mit anderen libanesischen Autoren eingeladen war. 1989 floh sie mit ihren beiden Kindern und schwanger aus dem Libanon - in der Tasche einen Haufen Zettel mit «Notizen, Gedankensplittern, Zornesausbrüchen von Frauenfiguren, die die grassierende Gewalt leid waren». Diese Papiere hatte sie während des Krieges vor allem im Auto geschrieben, wenn sie stundenlang vor Checkpoints zu warten hatte - als eine Möglichkeit, die Demütigungen loszuwerden. Nach ihrer Rückkehr nach Beirut legt sie mit jenen Zetteln den Grundstein für den Roman «B wie Bleiben wie Beirut». Das Zusammenfügen dieser Fragmente bedeutet für sie auch, ihr durch den Krieg «zerstückeltes Selbst, die Fetzen dieses zugleich engen und zerkrümelten Lebens zusammenzusuchen».

Erinnerungsfragmente

In der Komposition des Romans bleiben diese Entstehungsgeschichte und Humaidans weltanschauliche Position sichtbar. Es gibt keinen allwissenden Erzähler, der die Wahrheit über den libanesischen Bürgerkrieg verkündet. Humaidan zeigt den Krieg und seine Auswirkungen auf das alltägliche Leben aus verschiedenen Perspektiven und Erlebnisweisen. Vier Frauen, die alle von irgendwo nach Beirut gezogen sind und im gleichen Haus nahe an der Demarkationslinie wohnen, erzählen ihr Leben während des Krieges. Jede dieser Lebensgeschichten hat ihre eigene Sprache - Humaidans Stil reicht von einem depressiv-schwermütigen bis zu einem forschen, temporeichen Ton. Jeder Erzählstrang besteht aus vielen Abschnitten, manchmal sind sie ein paar Zeilen lang, ein andermal einige Seiten. Längere Handlungslinien sind nur selten zu finden, etwa Lilians Reise nach Zypern, wo sie ein Visum zu erhalten hofft, Mahas Fahrt zu ihrem todkranken Vater im Dorf in den Bergen, Kamiljas Beziehung zu einem Milizionär. Ansonsten handelt es sich um kleine Begebenheiten, Fragmente aus dem Leben der vier Frauen, Fetzen ihrer Erinnerungen.

In «B wie Bleiben wie Beirut» wird Humaidans Bestreben nach einem «Dritten Weg» sichtbar: Zur Sprache kommen nicht die UrheberInnen der Tragödie, sondern die Betroffenen. Die-se aber sind keineswegs hilflose Opfer, zumindest Lilian und Kamilja leisten auf ihre Weise Widerstand. Auf eine andere Weise wird diese Position in Humaidans Roman «Wilde Maulbeeren» sichtbar. Hartmut Fähndrich, der Herausgeber der «Arabischen Reihe» im Lenos Verlag, schreibt im Nachwort: «Mit ihrem sehr privaten, wehmütig-schwermütigen Stil, ihrer starken Ausrichtung aufs Individuell-Lokale, also mit ihrer ausgeprägten Distanz zu Ideo-logie und 'Parteipolitik', gliedert sich Iman Humaidan-Junis in die jüngere Generation arabischer, zumal ägyptischer Schriftsteller und besonders Schriftstellerinnen ein.»

Die abwesende Mutter

«Wilde Maulbeeren» ist in erster Linie die Geschichte einer Muttersuche. Sarah, die Icherzählerin, ist zu Beginn des Romans ein Mädchen, das gerne auf Bäume klettert. Sie lebt in der Hâra, dem Gehöft ihrer Familie. Ihre Mutter, eine Christin, hat den Hof verlassen, als Sarah drei Jahre alt war. Da der Name der Mutter in der Familie tabu ist, erhält Sarah nur spärliche Auskünfte. Die Fragmente, die sie aus Mutters Lebensgeschichte erfährt, sind vom Blick derer geprägt, die sie erzählen. Das Fehlen der Mutter ist für Sarah auch dann noch als eine grosse Leere spürbar, als sie Karîm, ihren späteren Ehemann, kennenlernt. Mit ihm geht sie nach England. Doch als sie die Möglichkeit hätte, mehr über die Geschichte der Mutter zu erfahren, gibt sie auf. Sie erkennt, dass das Wissen über die Mutter ihre Leere nicht füllen kann. Erst durch ihre eigene Tochter wendet sich ihr Blick auf die Gegenwart und die Zukunft.

«Wilde Maulbeeren» ist in einem sehr poetischen, sinnlichen Stil erzählt. Die Handlung entwickelt sich assoziativ, ausgehend von einzelnen Figuren oder Ereignissen breitet sie sich aus: in verschiedene zeitliche Ebenen, in die Erinnerung sowie in Reflexionen. Trotz ihrer Fixierung auf die abwesende Mutter nimmt Sarah ihre Umwelt differenziert wahr, vor allem die Mentalitäten ihrer MitbewohnerInnen: des eigensinnigen, patriarchalischen Vaters, der ihr erst menschlich erscheint, als er alt und krank ist; der frömmlerischen Tante Schams, die nicht mehr mit Sarah spricht, seitdem sie einen Protestanten geheiratet hat. Es ist diese Mentalität des Festhaltens am längst Überholten, der sturen Ausgrenzung des Anderen, die später ein wichtiger Hintergrund für den Bürgerkrieg sein wird.

Humaidans Aktivitäten, ihre wissenschaftlichen und politischen Äusserungen - 2000 ging sie nochmals an die Universität, um eine Masterarbeit über die Verschollenen des Bürgerkriegs zu schreiben - und ihre literarischen Texte ergänzen sich aufs Beste. Sich mit ihr zu beschäftigen, verhilft zu jener differenzierten Sicht auf den Libanon und die arabische Welt insgesamt, die sie vom Westen verlangt.

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