Nr. 50/2007 vom 13.12.2007

«Das war ein Meuchelmord»

WOZ-Interview mit dem Thurgauer SVP-Nationalrat und Blocher-Getreuen J. Alexander Baumann zur Lage, zur Krise, zur Zukunft.

Interview: Daniel Ryser

Wenn sich der Nebel gelichtet hat, wie wird es dann weitergehen?

Baumann: Der Nebel? Nun, im Thurgau wird es ein paar Diskussionen geben. Wir sind dort eine Traditionspartei, stellen zwei Regierungsräte. Bei den letzten Wahlen haben wir unter anderem auch wegen Blocher 42 Prozent gemacht. Wir haben die Bauern, die Gewerblichen, ich war hier in Bern übrigens der erste Thuraguer SVP-ler, der kein Bauer war. Junge kommen, die haben das Gefühl wir sind die Richtigen für ihre Probleme - wir sind sehr breit. Und es wird Leute geben, die sagen werden, die Oppostionslinie im Thurgau passt uns nicht. Wir sind doch eine Regierungspartei. Das müssen wir ein bisschen rüber bringen. Leicht wird das nicht.

Noch mehr Opposition, und Opposition im Nationalrat - wie stellen Sie sich das eigentlich vor?

Nun, ich rede für mich. Thema Militärarmee: Ich wurde von der Partei immer für meine Vorstösse gerüffelt. Ich soll mal den Sämi Schmid in Ruhe lassen, der sei unser Minister. Meine Vorstösse werden nun von allen getragen. Jetzt wird er angegriffen, wenn er Seich macht.

Wo sonst noch die Schrauben anziehen? Mehrere SVP-Fraktionsmitglieder bestätigen der WOZ: Das geht gar nicht mehr.

Ich denke nicht, dass die ganzen Bilateralen abgeschossen werden. Es ist eine verzwickte Situation. Mein Vorteil ist, dass ich relativ unabhängig bin und nicht für Verbände wirke.

Was dann, wenn nicht die Bilateralen abschiessen?

Ich denke nicht. Ich hoffe es nicht.

Ihre neue Bundesrätin ist ja rechts, etwa finanzpolitisch, werden Sie sie irgendwann umarmen?

Rechts? Finanzpolitisch? Wo? Gar nicht! Die hat das Steuerpaket gemetzget, das vergess ich der nie!

Nun, gut, diese eine Ausnahme ...

Das ist aber eine Ausnahme, die ziemlich wesentlich ist. Kann Ihnen dann noch vorrechnen, was das gekostet hat. Nein, nein, das hat mit gewerbefreundlich und bürgerlich nichts zu tun und mit wirtschaftsfreundlich auch nicht.

Aber Sie haben nach wie vor zwei Bundesräte, die das unterschreiben, was im SVP-Programm steht.

Ich weiss nicht, ob die das unterschreiben. Nun, ich gestehe, ich kenne die neue Bundesrätin nicht. Aber schon ihr erster Satz hier in Bern war ein Lug: Sie sagte, sie sei überrascht.

Das waren alle.

Nein, nein, aber doch nicht sie, sie hat Mails verschickt. Sie machte bereits am Morgen Zusagen. Den Grünen. Fragen Sie die Genner! Hab ich gehört.

Und ich hörte, sie hatte erst am Abend Kenntnis vom Plan.

An welchem Abend?

Dienstag.

Dienstag?

Und bis heute Donnerstagmorgen war sich in der Linken offenbar noch niemand wirklich sicher, dass sie Ja sagt. Heisst es. Alles Gerüchte natürlich.

Das mag schon stimmen Aber sie war mit Ihnen im Gespräch. Die erste Frage, die ich ihr hier stellen werde ist: Was auf Rätoromanisch «Verschwörung zum Meuchelmord» heisst.

War es ein Meuchelmord?

Ja. Ein Meuchelmord! Wenn ich Sie, Ryser, ermorde, weil Sie bei der WOZ sind, und ich, Baumann, bin bei der SVP, dann wäre dies kein Meuchelmord. Wenn aber Sie und ich im selben Verein sind, und wir umarmen uns, und ich schiebe ihnen in der Umarmung das Dölchlein in den Bauch - dann ist das ist gemeuchelt! Und wenn man sich vom politischen Gegner für das Amt kaufen lässt, dann ist auch das eine Meuchelei. Es war Meuchelmord.

Brutus und Caesar.

So ist es. Die Geschichte wiederholt sich. Immer. Immer.

Oder aber: SVP-Stratege Christoph Mörgeli wurde mit seinen eigenen Waffen geschlagen: Knallharte Strategien. Das ist das Geschäft. Kann Sie ja nicht überraschen, dass Blocher es faustdick abbekommen hat. Er liebte diese Art zu politisieren, er zelebrierte sie. Und am Schluss holte sie ihn ein.

Das kann schon sein. Aber die Abwahl nur an seiner Person aufzuhängen, das wäre zu einfach. Klar: Er hat sehr viele Leute verletzt, auch in den bürgerlichen Reihen, auch bei uns. Ich hatte die Abwahl schon kalkuliert. Ich wusste aber auch von sechs CVP-Nationalräten, dass sie Blocher wählen würden.

Und bei der SVP? Hat da eigentlich jemand Mitte-Links gewählt?

Ich sage Ihnen: Ich halte das für möglich. Etwa sieben Fraktionsmitglieder könnten gegen Blocher gestimmt haben. Die Wahl war auch die Retourkutsche für unsere Erfolge. Sie musste irgendwann kommen.

Blocher oder gar nichts, war das eigentlich klug? Sie hätten ja an seiner Stelle kandidieren können. Sind ja ganz auf seiner Linie.

Ich erinnere: 2000 wollten wir Rita Fuhrer oder Roland Eberle. Und wer würgten die uns rein? Den Schmid! Das wollten wir nicht noch einmal.

Doch genau das haben Sie jetzt bekommen.

Das Parlament hätte keinen Blocher-Vertrauten gewählt. Da bin ich überzeugt. Zudem hätte sich kein Blocher-Vertrauer aufstellen lassen.

Dem Schmid, dem können Sie jetzt endlich an den Karren fahren. Was ändert sich sonst in ihrer Arbeit als Parlamentarier?

Jetzt müssen wir zuerst einmal diese Niederlage verarbeiten.

Es ist also eine Niederlage?

Es ist der schwärzeste Tag der SVP. Wer klare Positionen einnimmt, muss sofort damit rechnen, dass fünfzig Prozent gegen ihn sind.

Oder 71.

Oder 71. Jene mit den Gummilösungen haben es leichter, sie kommen besser an, können sich durchmogeln.

Jetzt haben Sie zweimal eine Gummilösung?

Der Schmid hat doch keine Linie. Widmer-Schlumpf kenne ich nicht. Ich weiss nur, dass sie das Steuerpaket versenkt hat. Leicht wird sie es nicht haben: In die Fraktion kommt sie nicht. Eine Meuchelmörderin nehmen wir nicht.

Angst um die eigene Haut?

Ich bin zu wenig attraktiv, um gemeuchelt zu werden.

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