Nr. 08/2011 vom 24.02.2011

«Wenn ich Sie ermorde, Herr Ryser, ist das kein Meuchelmord»

Alles, was einem Interview Farbe verleiht, wird rausgestrichen – das machte Armeechef Ueli Maurer so, doch die Hausbesetzerinnen waren nicht kulanter. Eine Rückschau von Daniel Ryser auf seine Erfahrungen als WOZ-Politreporter.

Von Daniel Ryser

Die Einzigen, die mit dem Gegenlesen ihres eigenen Interviews offensiv nichts zu tun haben wollten, waren Milieu-Anwalt Valentin Landmann, der Thurgauer SVP-Nationalrat J. Alexander Baumann und Ivan Ergic, damaliger Captain des FC Basel.

Mann, habe ich mich bei diesen dreien reingekniet. Ich fühlte mich ernst genommen, also wollte ich Missverständnisse und Fehler um jeden Preis verhindern. Alle drei Interviewten bedankten sich später für die exakte und gute Wiedergabe des Gesprächs und dafür, dass ich verstanden hätte, was sie sagen wollten. Dass sie auf das Gegenlesen verzichteten, hatte nichts damit zu tun, dass sie nichts zu sagen gehabt hätten. Valentin Landmann sprach über seine Rolle als Anwalt der Hell’s Angels, von Neonazis und Autonomen, über seinen Drang, als junger Mann Gangster kennenzulernen, und wie er damals durchdrehte und seinen Professor am Hamburger Max-Planck-Institut erbleichen liess, als er ihm mitteilte, in einem Amoklauf gegen das System soeben seine eigene, fast fertige Habilitation durch den Schredder gelassen zu haben.

Von Meuchelmord ...

SVP-Mann Alexander Baumann interviewte ich an meinem ersten Arbeitstag als offizieller WOZ-Bundeshausredaktor, dem 12. Dezember 2007, dem Tag der Abwahl von Bundesrat Christoph Blocher (offiziell ist diese Kumulation wichtiger Ereignisse ein Zufall).

Es war später Nachmittag. Im Medienzentrum hielt Blocher einen stundenlangen Monolog – wie ein gekränkter, abgesetzter Diktator, der mit diesem demokratischen Entscheid wirklich gar nichts anfangen konnte. Während Blocher seinen Monolog hielt, sass Baumann als letzter Politiker in der Wandelhalle des Bundeshauses. Nachdenklich in einen Ledersessel versunken, verfolgte er auf einem Bildschirm Blochers Auftritt.

Ich fragte ihn, ob ich mit ihm reden dürfe. Weil ich wie er Thurgauer bin, durfte ich. Wir sprachen zuerst über Kreuzlingen, die Vorzüge und Nachteile seiner Haarpflegemittel (Baumann war lange Zeit Alleinherrscher über die Firma Rausch gewesen) und dann über die Abwahl. Baumann nannte sie einen «Meuchelmord», und um das zu demonstrieren, umarmte er mich und stach dabei mit einem imaginären Messer auf mich ein – die Situation hatte nichts Aggressives, eher etwas Väterliches, Brutus und Caesar, bloss, dass der Alte den Jungen erstach: «Die erste Frage, die ich Widmer-Schlumpf stellen werde, ist: Was heisst auf Rätoromanisch ‹Verschwörung zum Meuchelmord›?», sagte Baumann. Und dann, als ich ihn fragte, ob man diese Abwahl wirklich «Meuchelmord» nennen könne, antwortete er – er umarmte mich noch immer und stach weiter auf mich ein: «Ja. Es war ein Meuchelmord! Wenn ich Sie, Herr Ryser, ermorde, weil Sie bei der WOZ sind, und ich, Baumann, bin bei der SVP, dann wäre das kein Meuchelmord. Wenn aber Sie und ich im selben Verein sind, und wir umarmen uns, und ich schiebe Ihnen in der Umarmung das Dölchlein in den Bauch – dann ist das gemeuchelt! Und wenn man sich vom politischen Gegner für das Amt kaufen lässt, dann ist das auch eine Meuchelei. Also: Es war Meuchelmord.» Nie habe ich so viele Reaktionen auf ein Interview erhalten wie auf das Gespräch mit Baumann. Und ich muss zugeben: Nie hat ein Interview mit einem Politiker so viel Spass gemacht. Wir waren beide erschüttert von der überraschenden Abwahl (er negativ, ich positiv), und die plötzliche Ruhe nach dem heftigen Sturm in der völlig leeren Wandelhalle machte einen von den Anstrengungen des langen Tages müden Baumann zum nachdenklichen Poeten.

... Fussballern und Rausstreichern ...

FCB-Captain Ivan Ergic sprach über Politik und Fans – und vor allem erzählte der Spitzensportler erstmals von einer schweren Depression, die ihn fast seine Karriere gekostet hätte. Ergic sagte dabei Sätze wie: «Ich sehe meine Zukunft nicht im Fussball. Es ist nicht das, was ich mir als Kind vorgestellt hatte.» Seither war Ergic gefragt als Denker, Kritiker, Gesprächspartner, Essayist. Weil hinter der Maschine, dem Profispitzensportler – im Normalfall abgeschottet von Mediensprechern – der Mensch sichtbar wurde, wurde das Interview später mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet.

Aber erzähl das mal denen, die bei einem Interview dem Interviewer auch noch gleich seinen Job erklären wollen und mit dem Geschriebenen umgehen, als sei der Journalist – vorsichtig ausgedrückt – ein wenig langsam. Am liebsten würden diese Menschen auch gleich noch die Fragen umschreiben, und alles, was Farbe in das Gespräch geben könnte, streichen sie sowieso raus – da unterscheiden sich Hausbesetzerinnen nicht von der ätzenden Pressearmada der Wirtschaftsministerin Doris Leuthard, Armeechef Ueli Maurer nicht von der Berner Antifa –, sie alle mögen diesen oder jenen Satz vielleicht so gesagt haben, aber der habe mit der Sache nun wirklich nichts zu tun und müsse drum unbedingt rausgestrichen werden.

... und Eitlen

Boss der GesprächsverfälscherInnen ist SP-Fraktionschefin Ursula Wyss. Jetzt hätte ich fast geschrieben, «die Frau Doktor», aber das ist bestimmt die Anrede, die Wyss von hässigen Zeitgenossen am meisten zu hören bekommt, drum lasse ich es – auch wenn Ursula Wyss beim Gegenlesen keine Gelegenheit ausliess, mir zu zeigen, dass sie als Frau Doktor mit der Arbeit des jungen, minderbemittelten, nicht studierten WOZ-Reporters überhaupt nichts anfangen kann. Sie schrieb das ganze Interview um, ersetzte fast jeden Satz durch einen, den sie so nicht gesagt hatte – immerhin habe ich inzwischen erfahren, dass es dem heutigen Chefredaktor des Schweizer Teils der «Zeit» bei einem früheren Interview mit Wyss nicht anders ergangen ist. Als sich später bürgerliche Medien für mich zu interessieren begannen und das Gerücht die Runde machte, der Ryser gehe zum «SonntagsBlick», soll Wyss gegenüber zwei Ringier-Journalisten gesagt haben: «Oh Gott, nein! Bitte nicht! Lasst ihn bei der WOZ schmoren!» Ich glaube den beiden Journalisten. Und ihre Aussage wirft einen Blick auf das Spiel, das viele Politiker jeder politischen Farbe beherrschen: Sie mögen den «SonntagsBlick» offiziell eine schlechte Zeitung finden, aber er hat eine riesige Auflage und ist deshalb wichtig. Und die WOZ? Nun, nicht so wichtig. Ob Wyss mit ihrer Einschätzung richtig liegt, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass sich die WOZ-Auflage seit fünf Jahren rasant umgekehrt zu den SP-Wahlergebnissen verhält: steil aufwärts.

Köppel im braunen Anzug

Immer wieder für Unterhaltung sorgte: «Weltwoche»-Alleinherrscher Roger Köppel. Ich hatte mal einen etwas gar beschwingten Artikel zum Niedergang seines Blattes geschrieben. Ein Insider hatte mir erzählt, wie Köppel jeweils in einem braunen Tweedanzug durch die Redaktion stolziert sei. Köppel, damals kurzzeitig Chefredaktor der deutschen Zeitung «Die Welt», konnte den «braunen Anzug» nur verstehen, wie er ihn verstand. Während im Hintergrund die «Welt»-Redaktion laut die Vernichtung Ecuadors durch das deutsche Nationalteam bei der Fussball-WM 2006 bejubelte, brüllte Köppel ins Telefon, wie ich ihn, ausgerechnet ihn «of all people!», den Hüter der Freiheit in direkter Verlängerung von Margaret Thatcher und Ronald Reagan, als Nazi darstellen könne. Die Freiheit sei ihm das höchste Gut, und im Übrigen habe er einen Grossonkel, der im KZ von den Nazis umgebracht worden sei. Man kann über Köppel vieles sagen, aber der Mann ist nicht nachtragend: Er versuchte mich später zur «Weltwoche» zu holen – doch O-Ton-Köppel, «leider schwimmen Sie lieber bei der WOZ im Medienmainstream mit». So etwas meint der Mann wirklich ernst.

Let the good times roll!

Nach fünf Jahren bei der WOZ gehe ich zum «Magazin» des «Tages-Anzeigers». Nach fünf sehr intensiven Jahren bei der WOZ entschied ich mich, zu gehen, weil man so jung – ich bin jetzt 31 – auch gehen können muss, selbst wenn alles gut ist. Kurz: Ich bin nicht abgeworben worden. Und es ist auch kein Abgang im Streit oder eine Flucht wie damals beim «St. Galler Tagblatt». Die WOZ ist das Beste, was mir als Journalist bisher passiert ist. Und im Gegensatz zu anderen Redaktionen, wo seit Jahren die Verunsicherung regiert, herrscht bei der WOZ trotz aller nötigen Kritik am Weltgeschehen ziemlich gute Laune, und angesichts abgewendeter Krisen, einem gelungenen Relaunch und seit Jahren permanent steigenden Abozahlen das, was es hierzulande im Printjournalismus fast nicht mehr gibt: Selbstbewusstsein und Optimismus. Let the good times roll!

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