Anti-Wef-Demo : Zehn Minuten Panik

Nr. 4 -

WOZ-Reporter Dinu Gautier wurde am Samstag in Bern zusammen mit einem anderen Journalisten verhaftet. Sein Bericht von der Festnahme und aus dem Gefängnis.

Am Samstagnachmittag verlasse ich zusammen mit einer Bürokollegin und einem Journalisten der Genfer Tageszeitung «Courrier» das Redaktionsbüro der WOZ in der Berner Innenstadt. Wir wollen über die angekündigte Demonstration von Wef-GegnerInnen berichten. Noch wissen wir nicht, dass wir stattdessen Zeugen der Haftbedingungen in einem Polizeigebäude werden sollten.

Direkt vor dem Hauseingang erwartet uns ein Mann, der sogleich zischend zu verstehen gibt, ich würde zwecks Personenkontrolle festgenommen. Der Mann ist kein Unbekannter: Er heisst Kurt Trolliet und ist mutmasslicher Chef des Nachrichtendienstes der Kantonspolizei Bern.

Ich zeige ihm ein Schreiben der Redaktionsleiterin, welches bestätigt, dass ich im Auftrag der WOZ die Demonstration beobachten solle. Da kommen bereits etwa zehn Polizisten in Vollmontur anmarschiert und fesseln uns mit Kabelbindern.

Im Hof des Polizeipostens beim Waisenhausplatz stehen wir an der Wand und werden durchsucht. Wir protestieren und machen die Polizisten erneut auf die Pressefreiheit aufmerksam. Dazu der Anführer der Polizeieinheit: «Mit einem Schreiben der WOZ kann ich mir geradeso gut den Hintern abwischen.»

Beim Journalisten des «Courriers» findet ein Polizist einen Comedia-Presseausweis, was die Beamten aber nicht weiter beunruhigt: «Fesselt ihn! Wir können das ja auch später noch abklären.»

Nach einer Stunde werden meine Bürokollegin und der «Courrier»-Journalist entlassen. Später komme ich in einen Raum, in dem an einem Computer ein älterer Polizist mit hochrotem Kopf sitzt. Ob der wohl so rot ist, weil sich ihm gegenüber verhaftete Frauen und Männer ausziehen müssen? Die Vorhänge vor den zwei kleinen Leibesvisitationskabinen sind nur zu etwa zwei Dritteln zugezogen. Später erzählt mir ein Gefangener, er habe darin sogar seine Pobacken spreizen müssen.

Ich werde fotografiert, dann komme ich in einen Art Freiluftkäfig hinter dem Gebäude. Die Wände sind aus Beton, statt eines Dachs hat es aber ein Gitter in etwa zwei Metern Höhe. Die grosse Mehrheit der knapp fünfzig Personen wurde bereits vor Stunden verhaftet, darunter auch Leute, die in ihrem Leben noch nie an einer Demo teilgenommen haben. Gepinkelt wird in die Ecke, dort hat sich bereits ein kleiner See gebildet. Jemand fokussiert seine Wut auf die Stahltüre. Die ist zwar praktisch unzerstörbar, der Lärm scheint die PolizistInnen auf der anderen Seite aber zu stören. Plötzlich geht die Türe einen Spaltbreit auf, und jemand spritzt flüssiges Tränengas in die Zelle.

Etwas später wird ein humpelnder Mann hereingebracht. Er ist ganz bleich und setzt sich auf den kalten Betonboden. «Ich bin Bluter und brauche dringend Medikamente», sagt der Mann, der Michael heisst. Seit seiner Festnahme habe er innere Blutungen im Bein, die Polizisten hätten seine diesbezüglichen Hinweise aber nicht ernst genommen. «Es kann ja nicht so schlimm sein, wenn Sie noch gehen können», habe ein Polizist gesagt. Später habe einer seinen Hämophilieausweis gesehen. Daraufhin habe es anders getönt: «Sie müssen als Bluter ja auch nicht an unbewilligten Demos teilnehmen.»

Nun wartet Michael bereits seit etwa dreiviertel Stunden auf die angeblich gerufene Sanitätspolizei. Wir beginnen ununterbrochen zu schreien: «Notfall, wir brauchen einen Arzt! Hilfe!» Panik macht sich breit. Dann, nach zehn Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen, darf er endlich raus. Und bald erlange auch ich wieder die Freiheit – nach vier Stunden «Personenkontrolle», was der angegebene Grund für die Festnahme war.

Drei Tage später telefoniere ich mit Michael. Er ist seit dem Samstag im Spital. Mittlerweile weiss er, dass er kaum bleibende Schäden davontragen wird, was aber nicht immer klar gewesen sei: «Als mein Bein auf dem Polizeiposten immer mehr anschwoll, fragte ich mich, ob ich es verlieren würde.» Glücklicherweise habe die Notärztin den Polizisten klarmachen können, dass ein Nierenversagen und somit der Tod drohe. Sonst hätten sie ihn wohl gar nicht gehen lassen. «Und dies alles, weil ich mich im falschen Moment in der Berner Innenstadt aufgehalten habe», so Michael.