Nr. 06/2008 vom 07.02.2008

Belgische Ménage-à-trois

Die Regeln für belgische Spielervermittler sind strenger, und die Liga hat an internationaler Bedeutung verloren. Trotzdem ist Belgien noch immer ein Sprungbrett für afrikanische Fussballer.

Von Tobias Müller

Früher hatte die Hoffnung fünf Buchstaben: Keshi. Die jungen Afrikaner im Auffanglager des Brüsseler Flughafens Zaventem sagten: «Bring diesen Brief zu Keshi. Er soll veranlassen, dass ich beim RSC spielen kann.» Stephen Keshi, nigerianische Fussballlegende, war in den achtziger Jahren einer der ersten afrikanischen Stars der belgischen Liga. Nicht nur deshalb bezeichnete BBC Sports ihn einmal als «Paten des Exodus nach Europa»: Überliefert ist auch, wie Keshi das ghanaische Jahrhunderttalent Nii Lamptey 1990 mit gefälschtem Pass als seinen angeblichen Sohn nach Brüssel zu seinem Klub RSC Anderlecht holte, wo man bereits auf ihn wartete. Ein Funktionär mit Beziehungen im belgischen Senat räumte die letzten Hindernisse aus dem Weg - ein Mythos war geboren, die Nachahmer liessen nicht lange auf sich warten.

Solange Cluydts arbeitet bei der Antwerpener Initiative Payoke, die sich um Opfer von Menschenhandel kümmert. Sie hat immer wieder mit Jungkickern zu tun, die nach ihrer Ankunft in Europa den Boden unter den Füssen verloren haben. Windige Agenten lockten sie mit dem Versprechen einer grossen Fussballkarriere nach Belgien, doch dann wurde es nichts mit dem Vertrag, der Vermittler machte sich aus dem Staub. Ohne Sprachkenntnisse, ohne Unterstützung, ohne Aufenthaltsbewilligung standen die Spieler bei Payoke auf der Matte. Cluydts erzählt von zwei minderjährigen Nigerianern, die bei einer Kontrolle aufflogen - wegen gefälschten Altersangaben. Vor einigen Jahren häuften sich solche Berichte im belgischen Fussball, sodass sich eine Senatskommission damit beschäftigte. Es folgten mehrere Prozesse, aber verurteilt wurde niemand. «Ich erwarte auch nicht, dass dies passiert», sagt Cluydts. «Auch wenn es in der Vergangenheit Fälle von Menschenhandel gegeben hat. Aber auch Fussball ist ein Geschäft, in dem Auflagen umgangen werden.»

Keine Beschränkungen

Die Regeln für Spielervermittler sind mittlerweile strenger geworden: Neben der offiziellen Registrierung beim Weltverband Fifa müssen sie bei einer der belgischen Regionalregierungen anerkannt sein, die Vermittlung Minderjähriger ist verboten, das Mindestgehalt für Nicht-EU-Spieler wurde deutlich angehoben. «Die Gesetzgebung ist ausreichend», sagt Jean-Marie Dedecker, «aber sie wird nicht angewandt.» Dedecker, der die besagte Kommission leitete, ist mutlos geworden angesichts der Interessenverflechtung von Fussball, Justiz und Politik - «bis in die höchsten Kreise», wie er sagt. Die belgische Jupiler League nimmt im System der Transfers afrikanischer Talente nach Europa noch immer eine zentrale Position ein. Anders als Frankreich, Spanien, England, Italien, Deutschland oder die Niederlande kennt sie keine Beschränkung der Zahl eingesetzter Nicht-EU-Spieler. Für eine Arbeitserlaubnis genügt ein Profivertrag, und es braucht nicht wie etwa in England eine Mindestquote absolvierter Länderspiele im Herkunftsland. Zudem lässt sich innerhalb von drei Jahren die belgische Nationalität erwerben.

Kein Wunder, dass viele belgische Klubs in den letzten Jahren Kooperationsverträge abgeschlossen haben: Sie beziehen Spieler aus Fussballakademien oder Satellitenklubs in afrikanischen Grossstädten, fungieren ihrerseits jedoch als Farmteams englischer Vereine wie Chelsea (VC Westerlo), Manchester United (RFC Antwerpen) oder Blackburn Rovers (Cercle Brügge). Der afrikanische Nachwuchs sammelt auf diese Weise Spielpraxis, und auch ein EU-Pass ist ein willkommener Nebeneffekt. Mit der gleichen Absicht brachten Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam die Absolventen ihrer klubeigenen Fussballschulen in Ghana bei belgischen Vereinen unter.

Abidschan - Beveren - London

Bekanntestes Beispiel ist der KSK Beveren, der fünf Jahre lang das Scharnier zwischen der Elfenbeinküste und europäischen Topklubs bildete. Auf der einen Seite stand das Spitzenteam ASEC Mimosas aus der ivorischen Grossstadt Abidschan, das jedes Jahr Spieler nach Beveren schickte. Auf der anderen Seite wartete Arsenal London auf neue Spieler. Natürlich wurden die Kicker auch an andere Vereine verkauft, doch ein wichtiger Drahtzieher sass in London: Arsenals Trainer Arsène Wenger. Dessen alter Freund, der französische Exnationalspieler Jean-Marc Guillou, betreibt in Abidschan eine Fussballakademie. Von dort wurden die Spieler zunächst an den ASEC Mimosas vermittelt, wo Guillou zwischenzeitlich verschiedene Funktionen innehatte, oder aber an einen weiteren Satellitenklub wie die ivorische Zweitligamannschaft Toumodi und dann weiter nach Beveren.

Ein paar Jahre lang lief das gut. «Wir hatten grosse Erfolge, spielten sogar im Europacup und hatten tolle Spieler. Yapi Yapo, Romaric. Den Zuschauern gefiel der technische Fussball, das kennen sie hier nicht so», erzählt Dirk Verelst, der neue Vorsitzende von KSK Beveren. Er ist seit letztem Sommer im Amt. Nun wird der ganze Verein umstrukturiert, denn man hatte sich mit diesem ivorischen Abenteuer verschätzt. Irgendwann waren über zwanzig Spieler aus Abidschan bei Beveren, und auch wenn die Mindestgehälter für Nichteuropäer im Vergleich zu den Nachbarländern lächerlich scheinen, für Beveren ging es bis an die Schmerzgrenze.

Manche sagen, Guillou und Wenger hätten je 45 Prozent der Einkünfte aus der profitträchtigen Dreiecksbeziehung Abidschan-Beveren-London eingestrichen. Verelst bestätigt, dass sein Verein, der hoffte, sich mit dem Deal mit Guillou aus finanziellen Nöten zu retten, nicht mehr als die verbleibenden 10 Prozent verdient habe. «Damit ist der Klub nie gut gefahren, das war eine bittere Pille.» 2006 liefen die Verträge mit ASEC Mimosas und Arsenal aus, 2007 stieg Beveren in die zweite Liga ab, ein Prozess gegen Guillou steht noch an. Doch Verelst verliert kein schlechtes Wort über ihn, im Gegenteil, er rühmt dessen Nase für Talente und würde gerne wieder mit ihm zusammenarbeiten. «Wenn nur seine finanziellen Forderungen nicht so hoch wären.»

Neue Anfragen

Verelst ist Realist genug, um die Rolle Belgiens als Ausbildungs- und Zulieferungsbetrieb im globalisierten Wirtschaftssektor Fussball einschätzen zu können. Anders als noch in den frühen neunziger Jahren, als in der belgischen Liga Stars wie die Nigerianer Victor Ikpeba bei Liège oder Sunday Oliseh bei Brügge für Furore sorgten, spielen die besten Afrikaner heute kaum noch in der Jupiler League, die zunehmend zum Karrieresprungbrett geworden ist. Der Vorsitzende des KSK Beveren sieht die Liga denn auch als «ideale Zwischenstation für Länder mit strengeren Gesetzen. Gerade für die kleinen Klubs ist das eine Überlebenschance.» Trotz der jüngsten Erfahrungen will auch Beveren dabei bald wieder mitmischen. «Wir haben eine neue Anfrage aus England», sagt Verelst geheimnisvoll.

Die Zukunft kann kommen, und bleiben wird vorerst Alexandre Tokpa. Der junge Mittelfeldspieler ist einer der letzten fünf Verbleibenden aus der Ära, als der KSK Beveren mit dem Übernamen «die Ivorer» international für Schlagzeilen sorgte. Mit Referenzen für einen möglichen zukünftigen Arbeitgeber beschäftigt er sich zurzeit nicht. Tokpa will mit dem Klub aufsteigen. «Für mich ist Beveren nicht nur ein Schaufenster», sagt er. «Jetzt bin ich hier, und das ist gar nicht so leicht, denn es gibt so viele gute junge Spieler an der Elfenbeinküste. Und alle wollen nach Europa.»

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