Nr. 44/2013 vom 31.10.2013

Kurz vor dem Durchbruch, nah am Abgrund

Zwischen Karriere und Prekariat: Einigen wenigen Berufsfussballern dient die zweithöchste Schweizer Liga als Sprungbrett ins grosse Fussballgeschäft. Der grosse Rest bewegt sich auf einem unsicheren Feld.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

Reich wird hier niemand: Beim FC Winterthur verdient Vollprofi und Goalgetter Patrick Bengondo (ganz rechts) gegen 8000 Franken pro Monat.

Die zweithöchste Liga im Schweizer Fussball schafft es selten in überregionale Schlagzeilen. Und wenn, dann eher in negative wie unlängst der FC Wohlen, nachdem aufgeflogen war, dass er gegenüber den Migrationsbehörden bei einem Arbeitsvertrag geschummelt hatte. Oder die AC Bellinzona, bei der im August herauskam, dass Spieler drei Monate lang keinen Lohn erhalten hatten; der Verein ist inzwischen vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Was ist los in der Challenge League?

Besuch auf der Geschäftsstelle des FC Winterthur, Stadion Schützenwiese. Andreas Mösli begleitet mich in die stadioneigene Libero-Bar: «Für Challenge-League-Verhältnisse», so der Geschäftsführer, «ist unser Viermillionenbudget gut. Aber viel zu tief für die höchste Liga.»

Der FC Winterthur ist bekannt als sozialer Verein. In den letzten Jahren hat er sich zudem zu einem Vorzeigeausbildungsklub entwickelt. Admir Mehmedi, Innocent Emeghara oder Pajtim Kasami, die vor wenigen Jahren noch auf der Schützenwiese übten, spielen inzwischen als Nationalspieler in europäischen Spitzenligen. Mösli: «Als Verein mit dem Ausbildungslabel 1 müssen wir dem Nachwuchs ein professionelles Umfeld bieten: einen Ausbildungschef, zwei Vollzeit angestellte Trainer sowie weitere mit Fünfzigprozentstellen, die die erforderlichen Diplome vorweisen können.»

Profis und Nichtamateure

Seit dem Bosman-Urteil von 1995 dürfen Spieler nach Vertragsende ablösefrei den Verein wechseln. Kleinere Klubs profitieren dadurch kaum mehr von grösseren Transfersummen. Dafür gibt es seit einigen Jahren eine Regelung der Swiss Football League: Ein Verein, der das Ausbildungslabel 1 besitzt, hat bei einem Wechsel eines Spielers zu einem Profiklub pro Jahr, in dem er ihn ausgebildet hat, 40 000 Franken zugute. Auch das Geld, das der Schweizerische Fussballverband von der Fifa erhält, wird hauptsächlich in den Nachwuchs investiert: Die Hälfte der Kosten für den Nachwuchs beim FC Winterthur, rund 350 000 Franken, kommt vom Verband.

Natürlich sind beim FC Winterthur auch Vollprofis angestellt. Führungsspieler wie der Kamerun-Schweizer Patrick Bengondo (31) oder der Deutsch-Grieche Sawwas Exouzidis (31) verdienen gegen 8000 Franken im Monat, weitere Stammspieler zwischen 4000 und 6000 Franken. Den Familienvätern Bengondo und Exouzidis bietet der Klub zudem die Möglichkeit, sich als Trainer auszubilden, und zahlt ihnen die Diplomausbildungen.

Hinzu kommen Spieler, die gut 2000 Franken verdienen und einen weiteren Teilzeitjob ausüben. Das bedingt entsprechende Trainingszeiten (10 bis 12 Uhr plus einmal pro Woche am Nachmittag) – auch für U21-Spieler, die neben dem Fussball eine Ausbildung machen und mit einem «Nichtamateurvertrag» monatlich 500 Franken erhalten – als Spesenentschädigung. Sobald ein Spieler mehr als 500 Franken erhält, muss der Verein AHV-Beiträge zahlen.

Für Altstars aber wie Carlos Varela beim FC Köniz zahlen selbst Klubs aus der 1. Liga Promotion, der nächstunteren Klasse nach der Challenge League, weit höhere Löhne. So auch der SC Kriens, der nach dem Abstieg aus der Challenge League im Sommer 2012 den Profibetrieb halbwegs weiterzuführen versuchte.

Es war in jenem Sommer, als der 21-jährige Rick Gelmi in Kriens, nachdem er in Winterthur kaum in der ersten Mannschaft eingesetzt worden war, einen Zweijahresvertrag unterschrieb: 1000 Franken im Monat, 1000 Franken Spesen sowie eine vom Klub bezahlte Wohnung. Im Kader war auch ein Familienvater aus Brasilien, der für höchstens 4000 Franken spielte – der Mindestbetrag, den ein Klub im Kanton Luzern gemäss Vorschriften des Amts für Migration Spielern aus Drittstaaten zahlen muss.

Gelmis Hoffnung, sich für zwei Jahre einigermassen auf den Fussball konzentrieren zu können, zerschlug sich schon nach wenigen Monaten. Weil der Klub mit der Miete im Rückstand war, wurde ihm die Wohnung gekündigt. Zugleich wurde bekannt, dass der SC Kriens mehrere Hunderttausend Franken Schulden hatte. Dann wurde der Lohn nicht mehr überwiesen, und Gelmi musste wieder auf die Unterstützung seiner Eltern zählen.

Heute treffen wir Gelmi in der Geschäftsstelle des St. Galler Quartierklubs SC Brühl, wo er im Stundenlohn im Büro arbeitet. Vor fünf Jahren spielte der Aussenverteidiger noch mit Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka in der U18-Auswahl des FC Basel. Derweil seine beiden Kollegen inzwischen Millionen in der deutschen Bundesliga verdienen, kickt Gelmi in der dritthöchsten Schweizer Liga – als Amateur, wie alle beim SC Brühl. Weil hier aber nur drei- bis viermal am Abend trainiert wird, kann er zusätzlich Geld verdienen und sich noch einmal für einen Profivertrag empfehlen.

Der Spagat zwischen Profi- und Amateurfussball bringt vor allem Vereine aus der Provinz immer wieder in finanzielle Schwierigkeiten. Zu spüren bekommen das nicht zuletzt die Spieler selbst. Unlängst warf der Fall Wellington beim FC Wohlen ein Schlaglicht auf das Prekariat in der Challenge League. Der 26-jährige Brasilianer Wellington Ferreira Gomes Sobrinho musste zwei Arbeitsverträge unterschreiben – einen mit einem Lohn von 3000 Franken für den Verein und einen über 3800 für das kantonale Amt für Migration, weil die Regelung für Profis aus Drittstaaten im Aargau diese Summe verlangte. Dazu Andreas Mösli vom FC Winterthur: «Wir haben auch schon Spieler nicht verpflichtet, weil wir fanden, dass sie für den vorgeschriebenen Preis im Vergleich zu Spielern aus der Schweiz oder der EU zu wenig gut sind. Ben Katanha etwa ist vor kurzem mit seiner Familie nach Simbabwe zurückgekehrt. Bis zur Aufenthaltsbewilligung hätte es zehn Jahre gedauert. Einem Nebenerwerb durfte er nicht nachgehen.»

Wellington ist einer von 5000 brasilianischen Berufsspielern, die im Ausland arbeiten – in der deutschen Regionalliga, in Osteuropa, China, Saudi-Arabien oder selbst in finanzschwachen Ligen wie in Armenien. In Wohlen musste er mit 3000 Franken eine Familie mit Frau und Kind ernähren – zu dritt wohnten sie in einem Zimmer über einer Pizzeria, das ihm der portugiesische Wirt untervermietet hatte. Aber auch Spielern mit Schweizer Pass drohen, wenn sie nicht von den Eltern unterstützt werden, prekäre Verhältnisse. Zumal es für sie keinen gesetzlichen Mindestlohn gibt.

Aufstand der Spieler

In einem Café im Berner Hauptbahnhof treffe ich den ehemaligen Nationalspieler Andy Egli. Der 55-Jährige, der zwischen 1978 und 1994 in verschiedenen Schweizer Klubs und bei Borussia Dortmund spielte, amtet seit kurzem als technischer Direktor der Nachwuchsabteilung des FC Luzern.

1992 gründete der Sohn eines Eisenbahners und SP-Mitglieds die Spielergewerkschaft Profoot: «Lucio Bizzini hatte bereits in den frühen Achtzigern als damaliger Naticaptain eine Vereinigung gegründet. Es war die Zeit der Hochkonjunktur.» Egli erlebte diese Entwicklung hautnah: 1978 wechselte der Zwanzigjährige nach abgeschlossener KV-Lehre vom Zweitligaklub FC Amriswil zu den Grasshoppers Zürich. Einige Wochen später war er Teil der Mannschaft, die Real Madrid schlug und in den Viertelfinal des Europacups der Meister vorstiess.

Noch in den siebziger Jahren gab es in der Schweiz kaum Vollprofis. Köbi Kuhn, der vielleicht beste Schweizer Spieler damals, arbeitete bei einer Versicherung. Dann aber kamen die Mäzene aus der boomenden Baubranche: Gilbert Facchinetti in Neuenburg oder André Luisier in Sitten. So kickten in den achtziger Jahren alternde Weltstars in der Schweiz: Karl-Heinz Rumenigge in Genf, Giancarlo Antognoni in Lausanne, Marco Tardelli in St. Gallen. «Ich selber», so Egli, «verdiente Mitte der Achtziger bei GC mehr als nachher bei Dortmund. GC war damals der Klub der Reichen – ging es darum, einen Star zu verpflichten, kursierte im ‹Donnerstagsklub› ein Geldkörblein.»
 Arbeitsrechtlich hingegen standen Berufsspieler noch immer auf verlorenem Posten. Egli: «Als in den frühen Neunzigern die ersten Profis auf den Arbeitsämtern erschienen, wurden ihnen in einigen Kanton noch keine Taggelder bezahlt.» Inspiriert durch die französische und die holländische Spielergewerkschaft, gründete Egli 1992 mit Nationalmannschaftskollege Heinz Hermann die Spielergewerkschaft Profoot.

Für Aufsehen sorgte Profoot 1996: «Weil Modusänderungen im Spielplan ohne Mitsprache der Spieler entschieden wurden, riefen wir einen Ministreik aus. Die Idee war, vier Spiele je eine Viertelstunde verspätet anspielen zu lassen und davor über die Speaker unsere Forderungen ausrufen zu lassen. Einige Spieler, denen die Präsidenten mit der Verbannung ins Reserveteam drohten, knickten dann aber ein. So wurden nur zwei Partien mit Verspätung angepfiffen. Die mediale Berichterstattung war unserem Image nicht gerade förderlich. Daraufhin hatten wir einen Mitgliederschwund. Auf dem Höhepunkt hatte Profoot 411 Mitglieder. An der Sitzung im Jahr 1997, bei der die Auflösung beschlossen wurde, waren noch drei Mitglieder anwesend.»

Fernsehgelder, Bosman-Urteil und Personenfreizügigkeit hätten aber auch die Klubfunktionäre zur Analyse gezwungen, sagt Andy Egli: Wie könne man Vereine unter diesen Umständen kostendeckend oder sogar profitabel betreiben? «Bald haben viele Funktionäre gemerkt: Wenn wir nicht mit drittklassigen Spielern aus dem Ausland überhäuft werden wollen, müssen wir zuerst unsere Jungen gut ausbilden. Die Erfolge der Juniorenauswahlen und nun auch der A-Nati sind eine Folge davon.»

Gesamtarbeitsvertrag gefordert

Was heisst das für die Challenge League? Egli: «Sie ist heute in erster Linie eine Ausbildungsliga: Thun und St. Gallen, die die Schweiz derzeit in der Europa League vertreten, bestehen aus vielen Spielern, die vor kurzem noch in der Challenge League spielten.»

Insgesamt, so Egli, könne etwa ein Viertel der Spieler in der Challenge League vom Fussball leben – also etwa fünfzig: «Aber auch hier muss man differenzieren zwischen Spielern, die mindestens 4000 Franken verdienen, und solchen, die noch Taggelder beziehen.»

Es gibt in der Challenge League auch Spieler, die es nie ganz zum Profi schafften, ohne dabei aber die Leidenschaft und die Freude am Spiel verloren zu haben: «Das Beispiel meines Sohns Ramon ist repräsentativ», sagt Egli: «In einem ungünstigen Moment verletzte er sich schwer und war fast zwei Jahre rekonvaleszent. Heute spielt er als Dreissigjähriger immer noch beim FC Biel und arbeitet mit einem Siebzigprozentpensum in einem Treuhandbüro. Ramon war immer nahe dran, hat als Fussballer aber nie genug verdient, um davon leben zu können, und daneben immer gejobbt. Solche Biografien gibt es in jeder Challenge-League-Mannschaft.»

Seit 2001 existiert eine neue Fussballergewerkschaft: die Swiss Association of Football Players (SAFP) mit 570 Mitgliedern. Initiiert wurde sie vom Juristen Lucien Valloni, der sie präsidiert, und vom Bankfachmann Angelo Stomeo. Einen für den gesamten Spitzensport wegweisenden Erfolg erzielte die SAFP im Jahr 2006 mit dem Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts im Fall eines vertragslosen Berufsfussballers: Seither gilt ein Spieler auch dann als vermittelbar und hat Anspruch auf Taggelder, wenn er sich in einer ersten Phase nur auf die Stellensuche im Profifussball beschränkt. Auch ist es Berufsspielern inzwischen möglich, bei dauerhafter Reduktion des Spielerpensums Taggelder zu beziehen, wenn sie eine zusätzliche Teilzeitstelle ausserhalb dieses Pensums suchen.

Im April forderte die SAFP einen Gesamtarbeitsvertrag mit einem Mindestlohn für Profis. Die Swiss Football League lehnt das bislang ab. Was die Höhe des Mindestlohns betrifft, spricht sich Valloni für eine Unterscheidung zwischen Super und Challenge League aus. Bei einem Profi in der Challenge League, so Valloni, sollte der Mindestlohn, auch unter Berücksichtigung der Überlebensfähigkeit der Klubs, 3500 Franken betragen.

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