Nr. 07/2008 vom 14.02.2008

Ein Vertrieb wirft das Handtuch

Mit dem Beschluss der Zürcher Firma RecRec Medien AG, auf Ende Juni hin den Vertrieb von Tonträgern einzustellen, geht eine Epoche zu Ende.

Von Hanspeter Künzler

Über fünfhundert Plattenlabel sind bei RecRec derzeit noch im Vertrieb. Es hat darunter bekannte Namen: Drag City, Sub Rosa, Kein & Aber, Intakt, Trikont und Souljazz oder die Reggae-Label Blood & Fire und Wackies oder gar World Circuit, das vor zehn Jahren mit «Buena Vista Social Club» noch einen saftigen Bestseller geliefert hatte.

Es reichte nicht aus. Ab Ende Juni wird die RecRec Medien AG den Vertrieb von CDs, DVDs und allen anderen physischen Ton- und Bildträgern einstellen und sich stattdessen auf die Verwaltung von Musikrechten konzentrieren. Der Schritt sei das Resultat einer nüchternen Lageeinschätzung, erklärt Geschäftsführer Adrian Grass. Er entspreche dazu dem Wunsch, eine allen Seiten gegenüber faire Umstrukturierung durchzuführen, ehe es zu spät sei: «Vorsorgen ist besser als heilen», erklärt Grass. «Der Markt ist für Tonträgervertriebe schon jetzt schlecht, aber es ist abzusehen, dass er in zwei Jahren noch schlechter sein wird. Wir sehen unsere Lösung als einen Weg, mit einem blauen Auge davonzukommen.» Eine Umstellung etwa auf einen Internet-Mailorder-Service für EinzelkundInnen war nicht möglich. «Unsere Expertise bezieht sich auf den Zwischenhandel. Ausserdem gibt es genug gute Portale, es wäre schwierig gewesen, sich durchzusetzen.»

Hingegen darf sich die RecRec Medien AG von einer Konzentration auf die Verwaltung der Musikrechte, die sich über fast drei Dekaden angesammelt haben, einen neuen Impetus und eine sichere Geschäftsbasis erhoffen. Der Umstrukturierungsprozess stehe noch ganz am Anfang, gibt Grass zu bedenken. Er will jedoch nicht die Möglichkeit ausschliessen, dass man künftig aktiv die Akquisition neuer Rechte verfolge. Noch unklar ist die Personalsituation: Derzeit teilen sich sieben Personen 520 Stellenprozente. Einige werden wohl ihre Stelle verlieren.

Der Name RecRec hat unter Musikfans Symbolwert. Er steht sowohl für eine Zeit - die späten siebziger und die achtziger Jahre - als auch für eine hoffentlich zeitlose Haltung zur Musik, die sich in einem kühnen Entdeckergeist äusserte, der sich nie an die ausgetretenen Pfade hielt. Das Unternehmen entwuchs den Köpfen zweier Träumer - Träumer, die Traum mit Aktion zu verbinden verstanden.

Musik ausser Kontrolle

Die Musikfans Veit F. Stauffer und Daniel Waldner hatten sich bei den Junioren B des FC Polizei in Zürich-Oerlikon kennengelernt. Im Januar 1978 gelang es Stauffer, sich den verwegenen Wunsch zu erfüllen, als Totalamateur ein Konzert seiner Idole, des grandiosen, unkategorisierbaren englischen Ensembles Henry Cow zu organisieren, dem unter anderem auch Fred Frith angehörte. Daraufhin wurde er von deren Drummer Chris Cutler mit der Aufgabe betraut, die von ihm unter dem Banner «RECommended RECords» verlegten Platten auch in der Schweiz zu vertreiben.

Stauffer tat sich mit Waldner zusammen und eine enge Zusammenarbeit begann. Im ungemein vitalen Aufbruchklima der New Wave wuchs aus dem Vertrieb bald ein Laden, dann ein eigenes Label. «Musik ausser Kontrolle» war nicht nur der Titel eines RecRec-Festivals, das im Oktober 1982 die Rote Fabrik in Beschlag nahm - es war auch für die musikalische Vision des Betriebes Programm. Die Zusammenarbeit zwischen dem Londoner Stammbetrieb und Stauffer/Waldner zerfiel, aber der Ruf von RecRec Zürich war inzwischen international stark genug, um namhafte Labels für den Vertrieb zu gewinnen.

RecRec als Stilbezeichnung

RecRec war nun sogar eine regelrechte Stilbezeichnung geworden - sie umschrieb vorab zentraleuropäische Musik mit einem Hauch Theater, Kurt Weill und Tim Buckley, dazu Wortwitz und viel Verspieltheit, die keine Stilbarrieren akzeptierte und sich deutlich vom angelsächsischen Diktat abkehrte.

Waldner verstarb im Herbst 1995 bei einem Bergunfall. Danach tat sich RecRec schwer, sich den Verhältnissen eines sich rasant verändernden Musikgeschäftes anzupassen. Als das Unternehmen Konkurs zu machen drohte, zeigte die Anzahl von Privatleuten, die mit Geldgaben zu Hilfe eilte, eindrücklich, was RecRec bedeutete: RecRec stand symbolisch für den Idealismus, der Zürich in den frühen achtziger Jahren zu einem dermassen fruchtigen Acker für Ideen, Projekte und eben Träume gemacht hatte. Doch das alles genügt nicht. Im Frühjahr 1997 musste die RecRec-Genossenschaft Konkurs anmelden, und im Mai des gleichen Jahres wurde die Auffanggesellschaft RecRec Medien AG gegründet.

Nach allerhand weiteren geschäftlichen Auf und Ab kaufte Veit F. Stauffer den RecRec-Laden zurück und betreibt diesen heute unabhängig vom Vertrieb. Stauffer sieht die Veränderungen beim Vertrieb eher als symbolischen Schlussstrich denn als einen Schritt, der für ihn oder die KonsumentInnen grössere Konsequenzen haben wird. «Ketzerisch gesagt vermute ich, dass der Hauptharst der Freaks da draussen sich einen feuchten Dreck darum kümmert», sagt er. «Die kaufen sich die CDs eh vom Netz. Ich selber werde künftig vermehrt direkt im Ausland bestellen.»

Auch ihm entgeht indessen die symbolische Bedeutung nicht: «Der über Jahre grösste, vielseitigste und international angesehenste Independentvertrieb der Schweiz wirft das Handtuch!» Schuld an der Misere ist seiner Meinung nach weniger das Downloading als die skrupellosen Geschäftspraktiken der grossen Ketten: «Erst wurden über Jahre hinweg die Lockvogelpreise bis zum Gehtnichtmehr gedrückt, dann wurden die Rücknahmeforderungen von nicht verkauften Tonträgern zurück an die Vertriebe immer unverschämter, mit oft nicht ganz verdeckten Erpressungsargumenten.»

Was die von der RecRec Medien AG nun nicht mehr vertriebenen Plattenlabel betrifft, dürfte das Schicksal unterschiedlich ausfallen. Die erfolgreicheren - eben World Circuit und Souljazz - werden problemlos andere Vertriebe finden. Die anderen sind darauf angewiesen, dass die KonsumentInnen sie nicht vergessen und die CDs entweder über das Web oder in Plattenläden bestellen: «Für den Konsumenten ändert sich nicht sehr viel», meint Grass. «Man kann davon ausgehen, dass fast jeder Laden sowieso auf eigene Faust CDs importiert.»

Wo bleiben die Rosinen?

Was IdealistInnen im Allgemeinen und den Fans vom linkesten Flügel der Aussenseitermusik am ehesten Sorgen bereiten dürfte, sind aber die Rosinen im RecRec-Programm. Die CDs und Platten von winzigen, aber superfeinen Labels, von denen der Vertrieb im Jahr zwischen zwei und zehn Exemplare ausliefern durfte: «Betriebswirtschaftlich war das nicht ideal», meint Grass. «Aber aus Traditionsbewusstsein haben wir auch diese Labels immer noch weitergeführt. Sie werden es schwer haben, einen neuen Vertrieb zu finden. Sogar für andere Indievertriebe dürften sie zu klein sein.» Aber in einer Reihe von solchen Individualfällen würde der Vertrieb versuchen, zusammen mit Stauffer und seinem Laden eine Lösung zu finden. Das gelte auch für die Schweizer KünstlerInnen, deren CDs von RecRec Medien AG vertrieben oder sogar herausgegeben wurden: «Für sie werden wir individuelle Lösungen ausarbeiten.»

Es soll abschliessend noch einmal betont werden, dass der RecRec-Laden vom Vertrieb unabhängig ist und von daher auch nicht von der Umstrukturierung betroffen.

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