Nr. 05/2011 vom 03.02.2011

«Während Zürich brannte, schrieb ich meine Memoiren»

Plattenhändler und Rec-Rec-Gründer Veit Stauffer hat etwas zu erzählen. Darüber, wie in einem mit Media-Märkten überzogenen Land Musikfachgeschäfte am Laufmeter schliessen, wie seine Eltern in einem revolutionären Akt die Kunstschule F+F gründeten und wie Zürcher Bewegte im Heroin versanken statt Bomben zu zünden.

Von Daniel Ryser

WOZ: Wer Ihren Laden Rec Rec betritt, dem kann es passieren, dass er Sie verstimmt antrifft. Was geht in solchen Momenten in Ihnen vor?

Veit Stauffer: Es gibt viele Leute, die der Meinung sind, dass ich meistens sehr nett bin zu den Leuten. Aber es ist schon so: Ich bin gewissen Launen ausgesetzt. Deswegen habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen. Meine Stimmung ist wohl von meiner Tagesform abhängig. Es kann sein, dass mich die Kommunikation mit unterschiedlichen Leuten am selben Tag derart fordert, dass ich an meine Grenzen komme.

Man darf als Kunde aber, wenn man Sie in solch einem schlechten Moment erwischt, durchaus eine Frage stellen?

Ja, auf jeden Fall.

Auch etwas ganz Banales?

Ja. Auch ganz Banales. Das macht mir Spass, und ich nehme es dankbar entgegen. Klar, es gibt zwischendurch lange Gesichter. Es kann mir auch mal ablöschen. Wenn ich etwa merke, der Kunde hat jetzt schon an fünf Orten gefragt oder im Internet alles nachgeschaut, und er will jetzt einfach noch von mir bestätigt bekommen, dass er etwas total Ausgefallenes sucht.

Dann werden Sie giftig.

Sehen Sie, ich versuche, nicht elitär und eklig zu sein. Das gelingt mir aber nicht immer. Auch deshalb, weil die Zeiten angespannt sind. Die Konkurrenz ist riesig. Wenn sich am gleichen Tag etwa drei Leute beschweren, dass 32 Franken für eine CD viel sind, dann bekomme ich Zustände. Einerseits werde ich wütend, andererseits verunsichert es mich. Ich denke, die anderen Kunden beschweren sich ja auch nicht. Sie benützen auch gerne die Elf-für-zehn-Stempelkarte. Sagen die einfach nichts? Empfinden die auch so? Oder sind 32 Franken für eine gute CD in Ordnung?

Das Geschäft des Zwischenhändlers geht vor die Hunde

Der Druck ist gross?

Ja. Ich zahle Universal nach wie vor 19.90 Franken für eine CD, plus Porto und Mehrwertsteuer. Ich muss zehn Franken an einer CD verdienen, dass es funktioniert. Ich bin dabei hin- und hergerissen. Einerseits finde ich, die CD-Preise hätten im Einkauf schon längst auf zehn bis fünfzehn Franken fallen müssen, dann wäre die Situation auch entspannter. Andererseits sind ja etwa die Buchpreise auch nicht gerade tief. Für einen gebundenen Roman kann ich problemlos vierzig Franken bezahlen. Aber womöglich haben viele CDs einfach eine niedrige Halbwertszeit, weil der Markt überschwemmt ist mit Mist, mit schnelllebigen Hitparadengeschichten etwa. Lohnen sich da 32 Franken? Ich versuche den Kunden Musik zu verkaufen, die auf Dauer einen gewissen Wert hat.

Es gibt also nach wie vor viele Leute, die sich für Nischen interessieren? Für Musik, die im Verborgenen passiert, brodelt?

Auf jeden Fall. Die Neugier ist nach wie vor gross. Was sich verändert hat: Einen gewissen Prozentsatz der potenziellen Kundschaft werde ich nie kennenlernen. Es gibt Leute, die wissen bestens Bescheid, aber sie wickeln alles im Privaten ab, ohne Kommunikation mit dem Ladenlokal, sondern mit Amazon, iTunes. Rec Rec funktioniert aber nach wie vor als Marke. Die Kunden gehen nach wie vor davon aus, dass ich gute Sachen bestelle, dass sie hier Entdeckungen machen können.

Die Zeiten sind also nicht allzu gut. Das war aber sicher lange anders. Haben Sie sich nicht lange eine goldene Nase verdient?

Ach was.

Ach was?

Das ist Geschwätz. Tatsächlich trifft dies teilweise auf die CD-Branche zu, auf die grossen Labels mit den Klassikkatalogen etwa. Als die CD das Vinyl und die Kassette ablöste, konnten sie den Leuten das ganze Sortiment noch einmal auf CD verkaufen. Ein unglaubliches Geschäft. Und auch der 68er-Generation konnte man alles noch einmal auf CD verkaufen. Aber diesen Wechsel habe ich sowieso nicht mitbekommen.

Warum nicht? Da waren Sie doch schon längst im Geschäft?

Ich hatte mir zu jener Zeit eine Auszeit genommen. Aber um bei der «goldenen Nase» zu bleiben: Der nächste Wechsel war dann jener von der CD zur MP3-Datei. Hier gab es für die Läden nichts zu gewinnen. 9/11 war dabei eine Art Stichdatum für den Niedergang. Ab dort hat man es gespürt. Die Leute waren verunsichert, gleichzeitig kamen die technischen Geschichten, der Download, ob legal oder illegal.

Der Zwischenhändler wird mit dem Internetdownload, legal oder illegal, umgangen.

Ja, ich mache das seit einigen Jahren mit. Ich sehe, wie die Läden rundherum schliessen. In den letzten achtzehn Monaten allein in Zürich Rock On, die Jecklin-Filiale an der Sihlporte, nun Sonic Records. In Solothurn schliesst Tribe Music. In Basel und in Luzern ist die Lage desolat.

Die Rechnung geht für gut sortierte Fachgeschäfte also nicht mehr auf?

Nein, oftmals nicht mehr. Bei mir in meinem Einmannbetrieb aber geht die Rechnung nach wie vor irgendwie auf. Ich habe drei Standbeine: Fünfzig Prozent des Umsatzes kommen aus dem Verkauf neuer CDs, 25 Prozent aus dem Verkauf von antiquarischem Material, also dem Verkauf von LP-Sammlungen. Den Rest verdiene ich mit Mailorder, dem Verkauf übers Internet. Aber zeitweise sitze ich stundenlang alleine im Laden. Dann komme ich schon ins Sinnieren. Was mach ich hier? Muss ich die Öffnungszeiten anpassen? Aber ich kann Ihnen etwas sagen: Ich bin jetzt 52. Ich mache das seit dreissig Jahren. Und ich mache es sicher noch weitere fünf bis zehn Jahre.

Revolte im biederen Kunstmilieu: Mutter Stauffer veranstaltet Hexenkurse

Sie sind nun seit 1979 unterwegs in Sachen «andere Musik», für Avantgarde, Jazz, moderne Klassik, Minimal, Punk, Pop ... Wie haben Sie so lange durchgehalten?

Es gab Momente, da habe ich aufgegeben. 1989 hatte ich eine schwierige Lebensphase: eine harte Trennung, einen Sohn, etwas Alkohol, ein wenig Drogen. Ich wollte auf mich schauen, ich wollte weg. Immerhin hatte ich den Laden zum Florieren gebracht. Es lief so gut, dass mich Rec Rec mit 50 000 Franken ausbezahlt hat.

Und dann sind Sie abgehauen?

Nein. Eben nicht. Die geplante Weltreise platzte. Einerseits wurde meine damalige Frau schwanger mit meiner Tochter, die heute 21 ist. Andererseits wurde mein Vater ins Spital eingeliefert. Diagnose Lungenkrebs. Er starb kurz darauf. Und ich begann, als Expresspöstler zu arbeiten.

Ihr Vater war der legendäre Fotofachdozent Serge Stauffer, der 1971 zusammen mit Ihrer Mutter Doris in Zürich die F+F, Schule für Kunst und Mediendesign, gründete.

Das ist richtig so. Sie waren bei der Gründung zu viert. Und die ganze Geschichte war ja ein riesiger Skandal. Aber darüber gibt es ja gar ein ganzes Buch.

Ich bin Jahrgang 1979. Ich weiss von nichts.

Die F+F ist das Produkt einer Rebellion. Zuerst war sie für fünf Jahre an die heutige Schule für Gestaltung gekoppelt gewesen, deren Direktor Mark Buchmann ein Konservativer war. Aber meine Eltern und andere Dozenten, wie die F+F-Mitgründer Hansjörg Mattmüller und Peter Jenny oder Gastdozent Peter Bichsel, waren vom 68er-Geist angesteckt. Es hat einen Aufruhr gegeben. Die Zeitungen waren voll, es gab Sitzstreiks, an denen mit Megafon gefordert wurde: «Buchmann raus! Treten Sie zurück!» Und er hielt entgegen: «Ich trete sicher nicht zurück!» Das war richtig Action. Dann sind die Lehrer geschlossen zurückgetreten und haben sehr bald postuliert: Wir machen eine Privatschule. Ein Jahr später, 1971, hatte man genug Geld gesammelt und auch einen Ort gefunden, um zu starten. Sowohl die Tagesschule als auch die Abendkurse waren ein grosser Erfolg. Es gab ja damals noch keine Abendkurse für Kunstinteressierte, wie sie heute selbst die Migros veranstaltet. Ich glaube, meine Mutter war bei der Gründung fast die wichtigere Figur als mein Vater.

Warum?

Meine Eltern kommen aus kleinbürgerlichem Milieu. Sie besuchten beide die Fotoklasse 1952 an der Schule für Gestaltung, dort haben sie sich kennengelernt. Meine Mutter hat sich anfangs eher familiär betätigt, bis etwa 1967, 1968, und dann hat sie ihren Ausbruch gehabt. Damals hat sie auch meinen Vater ziemlich gefordert. Hat die Frauenthematik auf den Tisch geknallt, ihn ziemlich kritisiert wegen versteckter, subtiler Unterdrückungsmechanismen. Sie hat das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Sie entschied in dieser Zeit des Aufbruchs: Meine Kinder sind genug alt, jetzt schaue ich für mich. Sie war ja bis zu jenem Zeitpunkt Hausfrau. Als Nächstes hat sie eine offene Ehe eingeführt. Dann hat sie – mit der Fotoausbildung im Hintergrund – sich zugetraut, sie könne ja auch einen Kurs leiten, es gebe auch für sie Platz als Dozentin an der damals noch alten F+F.

Was war ihr Platz?

Ihr Thema war «Teamwork». Denn sie fand, an der Schule für Gestaltung schaffen alle für sich, vielleicht gar gegeneinander in Konkurrenz. Ich glaube, «Teamwork» war der Grundstein für die Revolte. Sie hat einfach alles auf den Kopf gestellt. Sie hat Duzis eingeführt, Aktionen veranstaltet, Happenings, Performances, sie hat in Gruppen agiert und dafür gesorgt, dass die Kunst nicht mehr einfach am Pult stattfand mit «Aktzeichnen», «Perspektivenzeichnen», sondern dass die Kunst in den Alltag übergegangen ist. Sie hat sich bis 1980 voll an der F+F engagiert. Ab 1978 hat sie sogenannte Hexenkurse angeboten, Kurse nur für Frauen.

Da hatten dann vor lauter Feminismus die Männer keinen Platz?

Das war natürlich umstritten. Hansjörg Mattmüller etwa hat diese Kurse torpediert. Er fand, das führe in eine Sackgasse. Die Hardliner wie meine Mutter waren der Meinung, dass etwa das Frauenzentrum nur Frauen zugänglich sein soll.

Hat Sie selbst die Feminismusdebatte interessiert?

Die Debatte hat mich enorm interessiert. Auch wenn mich das Thema Gleichberechtigung nach wie vor interessiert, kam es mir Mitte der Achtziger schnell etwas anachronistisch vor. Ich beteiligte mich lieber konkret an der Erziehung meiner zwei Kinder. Die «Hodenbadegruppe» im Kanzlei war definitiv nicht mein Ding – dort hat eine Männergruppe eine ziemlich riskante Verhütungsmethode eingeübt.

Wo waren Sie eigentlich, als Ihre Eltern rebellierten?

Ich war noch sehr jung. Mit dreizehn besuchte ich selbst die F+F, zuerst einen Abendkurs zum Thema «Musik mit Anton Bruhin und Daniel Fueter» – das war wirklich spannend, es hat grossen Spass gemacht und mich sehr gefördert. Ich war eigentlich ein begabter Schüler gewesen, aber das Gymi hat mich nicht interessiert, und die Sekundarschule in Seebach hat mir gar nicht gepasst. Ich wollte ja schon damals Schallplattenverkäufer werden, aber es gab halt keine Lehrstelle. Also organisierten mir meine Eltern einen Platz an der F+F-Tagesschule, damit ich keine Dummheiten mache. Das zweieinhalbjährige Studium war eine Offenbarung. Und dann, zwischen 1978 und 1982, arbeitete ich an meinen Memoiren. Die Endversion hatte 260 Seiten und wurde im Herbst 1983 im Verlag Ricco Bilger unter dem Titel «Halbweiss» veröffentlicht.

Sie waren knapp zwanzig und schrieben Ihre Memoiren?

Verrückt, nicht? Meine Freunde aus der WG, Achtziger-Bewegte, waren der Meinung: Der Typ spinnt! Draussen geht es zu und her wie in der Hölle, und der Typ schreibt seine Memoiren. Lebt in der Vergangenheit. Das stimmte natürlich. Während Zürich brannte, schrieb ich meine Memoiren.

Der Rec Rec brennt, das AJZ wird plattgemacht, Heroin statt Stadtguerilla

Aber die «Bewegung» haben Sie vor lauter Memoiren nicht verpasst?

Natürlich nicht. Im Herbst 1980 verschwand ich zuerst für sechs Monate nach München. Ich hatte dort eine Freundin, und als ich zurückkam, war unsere WG ein Schlachtfeld: Das Heroin hatte Einzug gehalten. Zwei Mitbewohner hingen an der Nadel. Das war nicht auszublenden. Als dann im März 1982 das Autonome Jugendzentrum plattgemacht wurde, war ich überzeugt, dass jetzt Leute in den Untergrund gehen, dass es jetzt eine Art neue RAF gibt. Es war, als würde ich auf die Uhr schauen und warten, bis es knallt. Überall war so viel Wut. Es war ja fast eine Art Minibürgerkrieg im Gange gewesen. Der Konflikt hat die Stadt entzweit.

Und Sie waren Teil davon?

Ja. Aber in Bezug auf die Ausschreitungen spreche ich als Beobachter. Ich habe mich selbst nie in Gefahr begeben und wurde nie verhaftet. Aber da war dieses Gefühl, das viele hatten: Endlich läuft etwas, endlich können wir unsere Stimme erheben – aber dieses Gefühl wurde wohl überstrapaziert. Denn als es mit dem AJZ wirklich fertig war, empfand ich es fast als Befreiung, ich dachte, jetzt können wir uns endlich Konstruktivem zuwenden. Die Stadtregierung hatte zuvor die Drogenszene ins AJZ geschleust. Ich war der Meinung, wir müssen uns doch nicht auch noch als Sozialarbeiter-Heroes gebärden und versuchen, alle Probleme dieser Stadt lösen. Nach der AJZ-Schliessung hoffte ich, dass wir uns jetzt auf uns konzentrieren können. Gleichzeitig war da dieser Eindruck, dass Leute jetzt in den Untergrund gehen. Weil es einfach extrem unangenehm und ungemütlich und daneben war, wie mit der Bewegung umgegangen wurde. Sie wurde einfach niedergewalzt.

Aber es sind keine Bomben explodiert. Ihr Gefühl war falsch.

Womit wir wieder bei den Drogen wären. Viele Leute sind damals im Heroin gelandet, im Drogensumpf. Die Preise waren derart tief. Das hat mich masslos desillusioniert. Ein guter Freund von mir hing während über zweier Jahre an der Spritze. Immer behauptete er, wir sollten uns keine Sorgen machen, er wisse, was er tue. Er sumpfte ab, stand zweimal eine heftige Gelbsucht durch. Später gelang es ihm, durch eiserne Disziplin eine neue Existenz aufzubauen. Entzug. Büezerjob. Aber HIV-positiv. Immerhin bricht die Krankheit nicht aus. Ein Glücksfall. Eine andere gute Freundin hatte da nicht so viel Glück. Sie starb mit 34 an Aids – Folge des Fixens.

Inmitten des «brennenden Zürichs» wurde auch das Rec-Rec-Feuer entfacht.

Rec Rec ist nicht aus der Bewegung heraus entstanden, aber wir konnten uns gut einbetten.

Wir veranstalteten zu Beginn vor allem auch Konzerte. Durch den wachen Geist der Bewegung hatten wir ein erstaunlich grosses Publikum. So wurden wir bekannt.

Die meisten Konzerte haben wir in der Roten Fabrik organisiert, nur wenige im AJZ. Dort war die Stimmung für unsere Art von Musik zu roh. Dort passten eher Zugpferde wie The Bucks, die schnörkellosen Punk spielten. Oder natürlich Jimmy Cliff. Als sich dann im Frühling 1982 das Blatt wendete und das AJZ abgebrochen wurde, der Kampf gescheitert war, haben sich die besonnenen Kräfte auf die Rote Fabrik konzentriert. Dort waren die Leute sehr offen, viele hatten genug vom Strassenkampf, vom Katz-und-Maus-Spiel. Man reibt sich auf, aber was bringt es letztlich? Viele haben sich in das kulturelle Milieu zurückfallen lassen oder das Angebot mit Dankbarkeit entgegengenommen. Sie waren der Meinung, die Leute von Rec Rec bringen coole Bands, die zwar niemand kennt, aber extrem gefallen. Diese Konzerte, ein viertägiges Festival namens «Musik ausser Kontrolle», das wir im Oktober 1982 organisiert haben, sowie ein halbes Jahr später The Residents im Volkshaus waren die Initialzündung für unseren Aufstieg.

Wer ist eigentlich gemeint, wenn Sie von «uns» sprechen?

Als Konzertveranstalter hatten wir viele Helfer, einen solidarischen Klüngel von Leuten, die für wenig Geld gerackert haben. Es war damals eine superinnovative Betriebsgruppe in der Roten Fabrik, auch der «Ziegel», das Fabrik-Restaurant, hat Gas gegeben, war initiativ und hat sich innert kurzer Zeit professionalisiert. Ich selbst arbeitete auch sechs Monate dort.

Rec Rec als Vertrieb, als Label und letztlich als Laden ist eigentlich ein Projekt aus London: Das Mutterschiff ist das dortige Label Recommended Records, kurz eben Rec Rec. Gründer war Chris Cutler, Schlagzeuger von Bands wie Henry Cow, Art Bears und Pere Ubu. Er war es, der mich fragte, ob ich unter dem Namen Rec Rec in Zürich einen Vertrieb aufbauen wolle.

Warum fragte er genau Sie?

Ich hatte mit meinem ersten Hilfsarbeiterlohn nach dem F+F-Studium im Januar 1978 das Konzert von Cutlers Band Henry Cow organisiert. So hatten wir uns kennengelernt. Ich hatte jedoch keine Ahnung, wie das gehen könnte. Ich traute es mir ehrlich gesagt nicht zu. Aber mein Kumpel Daniel Waldner hatte das KV absolviert. Also legten wir zusammen los. Zuerst, 1979, als Mailorderversand, 1981 dann mit einem eigenen Ladenlokal, und 1983 gründete Waldner dann auch das Label mit eigenen Musikproduktionen. Ich habe schon immer alles sehr gründlich gemacht. Ich kniete mich also rein. Flog etwa im Sommer 1982 nach London, um die echte Labelluft zu schnuppern. Gegen Kost und Logis tütete ich während dreier Monate Rec-Rec-Platten ein. Ich kannte wohl bis zu neunzig Prozent der damaligen Rockmusik. Im Herbst 1983 übernahm ich dann in Eigenregie den Laden, reiste zweimal im Jahr nach London, um Platten einzukaufen. So wurde das Sortiment sehr breit, und mit 27 schrieb ich einen 230 Seiten umfassenden Rec-Rec-Gesamtkatalog – ein Buch. Die Herstellung kostete 9000 Franken – und monatelange Nachtschichten. Zu jeder Band, die wir im Sortiment hatten, lieferte ich eine chronologische Beschreibung.

Tod in den Bergen, der Vertrieb im freien Fall, Tribut für einen verkannten Sänger

Rec Rec startete auf allen Ebenen durch. Das Label allein veröffentlichte über sechzig Bands und Künstler, etwa Fred Frith, The Ex, Negativland, Guy Klucevsek. Der Vertrieb sorgte dafür, dass zahlreiche Schweizer Bands in die Läden kamen, bekannt wurden, selbst der Laden wurde über die Landesgrenze hinaus bekannt als gute Adresse für alternative Musik. Geblieben sind einzig Sie: ein Einmannbetrieb an der Rotwandstrasse in Zürich. Was ist passiert?

Ich finde es nach wie vor ein Phänomen, dass zwischen 1983 und 2008 über siebzig Leute für den Vertrieb Rec Rec gearbeitet haben. Es begeistert mich, dass so viele Leute diese Firma durchlaufen haben; dies vor allem dank Daniel Waldner, der weitsichtig und voller Enthusiasmus war, Derartiges aufzubauen. Aber irgendwann stand Rec Rec das Wasser bis zum Hals. Als ich nach meiner Auszeit 1994 zurückkam, überschlugen sich die Ereignisse. Daniel Waldner verunglückte mit seinem achtzehn Monate alten Sohn Valentin tödlich auf einer Wanderung. Ein Drama. Vier Monate später starb Mathias, den ich als Mitarbeiter in den Laden geholt hatte, an Krebs. Ich stürzte in eine verfrühte Midlife-Crisis. Kurz darauf, 1997, ging die ganze Firma Konkurs. Waldner war immer sehr optimistisch gewesen, auch risikofreudig, aber wie sich herausstellte, hatte er in diesem Fall zu viel riskiert. Das Label wurde aufgelöst, Laden und Vertrieb machten als zwei getrennte Firmen weiter. Zwischen 2001 und 2004 begann man sich dann ernsthaft Sorgen um die ganze Branche zu machen. 2008 musste der Vertrieb schliessen. Obwohl Laden und Vertrieb zu diesem Zeitpunkt zwei unterschiedliche Firmen waren, ist mir das ganz schlecht reingekommen. Ein Minierdbeben. Irrationale Ängste kamen hoch: Wie soll es mit mir weitergehen?

Wer Ihr Treiben ein wenig verfolgt hat, dem kann fast nicht entgangen sein: Immer wieder haben Sie versucht – neben den unzähligen anderen wenig bekannten Musikern, die Sie einem breiteren Publikum bekannter zu machen versuchten –, vor allem einem jung verstorbenen Musiker zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen: Tim Buckley. Was hat es mit dieser Figur auf sich?

Das ist eine Art Privatpassion. Tim Buckley ist eine Figur, von der ich finde, sie sollte einen viel höheren Stellenwert haben. Er ist in zweierlei Hinsicht ein Phänomen. Zwischen 19 und 23 hat er bereits sechs Alben veröffentlicht und mit 23 dann zwei Alben, die eigentlich avantgardistische Meisterwerke sind, visionär, «Lorca» und «Starsailor». Wenn man die Anfänge dieses Musikers betrachtet, würde man nie erwarten, dass ein Songwriter, der relativ brave, melancholische Folksongs geschrieben hat, plötzlich fast hendrixmässig als Stimmvirtuose loslegt, dass einer noch so jung eine derartige Entwicklung durchmacht. Aber dafür musste er büssen. «Starsailor» war ein kommerzieller Flop. Er versank in Depressionen, konsumierte zu viel Alkohol, auch Speed und starb an einer Überdosis Heroin. Vor seinem Tod hat er noch einmal eine Wandlung durchgemacht und sich dem Management angepasst, nach dem Motto: «Ich mach, wie ihr es wollt.» Dieses Album hiess «Greetings from L.A.», eine komische Mischung aus Soul, Funk, R’n’B, Rock. Es war irgendwie lieblos, halbfertig, überproduziert. Buckley fiel zwischen Stuhl und Bank, starb, völlig verkannt, 1975 mit 28 Jahren.

Und Sie machten es sich zur Aufgabe, der Schweiz klarzumachen, dass Buckley ein verkanntes Genie ist.

Nicht bloss der Schweiz, der ganzen Welt! Zwölf Jahre nach seinem Tod produzierte ich ein Tribute namens Comebuckley mit dem Zürcher Sänger Andi Czech. Mit dieser Platte, die auch international drei sehr gute Kritiken erhielt, wollte ich der Welt zeigen, wie wichtig der Mann eigentlich war. Später hatte ich einen Briefwechsel mit Lee Underwood, Buckleys Gitarristen. Ich besuchte die Witwe mit ihrem dritten Mann. Sie verwalteten den Nachlass. Ich plante einen Dokumentarfilm. Die Ausgangslage wäre nicht schlecht gewesen, aber es fehlte letztlich am Geld. Und als ich 1994 zu Rec Rec zurückkam, hatte ich sowieso keine Hand mehr frei. Und eine Neuauflage des Comebuckley-Vinyls auf CD floppte 2007. Ich bin überzeugt, wäre sie auf einem angesagten englischen Label erschienen, das wäre eine grosse Sache geworden. Stattdessen sitze ich auf 1500 Doppel-CDs. Aber sie plagt mich inzwischen nicht mehr täglich, die Frage, wann Buckley endlich bekannter wird. Ich habe meinen Frieden gefunden mit Tim.

Nach der bewegenden Geschichte – wo steht Rec Rec, der Einmannbetrieb, heute?

Mittlerweile geht es darum, den Rec-Rec-Geist im Laden und in der Mailorder weiterleben zu lassen, den Spirit von «anderer Musik», schrägen Sachen, Neuentdeckungen. Es ist nach wie vor eine Spezialität des Hauses, voller Neugier Debüts zu entdecken, sie den Kunden ans Herz zu legen. Aktuell gerade Analogik aus Dänemark, eine typische Rec-Rec-Band. Der Laden ist mit einer Galerie vergleichbar: Da ist jemand, der den Leuten etwas vermitteln kann, das sie vorher nicht gekannt haben. Und das sind auch meine liebsten Kunden, die reinkommen und sagen: «Empfiehl mir fünf Sachen zum Hören. Ich bin sicher, ich werde bei deiner Auswahl fündig.»

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