Nr. 09/2008 vom 28.02.2008

Avantgarde adieu?

Mitte der neunziger Jahre war Genf europaweit die Stadt mit den meisten besetzten Häusern und einer blühenden Subkultur. Nun macht ihr ausgerechnet die rot-grüne Stadtregierung das Leben schwer. Bereits ziehen Kulturschaffende ins Ausland.

Von Judith Wyder

Schutzanzüge braucht es, wenn Katastrophen mit ungewissem Ausgang drohen. Im Falle von Artamis, einem Gelände im Zentrum von Genf, auf dem rund 300 Kulturschaffende ein selbstverwaltetes Biotop bilden, hat die Katastrophe einen Namen: ein vergifteter Boden.

Wann die Räumung erfolgen wird, wisse hier niemand genau, sagen die weiss gewandeten VertreterInnen der verschiedenen Gruppierungen an einer Pressekonferenz Anfang Februar. Ihre Anfragen würden weder von der Stadt noch vom Kanton beantwortet. Sicher ist nur: Ein zweites Artamis lässt sich in der Uno-Stadt schwer finden. Bezüglich Wohnknappheit ist Genf in der Schweiz Spitzenreiter. Die Leerwohnungsziffer beträgt gerade einmal 0,15 Prozent.

Artamis ist neben dem Kulturzentrum L'Usine die letzte grosse Bastion der autonomen Subkultur, die sich im Zentrum behauptet. In den letzten Jahren wurden Häuser in der Calvinstadt nicht mehr besetzt, sondern vor allem geräumt. Zählte das Eldorado der Schweizer HausbesetzerInnenszene Mitte der neunziger Jahre noch 140 Squats, sind es mittlerweile gerade einmal 24. Noch im Juli letzten Jahres behauptete der liberale Staatsrat Mark Muller nach der Räumung von Rhino in einem Interview mit der «Tribune de Genève», dass «die Genfer Regierung nicht vorhat, die verbleibenden 24 Hausbesetzungen der Stadt räumen zu lassen».

In sechs Monaten ist Schluss

Nun aber steht bereits die nächste Räumung vor der Tür: Seit dem 18. Februar ist klar, dass auch Artamis im kommenden September die letzte Stunde schlägt. Die Genfer Stadtregierung setzte die Artamis-AktivistInnen vor eineinhalb Wochen via Presseerklärung ins Bild - ohne das direkte Gespräch mit den Betroffenen zu suchen.

Patrice Mugny, grüner Stadtpräsident und Leiter der Kulturabteilung, begründet dieses Vorgehen gegenüber der WOZ damit, dass «man die Betroffenen erst informieren wollte, wenn die exakten Resultate des Geologen und der Entscheid des Kantons vorliegen». Rémy Pagani, linker Stadtrat und Leiter des Bau- und Raumentwicklungsdepartements, versichert, dass ein Treffen am 3. März mit VertreterInnen von Artamis nachgeholt würde. (Mugny und Pagani waren in jungen Jahren selber Teil der alternativen Genfer Szene. Pagani war in den siebziger Jahren dabei, als es galt, das Quartier Les Grottes vor einer Luxusrenovation zu retten. Mugny hat das Musikbüro Post Tenebras Rock mitbegründet, das in diesem Jahr den 25. Geburtstag in der Usine feiert.)

Bezüglich der Verschmutzung des Terrains liessen Fakten lange auf sich warten. Nun steht fest: Das ehemalige Fabrikareal der Industriellen Werke Genf SIG mit zahlreichen Gebäuden, Lagerhallen und Reparaturwerkstätten ist massiv verunreinigt. Es handelt sich um Untergrundbelastungen mit Zyanid, Schwermetallen und Mineralöl. 70 000 Kubikmeter verschmutzte Erde müssen aus diesem Grund abgetragen werden. Die Entgiftung und Wiederherstellung des 26 000 Quadratmeter grossen Terrains, auf dem seit 1996 Künstlerinnen, Musiker, Filmemacherinnen, Architekten, Grafikerinnen, Theaterregisseure, Schauspielerinnen und Handwerker Bleiberecht haben, kostet die Besitzer, hauptsächlich Stadt und Kanton, fünfzig Millionen Franken.

Am 1. Oktober sollen die Arbeiten beginnen. Nach der Dekontaminierung will die Stadt auf dem gesäuberten Gelände eine Siedlung nach ökologischen Kriterien mit 230 Wohnungen realisieren. Diese wird jedoch nicht vor 2014 bereitstehen. Stadtrat Rémy Pagani stellt in Aussicht, dass auch Sozialwohnungen sowie Ateliers für KünstlerInnen und HandwerkerInnen vorgesehen seien. Geplant sind zu je einem Drittel subventionierte Wohnungen, Genossenschaftswohnungen und private Vermietungen.

Zum Beispiel die Young Gods

Für die Kulturschaffenden von Artamis ist all dies im Moment ein schwacher Trost. Für sie tickt die Uhr unüberhörbar. Weder die linke Stadt- noch die rechte Kantonsregierung bieten Alternativen an. Stadtpräsident Patrice Mugny: «Wir sind bemüht, für die Kulturschaffenden, die wir subventionieren, neue Räumlichkeiten zu finden. Tatsache ist aber: Die Stadt verfügt über keine leer stehenden Lokale. Darum ist es wichtig, dass die Betroffenen diesbezüglich auch beim Kanton anklopfen und Dossiers einreichen.»

An der Pressekonferenz Anfang Februar gab die Artamis-Gruppe zu bedenken, dass im Lauf der Jahre auf dem Areal verschiedene Netze entstanden seien. Gewisse Projekte würden bei einer Räumung für unbestimmte Zeit blockiert oder seien sogar für immer verloren.

Young-Gods-Sänger Franz Treichler, der mit seiner Band im Database-Haus Nummer 59 seit 1996 ein Studio betreibt, vermutet, dass viele heute bekannte Namen aus der Genfer Kulturszene Artamis einen Teil des Erfolgs zu verdanken hätten. «Wir alle profitierten von der Dynamik, dem Austausch, der Vielfalt hier.» Neben den Young Gods findet man auf der Artamis-Liste viele Persönlichkeiten des Genfer Kulturkuchens: Gilles Jobin, ein wegweisender Protagonist der zeitgenössischen Tanzszene, hat auf dem Gelände geprobt; der Internetradiopionier Yvan Huberman verbreitet im Database-Gebäude seine innovative elektronische Musik via www.basic.ch in die entferntesten Ecken der Welt; die Filmproduktionsfirma Les films Å’il-Sud, gegründet unter anderem vom Genfer Cineasten Fréderic Choffat, hat im Bâtiment 51 eine Bleibe gefunden.

Nun holt Choffats Filmtitel «La vraie vie est ailleurs» («Das wahre Leben ist anderswo») die Artamis-Gemeinschaft ein: Bald muss sich diese das wahre Leben gezwungenermassen anderswo suchen. Doch ob sich in dieser Stadt der dünn gesäten Freiräume und gesalzenen Mietpreise überhaupt noch ein Biotop von ähnlicher Grösse finden lässt, bezweifeln die meisten.

Droht jetzt der Exodus?

So stellt sich die Frage: Lässt sich in Genf noch leben, ohne prall gefülltes Portemonnaie und solide Subventionsgelder? Und: Sehen die lokalen Kulturschaffenden in der Stadt überhaupt noch eine kulturelle Zukunft?

Gerade darüber scheinen sich die KulturaktivistInnen uneinig zu sein. Es gibt diejenigen, die nun erst recht Widerstand leisten wollen, und andere, die es vorziehen, den Hut zu nehmen und ihren kreativen Wirkungskreis zu verlegen - nach Zürich, San Francisco, Berlin.

Einer, der Genf Adieu sagen wird, ist Yvan Huberman vom Internetradio basic.ch. Er wagt einen Neuanfang in San Francisco. Die Stadt Genf habe ihm kürzlich die Unterstützung für sein Radio gestrichen mit dem Hinweis, dass er kommerzieller werden müsse. «Das will ich aber nicht. Ich fokussiere klar auf den Inhalt, die Qualität der elektronischen Musik, die gespielt wird.»

Huberman hat nach Jahren der tolerierten Besetzung und Anerkennung auch seitens der lokalen Behörden keine Lust darauf, wieder die Rolle des kriminellen Chaoten übergestülpt zu bekommen. «Was im Moment in Genf läuft, stimuliert mich nicht mehr. Ich habe lange Zeit versucht, herauszufinden, woran es liegt, was hier falsch läuft, aber eine abschliessende Antwort hat sich nicht herauskristallisiert.»

Künstler Fabien Piccand, wie die Young Gods und basic.ch im Database zu Hause, wird Genf vorerst treu bleiben. Er gehört zu den GründerInnen von Artamis. Piccand: «Es gibt leer stehende Gebäude hier in der Stadt, ob diese Orte der Subkultur zugänglich gemacht werden, ist jedoch fraglich.» Wenn sich die Stimmung verschlechtere und keine Lösungen resultierten, vermutet Piccand, könnte Genf ein heisser Sommer bevorstehen. «Jeder hier weiss, dass ein rebellierendes Genf während der EM schnell viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde.»

Wahr ist, dass das alternative und autonome Genf seit kurzem auch wieder auf die Strasse geht. So zogen Ende Januar mehrere Hundert DemonstrantInnen durch die Stadt, um ihrer Besorgnis über die repressive Kulturpolitik Ausdruck zu verleihen. Verschiedene selbstverwaltete und alternative Orte, darunter L'Usine, La Cave 12 und Le Labo, schlossen sich bereits vorher in der Vereinigung Ueca (Union des espaces culturels autogérés) zusammen, um der neuen Räumungs- und Besetzungspolitik der Stadt geschlossen entgegenzutreten.

Modernes Nomadentum

Auch wenn der aktuelle freisinnige Staatsanwalt Daniel Zappelli bei seinem Amtsantritt vor fünf Jahren noch beteuerte, die Doktrin seines Vorgängers Bernard Bertossa beizubehalten - das heisst: erst zu räumen, wenn die BesitzerInnen ein konkretes Projekt vorlegen und der Baubeginn bevorsteht -, ist unübersehbar, dass die einst liberale Handhabung passé ist. Ein Dreivierteljahr nach der Räumung von Rhino zum Beispiel, das in Genf während zwanzig Jahren den Kampf gegen die Spekulation symbolisierte, hat der Kanton die Bauarbeiten immer noch nicht begonnen. Bestätigt wird dies sowohl vom ehemaligen Besetzer und Repräsentanten des experimentellen Musiklabels Cave 12, Fernando Sixto, wie auch von Stadtrat Rémy Pagani.

«So etwas war früher hier unmöglich», sagt Sixto. Er beobachtet auch, dass Neubesetzungen in der Stadt von der Polizei unterbunden werden. Die letzte Besetzung an der Rue de la Coulouvrenière dauerte gerade mal vierzig Minuten; danach lieferten sich Polizei und BesetzerInnen heftige Auseinandersetzungen. Auch das ist neu in Genf.

Sixto jedenfalls will weiterkämpfen. Auf dem Untergrundlabel Cave 12 hat er gerade das Bandprojekt Darling des Genfer Musikers Adrien Kessler (Ex-Goz-of-Kermeur) veröffentlicht. Die Cave-12-Konzerte veranstaltet er an wechselnden Orten, im Alhambra, im Ilôt 13, in der Usine. «Es sind nicht weniger wie zu der Zeit, als das Rhino noch existierte: zehn bis fünfzehn pro Monat. Das ist mir wichtig. Weil wir keine andere Wahl haben, ziehen wir nun einfach wie Nomaden durch die Stadt.»

Modernes Nomadentum ist auch für den Genfer Musiker Alain Croubalian (Maniacs, Cowboy Fantôme, Dead Brothers) kein Fremdwort. Schliesslich hat er vorübergehend schon in Kanada, Kairo und Zürich gelebt. Genf aber war bis anhin immer sein Lebensmittelpunkt, das Zentrum seines kreativen Wirkens. Hier hat er in den achtziger Jahren die Maniacs gegründet, in den neunziger Jahren die Bar Madone lanciert und später den musikalischen Cirque Electrique mit dreissig anderen KünstlerInnen aus der Taufe gehoben.

Heute ist Genf für ihn kein Ort der Inspiration mehr. «Es gibt hier zu viele Leute, die schon haben und nichts mehr wollen. Andererseits haben sich auch die Squats selbst verändert. Der Grundgedanke der BesetzerInnenszene, gemeinschaftliches Wohnen und Treffpunkt der alternativen Szene zu sein, hat sich in den letzten Jahren verflüchtigt. Die Leute waren zum Teil einfach nur noch froh darüber, eine billige Wohngelegenheit gefunden zu haben.» Auch Croubalian hegt darum den Wunsch, der steifen Genfer Bise den Rücken zuzukehren. An der Volksbühne Berlin wird er im Frühjahr mit seinem Soloprogramm als Cowboy Fantôme zu Gast sein. Falls sich andere Auftrittsmöglichkeiten und Jobs ergeben, will er definitiv nach Berlin ziehen.

Ab in die Agglo

Stadtpräsident Patrice Mugny und Stadtrat Rémy Pagani wollen das Problem der fehlenden Produktionsplattformen in ihrer Stadt in Zukunft aktiv angehen. Mugny erwähnt ein Projekt, das vorsieht, in einer Aussengemeinde ein neues Gebäude für die Kulturschaffenden zu errichten. Hiefür hat die Stadt Genf mit 44 Gemeinden eine Arbeitsgruppe gegründet.

Pagani wiederum kann sich vorstellen, dass an einem geeigneten Platz im Zentrum Container aufgestellt werden könnten, welche den Kulturschaffenden als temporäre Bleibe zur Verfügung gestellt würden. Diese Vorschläge nähren die Vermutung, dass es in Genf wortwörtlich eng geworden ist.

So oder so: Wo sich Genf kulturpolitisch und urbanistisch hinbewegt, ist schwierig abzuschätzen. Im Moment dominiert das Bild der grossen Baustelle. Selbst in der Usine, dem Genfer Pendant zur Roten Fabrik in Zürich oder zur Reitschule in Bern, steht man vor einer ungewissen Zukunft. Aufgrund von Klagen aus der Nachbarschaft wegen Ruhestörung und Vandalismus könnte durchgesetzt werden, dass das Kulturzentrum seine Türen an gewissen Tagen bereits um Mitternacht schliessen muss. Ein anderer Vorschlag der Stadt ist, die «lauten» Veranstaltungen in die Agglomeration zu verlegen.

Doch was resultiert bei solchen Zukunftsszenarien im Zentrum: ein toter Kern? Eine schrille Chilbi für die «gauche caviare», die Kaviarlinke, wie es Musiker Alain Croubalian formuliert? Ein wirkliches Konzept, eine Vision für die Rousseau-Stadt, hört man hier und dort, existiere vor Ort nicht. Das sei erschreckend. «Die Politik in Genf», sagt Croubalian, «ist blockiert - seit Jahren.»

Trotzdem stirbt die Hoffnung auch am westlichsten Zipfel der Schweiz zuletzt. Cave-12-Betreiber Sixto schreibt auf seiner Website: «Les lieux disparaissent un à un, mais rien ne s'arrête», «die Orte verschwinden, einer nach dem anderen, doch nichts geht zu Ende.» On verra, Genève.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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