Nr. 46/2007 vom 15.11.2007

Die Menschenhalden von Sevilla

So nüchtern, so kalkuliert und so arrogant sind selten Vororte aus dem Boden gestampft worden wie die Quartiere im Süden der andalusischen Hauptstadt. Und doch gibt es Menschen, die nicht wegziehen wollen.

Von Dorothea Wuhrer, Sevilla

Wer jemals mit dem Auto oder im Zug durch Spanien gereist ist, hat sie schon mal gesehen, zumindest aus der Distanz – die Hochhäuser an der Peripherie der grossen Städte. Es gibt sie in den Aussenbezirken von Barcelona, von Zaragoza, Madrid, Valencia oder Bilbao. Aber nicht überall haftet den spanischen Banlieues ein so wohlklingender Name an wie dem Viertel, das man vom Autobahnring SE-30 aus sehen kann. Und nur wenige sind so heruntergekommen wie die Plattenbausiedlung Las Vegas, Teil der Trabantenstadt Polígono Sur im Süden von Sevilla. Selbst Vorbeifahrende können erkennen, dass in vielen Geschossen die Fensterscheiben fehlen.

Woher der Name Las Vegas kommt, weiss niemand so genau. Offiziell heisst der Strassenbezirk Barriada Martínez Montañés. Gut möglich, dass die ersten BewohnerInnen den Begriff Vegas («weite Ebene») wählten, weil manche von ihnen aus den Ebenen um Sevilla stammten. Genauso plausibel aber ist die Erklärung von Juan José Jiménez, dem ehemaligen Lastwagenfahrer, der hier seit langem lebt: Das Quartier, sagt er, sei kurz nach seinem Bau zum gesetzlosen Terrain geworden, zu einer Art spanischem Wilden Westen.

Mit der US-amerikanischen Stadt gleichen Namens hat das Las Vegas von Sevilla allerdings wenig zu tun. Hier gibt es weder Bars noch Spielhöllen, und bunt ist nur der Müll, der überall herumliegt. Fast genauso weit weg liegt das Flair der andalusischen Hauptstadt. Keine Strassencafés oder Tapas-Bars, keine Boutiquen, Souvenirläden oder malerische Gassen mit schönen alten Gebäuden. Stattdessen heruntergekommene zweistöckige Häuser und vier- bis zehnstöckige Wohnblocks. Dazwischen weite leere Flächen, auf denen weder Sitzbänke zu finden sind noch Bäume, die Schatten bieten könnten. Nur Beton, Müll und breite Strassen mit Schlaglöchern, durch die weder Taxis noch öffentliche Verkehrsmittel fahren. Tussam, die Busgesellschaft von Sevilla, hat schon vor Jahren die einzige Busverbindung ins Quartier eingestellt – zu viele Busse waren überfallen, zu viele Fahrer bedroht worden. Wer kein eigenes Fahrzeug hat, muss bis zur nächsten Haltestelle über eine halbe Stunde zu Fuss gehen. Wer Post erwartet, muss sich diese im Amt abholen, da niemand mehr Briefe austrägt. Selbst die Krankenwagenfahrer trauen sich nur unter Polizeischutz in das Viertel.

No-go-Zone

10 Uhr vormittags. Auf den Strassen ist wenig los, die meisten BewohnerInnen scheinen noch zu schlafen. Trotzdem stehen an jeder Ecke ein oder zwei Polizeiautos und private Fahrzeuge, deren Insassen unschwer als Zivilpolizisten erkennbar sind, vor allem im Sommer. Wer setzt sich bei Temperaturen von bis zu 50 Grad schon freiwillig stundenlang in ein Auto? Die Staatsgewalt ist also präsent. Und beobachtet das Geschehen auf Strassen, deren Namen recht absurd wirken: «Strasse der Königin des Friedens und des Himmels», «Strasse der Gesundheit der Kranken», «Strasse des Trosts der Traurigen», «Strasse der Zuflucht der Sünder».

Ausgedacht haben sich diese Benennung die StadtplanerInnen, die Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre – also noch in Zeiten der franquistischen Diktatur – im Süden von Sevilla die Trabantenstadt Polígono Sur hochzogen. Das vertikale Ghetto wurde vor allem für die BewohnerInnen der alten, baufälligen Häuser und Hütten im Zentrum von Sevilla konzipiert. Meistens handelte es sich dabei um Gitanos (wie sich die spanischen Roma und Sinti selbst nennen), die aus dem malerischen Stadtteil Triana vertrieben wurden. Sie hatten bis zu ihrer Vertreibung über Generationen hinweg in Häusern mit grossen Innenhöfen gewohnt, die von allen genutzt wurden – eine Wohnstruktur, die den Gemeinschaftssinn förderte: Alle kannten einander und wussten, welche Probleme die NachbarInnen haben.

Mit der Umsiedlung in die Wohnblocks vom Polígono Sur verschwand diese Solidarität. Und die Nähe zur Stadt. Heute leben in der Trabantenstadt Süd rund 70000 Menschen, eingepfercht zwischen der Bahnlinie Sevilla-Cádiz im Westen, der Stadtautobahn im Süden und einem Industrieviertel im Osten. Nur am Nordrand, dem zentrumsnäheren Gebiet, kann man den Polígono Sur zu Fuss verlassen.

Die Gitanos sind noch immer stark vertreten – vor allem in den besonders trostlosen Strassenzügen von Las Vegas mit seinen rund 1500 Wohnungen und dem danebenliegenden Quartier Tres Mil Viviendas, das offiziell Barriada Murillo heisst und – der Name sagt es – aus 3000 Wohnungen besteht. Während die Gitanos im Polígono Sur etwa ein Fünftel der Bevölkerung stellen, machen sie in diesen beiden Vierteln rund die Hälfte der 20000 EinwohnerInnen aus.

Und ständig kommen neue hinzu. Durch den rasanten Anstieg der Immobilienpreise ist Bauland in Sevilla zu einer äusserst attraktiven Einnahmequelle geworden, auch für die Stadtkasse. Deswegen begann die Verwaltung, auch Hüttensiedlungen ausserhalb des Stadtrands abreissen zu lassen, um die Grundstücke für viel Geld an Bauträger und Baufirmen zu verkaufen. Immer wieder kommt es vor, dass MaklerInnen mit Koffern voller Geld auftauchen und den dort lebenden Familien die Summe von 40 000, 50 000 Euro als Entschädigung für den Abriss ihrer maroden Unterkünfte anbieten. Neue Wohnungen werden ihnen allerdings nicht offeriert. Mehr noch – es kommt sogar vor, dass die aus ihren Hütten gelockten Menschen eine Klausel unterzeichnen müssen, gemäss welcher sie sich nicht im Polígono Sur niederlassen dürfen. In der Innenstadt jedoch, wo der Quadratmeterpreis inzwischen bei 6000 Euro liegt, kann man mit 40000, 50000 Euro nicht einmal eine Garage kaufen. Ausserdem hat eine Gitanofamilie auf dem ohnehin kleinen Mietmarkt wenig Chancen. Also bleibt den meisten nur eine Alternative: Sie nehmen das Geld und ziehen in den Polígono Sur, wo sie – illegalerweise – leerstehende Häuser besetzen oder neue Hütten aufbauen.

Keine Jobs, kein Selbstvertrauen

Aber eine geregelte Arbeit finden sie hier nicht. Laut offiziellen Angaben sind rund fünfzig Prozent der EinwohnerInnen des Polígono Sur ohne festen Job – und selbst diese Zahl beschönigt die Verhältnisse. Etwa ein Drittel aller Arbeitslosen sei nicht beim Arbeitsamt gemeldet, schätzt beispielsweise Antonio Domínguez. Domínguez hat jahrelang als Angestellter bei der Müllabfuhr gearbeitet und war in einer Reihe von Nachbarschaftsgruppen aktiv, bis er von der Stadtverwaltung als Verbindungsmann zu den Selbsthilfevereinigungen in der Trabentenstadt eingestellt wurde.

Ausserdem, so berichtet er, erhält nur jeder Zehnte die auf maximal zwei Jahre begrenzte Arbeitslosenhilfe; die meisten haben schon lange keine feste Stelle mehr oder haben nie in die Sozialversicherung einbezahlt. Und die Zahl der Sans-Papiers, die ohnehin in keiner Statistik auftauchen, wächst von Tag zu Tag. «Was hier fehlt, ist Selbstvertrauen und Selbstachtung», sagt Domínguez. «Sobald jemand eine Stelle und etwas Sicherheit findet, verlässt er das Viertel. Hier bleibt nur, wer keine Alternative hat.»

Nur im nördlichen Bezirk des Polígono Sur, der näher am Stadtzentrum liegt, sind die Verhältnisse etwas besser. Hier wurden die meisten Wohnungen an mittelständische Angestellte und an ArbeiterInnen verkauft und nur zu einem kleinen Teil an SozialhilfeempfängerInnen vermietet. Das macht das Zusammenleben weniger kompliziert. «Das liegt nicht etwa daran, dass wir die besseren Menschen sind oder weniger streiten», sagt Juan José Jiménez, «sondern daran, dass hier eine Mischkultur entstanden ist. Der Mittelstand lebt Haustür an Haustür mit der Unterschicht.» Im Süden hingegen, in Las Vegas und den Tres Mil Viviendas, «findest du nur Menschen auf der untersten Stufe der sozialen Leiter». Jiménez hat Glück gehabt. Einige seiner Vorfahren waren zwar Gitanos gewesen, aber er hat als Lastwagenfahrer im «freundlichen Teil des Ghettos» eine Bleibe gefunden. Vor vier Jahren krankheitsbedingt zum Frührentner geworden, engagiert er sich ehrenamtlich im Bürgerzentrum El Esqueleto (das Skelett) und in anderen Nachbarschaftsgruppierungen.

Schrott und Drogen

Die unten im Süden strampeln sich Tag für Tag ab. Die meisten der registrierten BewohnerInnen von Las Vegas und den Tres Mil Viviendas leben von der Sozialhilfe (maximal 540 Euro im Monat), die Illegalen bekommen gar nichts. Und so sind viele ständig unterwegs. Sie kaufen bei den Bauern im Umland billig Obst und Gemüse und verkaufen es auf den Wochenmärkten in der Provinz oder an Strassenkreuzungen. Oder sie fahren von morgens bis abends mit kleinen Lieferwagen durch die Strassen der Stadt und durch die Dörfer, wo sie weiterverwertbare Stoffe sammeln und an Schrotthändler verhökern.

Oder sie leben vom Müll. «Es ist ungemein schwierig, diese Menschen davon zu überzeugen, dass es auch an ihnen selbst liegt, wie sie leben», sagt Juan José Jiménez. Da niemand sie respektiert, beachten sie auch die anderen und ihre eigene Umgebung nicht. So kommt es vor, dass Aufzugschächte als Müllschlucker verwendet werden, wenn der Lift nicht mehr funktioniert. Es kam schon vor, dass der Abfall bis in die vierte Etage reichte. Manche werfen ihren Müll auch einfach aus dem Fenster. Er bleibt dann auf der Strasse liegen, weil die städtische Müllabfuhr grundsätzlich nur die Container leert. Diese wiederum werden von den Armen nach Essbarem und Weiterverwertbarem durchsucht; dabei bleibt ebenfalls so manches auf dem Gehsteig liegen.

Eine schnelle Abhilfe für dieses Problem ist nicht in Sicht. Juan José Jiménez fordert zwar seit langem, dass der Abfall auf eine ähnlich elegante Weise entsorgt wird wie im touristisch geprägten Stadtzentrum. Dort hat die Stadtverwaltung ein unterirdisches Müllabfuhrsystem eingerichtet, weil die Müllwagen die schmalen Altstadtgassen nicht befahren können. Aber ein solches System ist nicht billig und wird wohl kaum im ärmsten Quartier von Sevilla eingeführt. Eine andere simple Möglichkeit – die Bestrafung der MissetäterInnen – ist ebenso unrealistisch: «In einem Viertel, in dem die Polizei zusieht, wie vor ihrer Nase mit Drogen gehandelt wird, kann man kaum erwarten, dass sich die Leute von den Beamten beeindrucken lassen.»

Denn Drogen gibt es hier reichlich. «Hier wissen alle, wer süchtig ist und wer in welcher Wohnung was verkauft. Das weiss auch die Polizei», sagt Rosa Ceballos, Erzieherin in den Tres Mil Viviendas. Aber weshalb greift die Polizei nicht ein? «Das mag daran liegen, dass sie den Handel so besser unter Kontrolle hat: Las Vegas ist überschaubar. Würde man hier aufräumen, könnte sich die Dealerei auf die ganze Stadt verteilen.» Antonio Domínguez hat eine andere Erklärung: «Wenn die Polizei mal wieder gute Publicity braucht und einen schnellen Erfolg verbuchen will, marschiert sie einfach in Las Vegas ein: Hier findet sie immer etwas.»

Dass die Behörden den Drogenkonsum tolerieren, hat vielleicht auch politische Gründe. Auf diese Weise, so mutmasst der linke Frührentner Juan José Jiménez, sorgt sie dafür, dass sich die Ärmsten der Armen nur noch mit sich selber beschäftigen.

Derzeit zählt das Stadtteilzentrum für Drogensucht rund 2000 PatientInnen, 400 davon beteiligen sich an einem Methadonprogramm. Die Zahl der Süchtigen liegt jedoch weit höher – und deutlich über dem spanischen Durchschnitt. Dabei steht Spanien beim Kokainkonsum an der Spitze der westeuropäischen Staaten. Laut offiziellen Zahlen konsumierten im Jahr 2005 über sieben Prozent der Dreizehn- bis Sechzehnjährigen harte Drogen wie Kokain und Heroin.

«Solange die Jugendlichen mit Drogen- und Waffenhandel mehr Geld verdienen, als ihnen eine Lehre ohne Aussicht auf einen festen Job bringt, kann ich sie kaum motivieren, an einem Workshop teilzunehmen», klagt Melanie Pérez, Psychologin der Nachbarschaftsgruppe Asociación Entre Amigos (Vereinigung unter Freunden). Dazu komme, sagt sie, dass das Lohnniveau sehr niedrig ist: In Andalusien liegt das durchschnittliche Arbeitsentgelt bei rund 900 Euro netto im Monat.

Kreisläufe

Das von franquistischen Stadtplanern und ihren NachfolgerInnen geschaffene Ghetto hat eine Vielzahl von Teufelskreisen geschaffen, denen die darin Gefangenen kaum entfliehen können:

Viele leben bereits in der zweiten oder dritten Generation von Sozialhilfe und sehen wenig Hoffnung, dass sich etwas an ihrer Situation ändert.

Viele leben bereits in der zweiten oder dritten Generation von Sozialhilfe und sehen wenig Hoffnung, dass sich etwas an ihrer Situation ändert.

Der Staat ist vor allem als Ordnungsmacht präsent und wird vielfach als Repressionsinstrument wahrgenommen, dem man besser aus dem Weg geht, statt ihn herauszufordern. «Die Polizisten sitzen in ihren Autos oder drehen auf dem Motorrad so lange Runden, bis ihre Schicht zu Ende ist», sagt Melanie Pérez. Schärfer urteilt der ehemalige Lastwagenfahrer und ehrenamtliche Sozialaktivist Juan José Jiménez über die Polizei: «Die stand mir immer gegenüber – egal, ob bei einem Streik oder einer Demo –, um die Mächtigen zu verteidigen. Was soll man von denen schon erwarten?»

Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung im Norden des Polígono Sur lehnt die BewohnerInnen der südlichen Banlieue rundweg ab. Man habe ja nichts gegen die Afrikaner und die Gitanos, sagen viele – und beschweren sich im gleichen Atemzug darüber, dass «die Zigeuner und Drogensüchtigen alles kriegen und ich nichts».

Bewältigung eines Fiaskos

Die Wahrnehmung, dass «die da unten alles kriegen», hat mit der Politik der sozialdemokratischen Verwaltung zu tun, die reichlich hilflos auf die Zustände im Polígono Sur reagiert. Aber dort mittlerweile investiert – Geld, das anderswo nicht ausgegeben werden kann. Vor vier Jahren hat die Verwaltung die Stelle eines Kommunalbeauftragten, eines Comisionado, eingerichtet, der zwischen der Stadt, der Regionalregierung und der Bevölkerung vermitteln soll. Die Idee kam von den rund zwanzig Selbsthilfegruppen, die im Polígono Sur aktiv sind. Da immer mehr Sans-Papiers aus Afrika und Asien in der Südstadt Unterschlupf finden, griffen die Behörden den Vorschlag auf: «Der Polígono Sur ist die Geschichte eines Fiaskos», sagt mittlerweile selbst der Chef der andalusischen Regionalregierung, Manuel Chaves von der sozialdemokratischen Partei PSOE.

Dieser Comisionado soll die öffentlichen Gelder verwalten, die Miet- und Besitzverhältnisse klären, eine Sanierung der Infrastruktur (Häuser, Strassen, Strassenbeleuchtung) vorantreiben. Ein monumentaler Job mit vielen Risiken, den Jesús Maetzu da auf sich genommen hat und der ihm mittlerweile auch reichlich Kritik eingebracht hat.

Eine Sanierung der Wohnanlagen könne nur dann erfolgreich sein, wenn man den MieterInnen Verantwortung übertrage und ihnen ein Mindestmass an Mitspracherecht einräume, kritisiert beispielsweise Juan José Jiménez. Ausserdem plane die Regionalregierung in die falsche Richtung: Nur zwanzig Prozent des für Sevilla Süd vorgesehenen Budgets (bescheidene 300 Millionen Euro in fünfzehn Jahren) sind für Sozial- und Selbsthilfeprojekte gedacht. Die übrigen achtzig Prozent sind für urbane Reparaturarbeiten vorgesehen.

Mittlerweile lehnen auch viele Nachbarschaftsgruppen den Comisionado ab. Seine Behörde, sagt Rosa Ceballos, verwalte nicht nur die vom Staat gewährten Subventionen: «Sie entscheidet auch darüber, welche Projekte unterstützenswert sind, und finanziert die von unten initiierten Projekte erst mit erheblicher Verspätung – falls überhaupt.»

Ein bisschen Flamenco

«Wir wollen nicht viel», sagen der ehemalige Müllwerker Antonio Domínguez und der radikal-sozialistische Frührentner Juan José Jiménez unisono. «Wir wollen nur in Ruhe und sicher leben können.» Ein paar Strassen sanieren und die vom Comisionado empfohlene stärkere Präsenz von Polizei und Guardia Civil «helfen nicht weiter». Die Menschen bräuchten vielmehr «ein funktionierendes Gesundheitssystem, einen Arbeitsplatz, eine ordentliche Schulbildung».

Dafür engagieren sie sich auch weiterhin. Und sie sind nicht allein. Es gibt noch andere, die Las Vegas und die Tres Mil Viviendas nicht verlassen wollen und werden. Leute, die in diesen beiden heruntergekommenen Stadtrandvierteln immer wieder neue und alte Qualitäten entdecken: in der lokalen Kultur, insbesondere in der Musik. Für viele SpanierInnen, Gitanos und MusikerInnen aus aller Welt sind die Tres Mil Viviendas die Wiege des wahren Flamencos. Hier sind international renommierte Musiker wie Raimundo und Rafael Amador, Juana La del Revuelo, Ramón Quilate und El

Varilla aufgewachsen, und manche von ihnen leben auch heute noch hier. Der Flamenco verhalf dem Polígono Sur auch zu den einzigen positiven Schlagzeilen, die je über das Viertel getextet wurden – vor allem vor vier Jahren, als die französische Regisseurin Dominique Abel hier ihren Dokumentarfilm «Polígono Sur – Die Kunst der 3000» drehte.

Der Polígono Sur ist eine schlechte Wohnadresse – für Flamenco-MusikerInnen aber hat das Quartier viele Türen geöffnet. So wie auch für den Architekten, der in den siebziger Jahren viele Gebäude dieses vertikalen Ghettos entwarf und dafür einen internationalen Preis bekam: für die «Schaffung von ausserordentlichem Lebensraum».

Dorothea Wuhrer arbeitet als Übersetzerin und Journalistin in Sevilla. Sie schreibt seit Jahren für die WOZ.

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