Nr. 11/2008 vom 13.03.2008

Kann Soziologie helfen?

Interview: Martina Süess

WOZ: Denis Hänzi, Sie machen aus der Tatsache, dass Sie schwul sind, kein Geheimnis. Spielt das für Ihren Blick auf die Gesellschaft eine Rolle?
Denis Hänzi: Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich habe mich aber nie sehr stark über mein Schwulsein definiert, hatte nie Regenbogenfahnen 
im Zimmer und habe auch nie in der Schwulenszene eine neue Familie gesucht.

War Ihr Schwulsein für Ihre Familie und Ihr Umfeld nie ein Problem?
Ich hatte Glück. Im Dorf, wo ich aufgewachsen bin, gibt es einen Tearoom. Die damaligen Besitzer waren ein Paar, das offen schwul lebte. Das Lokal war sehr beliebt und weit über das Dorf hinaus bekannt, weil es dort die besten Coupes gab. Diese Bekanntheit und Beliebtheit des schwulen Wirtspaares hatte eine gewisse Wirkmacht. Ich bin da schon als Kindergärtler mit meiner Familie hin und habe das registriert. Das scheint mir wichtig. Ich glaube, dass die Identitätsentwicklung sehr stark vom Umfeld abhängt, in dem man aufwächst. Ob man von reaktionären Leuten umgeben ist oder ob es ein einigermassen liberales Milieu ist. Dank dieser Offenheit meiner Umgebung war mir schon mit vierzehn klar, dass ich mich für Jungs interessiere. Ich musste mir nichts vormachen.

Die Kontaktmöglichkeiten dürften in einem kleinen Dorf aber beschränkt gewesen sein. Wie haben Sie da Anschluss zu anderen Schwulen gefunden?
Über die Kirche. Im Konfirmationslager beschäftigten wir uns mit dem Thema Aussenseiter. Da ging es zum Beispiel um einen Schwerverbrecher und unter anderem auch um einen Schwulen. Das zeigt natürlich auch, wie Schwule eingereiht wurden. Aber immerhin, unser Pfarrer hatte einen Schwulen eingeladen. Der hat ein paar Broschüren von der Schwulen Jugendgruppe in Bern mitgebracht, und wir konnten Fragen stellen. Ich habe ihm später geschrieben, dass ich schwul sei und nicht wisse, wo hingehen. Wir haben uns in Bern getroffen, und er hat mir die Schwulenszene gezeigt. Das ist auch der Grund, warum ich bis heute nicht aus der Kirche ausgetreten bin.

Trotz Ihrer eigenen unproblematischen Geschichte beschäftigen Sie sich heute professionell mit Männlichkeitsbildern.
Das rührt wohl daher, dass ich in meiner Sozialisation gesehen habe: Okay, ich bin schwul, aber es ist kein Problem. Und dennoch wird es in der Gesellschaft als ein Problem gesehen. Wie kommt das? Und wie sind andere Männer? Wie leben sie? Wie denken sie? Man wird als Schwuler ja fast gezwungen, sich die Frage zu stellen, was diese Unterscheidung eigentlich soll, warum die sexuelle Orientierung so bedeutend ist. Dann gibt es, glaube ich, zwei grundverschiedene Arten, damit umzugehen: die eine ist eine narzisstische Selbstbespiegelung, die immer wieder in einen Kaufrausch bei Dolce und Gabbana mündet und darin, dass man nur noch mit sich und seinen Augenbrauen beschäftigt ist. Und das andere ist ein Blick nach aussen, dass man sich dafür interessiert, was um einen herum geschieht.

Und Soziologie studiert?
Zum Beispiel. Bei mir war das früh so, dass ich mich nicht so sehr mit mir selbst beschäftigen musste, sondern mich anderen Sachen zuwenden konnte. Vielleicht hat es damit zu, dass ich bilingue aufgewachsen bin, vielleicht bilden sich dann im Gehirn andere kognitive Muster heraus, und man geht anders mit Unterschieden um. Aber das ist jetzt reinste Küchentischphilosophie. Da müsste man einen Neuropsychologen fragen. Nein, im Ernst: Meine Entscheidung, Soziologe zu werden, hängt wohl tatsächlich damit zusammen, dass mich das, was als gesellschaftliche Wirklichkeit gilt, immer schon irritiert hat.

Kann die Soziologie dem Einzelnen weiterhelfen?
Sie kann ein Denkkorrektiv sein. Manches, was man nur halb bewusst wahrnimmt, an dem man aber immer aneckt, wird vielleicht klarer – und man kann über die eigene Person hinausschauen. Nicht, dass man das eigene Handeln entschuldigen kann, indem man sagt: Was solls, es ist ja alles gesellschaftlich bedingt, und ich kann gar nichts dafür. Aber man versteht, dass vielerlei Probleme nicht individuell verursacht sind, sondern in einem grösseren sozialen Zusammenhang stehen.

Der Berner Soziologe Denis Hänzi (30) lebt und arbeitet zurzeit in Berlin. Seine Lieblingslokale dort sind die «Raststätte Gnadenbrot» an der Martin-Luther-
Strasse und der «Bierhimmel» an der Oranienstrasse.

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