Nr. 11/2008 vom 13.03.2008

«Dann bin ich doch dabei»

In drei Monaten beginnt die Europameisterschaft in der Schweiz und in Österreich. Der Ansturm auf die Eintrittskarten ist gewaltig, die Ticketverlosung gleicht einer Lotterie. Aber: Wer will schon die Nati sehen?

Von Carlos Hanimann

In Istanbul waren sie 500 gegen 41 500: Das ganze Stadion buhte und pfiff sie aus - die Fans der Schweizer Nationalmannschaft. Die türkischen Fans bewarfen sie mit alle möglichen Gegenständen: Leuchtfackeln, Bierbechern und sogar Billardkugeln. Als der Schiedsrichter das WM-Entscheidungsspiel Türkei-Schweiz abpfiff, stürmten die Schweizer Spieler in die Kabinen. Das war vor drei Jahren. Die Schweiz hatte verloren, sich aber dennoch für die Weltmeisterschaft in Deutschland qualifiziert. Beim Eingang zu den Katakomben kam es zu einem Handgemenge, Spieler und Funktionäre prügelten aufeinander ein. Das Stadion kochte. Die Polizei musste die Autobahn absperren und die 500 Schweizer AnhängerInnen direkt zum Flughafen eskortieren.

«Ich fand das Spiel geil. Für mich war es das prägende Erlebnis mit der Schweizer Nati», sagt Lukas Lange. Der 21-Jährige war mit zehn FreundInnen aus Bern und Gossau an das Spiel gereist. «Alle anderen kamen mit einem Reiseunternehmen, organisiert mit Programm und allem Drum und Dran. Wir reisten individuell an. Wir fuhren mit dem Taxi zum Stadion, und es war wirklich krass. Man warf uns böse Blicke zu, aber es passierte nichts. Ich war überrascht, die Polizei schützte uns gut.»

Paris, Toftir, Istanbul

In drei Monaten findet in Basel das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft statt. Und dann werden alle Schweizer-Nati-Fans sein. So hofft es wenigstens der Euro-Botschafter Benedikt Weibel. Der Nati-Fan, wer ist das? Ein etwas untersetzter Schnauzträger über vierzig mit gerötetem Gesicht, der einen rot-weissen Zylinderhut auf dem Kopf und ein Trikot der Nationalmannschaft über dem bleichen Bierbauch trägt? Einer, der in der Hand ein Fähnchen hält, am Grossanlass Euro 08 mal ein bisschen die Sau rauslassen will und deshalb vor und im Stadion «Hopp Schwiiz, Hopp Schwiiz» ruft? Lukas Lange entspricht dem Klischee nicht im Geringsten. «Ich würde mich auch nicht als Nati-Fan bezeichnen», sagt er. «Ich habe nicht einmal Nationalstolz. Wenn es nach mir ginge, gäbe es auch keine Grenzen. Und eigentlich gibt es hunderttausend Gründe, nicht an Nati-Spiele zu gehen.» Aber irgendwie lande er doch immer wieder dort. Warum, kann er selber nicht richtig erklären. Der 21-jährige kaufmännische Angestellte besucht die Spiele der Nationalmannschaft schon von klein auf, seit Jahren auch auswärts. Er sah die Spiele in Paris, in Toftir auf den Färöern oder in Istanbul. «Ich sage immer: In letzter Zeit gehe ich nicht mehr so oft. Aber dann bin ich doch bei fast jedem Spiel dabei.»

Als im Frühjahr 2007 Köbi Kuhns Mannschaft zu zwei Testspielen in Miami gegen Kolumbien und Jamaika antrat, sassen rund fünfzig SchweizerInnen im Stadion. Etwa vierzig waren aus der Schweiz angereist. Unter ihnen auch Lukas Lange. Für zwei Testspiele der Nati. Er fliege ja nicht nur wegen eines Fussballspiels um die halbe Welt, erklärt er. «Das ist, wie wenn du mit deinem Lieblingsverein ins Trainingslager fährst. Du verbindest die Ferien mit Fussball. Ausserdem lernst du neue Fussballplätze, Grounds kennen, du sammelst Länderpunkte.» Groundhopping nennt sich das. Lange reist überall in der Welt herum und sieht sich Fussballspiele, Stadien und Fanszenen an. Er sammelt Fussballstadien wie andere Briefmarken. Lange ist ein Fussballjunkie. Seit über zehn Jahren besucht er die Spiele der Berner Young Boys - im Wankdorf und auch auswärts. Seit einigen Jahren fährt er auch wöchentlich nach Hamburg, er besitzt eine Saisonkarte des HSV. An manchen Wochenenden sieht er sich am Samstag YB an, fährt mit dem Nachtzug nach Hamburg, um am Sonntag den HSV anzufeuern, und kehrt dann mit dem Nachtzug wieder zurück nach Bern, direkt ins Büro. Oft hört er dann den Satz: «Du bist ja eigentlich noch intelligent, warum bist du Fussballfan?»

Wie eine Lotterie

Wenn im Juni die Europameisterschaft beginnt, dann werden wohl auch sie Fussballfans sein: Sieben Millionen FussballexpertInnen, die besser wissen, wann und warum Köbi Kuhn wen hätte einwechseln müssen. Im Basler St.-Jakob-Stadion werden 40 000 Menschen auf Uefa-Kommando Sponsorenfähnchen schwenken, das vorgesetzte alkoholfreie Bier trinken und das von Sponsoren vorgeschriebene Fastfood essen - ein grosser Werbe-Event, getarnt als Fussballeuropameisterschaft.

Die zahlreichen Nebenwirkungen, die das Fussballfest mit sich bringt (vgl. WOZ Nr. 1+2/08), lassen kaum «Europhorie» aufkommen. Es fällt schwer, sich auf die Euro zu freuen. Und sogar in den Medien wird der Mega-Event kritisch beäugt: Sicherheitshysterie, Einschränkung der Grundrechte, Gebührenstreit mit der Uefa - und dass sich 8,7 Millionen Interessenten um 1,05 Millionen Eintrittskarten streiten müssen. Der Schweizerische Fussballverband verkaufte in der zweiten Verlosungsrunde soeben 16 800 Tickets. Die Zahl der Anträge beträgt ein Vielfaches: 280 000 Personen wollen 765 000 Eintrittskarten. Der Ticketverkauf gleicht einer Lotterie.

Auch Lange sieht der Euro kritisch entgegen. Für ihn ist der Anlass die Vollendung dessen, was er auch im Klubfussball vehement ablehnt: die totale Kommerzialisierung des Fussballs, das Spiel als Event mit einem Publikum als austauschbare Masse. Wenigstens über das Ticket muss sich Lange keine Sorgen machen. Wer acht Eintrittskarten für Nati-Spiele vorweist, kann beim Schweizerischen Fussballverband Tickets für die drei Vorrundenspiele der Schweiz kaufen und erhält die Option auf weitere, falls die Schweiz weiterkommt. «Ich habe mir auch schon überlegt, meine Karten an Freunde abzugeben und gar nicht an die Euro zu gehen. Mir widerstrebt diese Vermarktung der Euro. Verkaufen würde ich sie aber niemals, mit Schwarzmarkthandel würde ich ja die ganze Kommerzialisierung des Fussballs unterstützen.» Finanziell wäre das allerdings lohnenswert. Im Internet werden Tickets für das Spiel Schweiz-Türkei in Basel für knapp 1000 Franken angeboten. Lukas Lange wird wohl trotzdem hingehen. «Warum soll ich wegen der negativen Begleiterscheinungen auf etwas verzichten, das mich seit meiner Kindheit fasziniert?»

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