Nr. 11/2008 vom 13.03.2008

Schwundstufen der Realität

Von Michael Saager

Berlin, Potsdamer Platz, Sony Center. Wie sieht es dort aus, und wie fühlt sich das an? Ulrich Peltzers Roman beginnt eben dort, und der Autor macht von Anbeginn klar: In «Teil der Lösung» geht es nicht nur um soziale Beziehungen, neue politische Bewegungen und Liebe, sondern vor allem auch darum, die Bedeutung urbanen Lebens und Erlebens in angemessene Worte und Bilder zu fassen.

Peltzer interessiert sich für die «Schwundstufen der Realität», die in der gegenwärtigen Ordnung sozialer Räume zum Ausdruck gebracht werden - durch all die Reklamen und grellen Lichter, in denen Abertausende von Waren erscheinen. Und dann gibt es da noch die stetig anwachsenden Datenströme, die zu einer immer unbarmherzigeren Grammatik totaler Überwachung führen. Der Konsumtempel Sony Center mit all seinen Kameras und Wachleuten ist Peltzer das Paradigma gewordene Gebäude für diese Entwicklung. Eine Entwicklung, die der Berliner Autor ganz und gar nicht in Ordnung findet.

Zentraler Protagonist des atmosphärisch dichten Buches ist der am Hungertuch nagende Autor und freie Journalist Christian Eich, 36. Er verliebt sich, während er ehemaligen Terroristen der Roten Brigaden nachrecherchiert, in die 23-jährige Studentin Nele. Nele wiederum ist Teil einer politisch motivierten Gruppe, deren Aktionen sich von situationistischen Protestaufführungen gegen den Überwachungs- und Kontrollstaat zunehmend in Richtung Gewalt radikalisieren - bis BKA und BND sich an ihre Fersen heften.

In einer kühl bezeichnenden und gleichzeitig atemlos leidenschaftlichen Sprache spinnt Peltzer an der angesagten Metapher des Netzes mit, indem er unterschiedliche Personen mit unterschiedlichen Intentionen, verschiedene Schauplätze und Politiken sowie widerstreitende Gefühle geschickt zueinander in Beziehung setzt. Geschwätzig ist er dabei nicht, aber vielsagend und vieldeutig bei entsprechender Fallhöhe, was «Teil der Lösung» ein ums andere Mal in die Nähe der Romane Don DeLillos rückt - sicher nicht die schlechteste Referenz.

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