Nr. 32/2016 vom 11.08.2016

Fröhlicher Abgesang auf Stadt und Natur

Die Band JaKönigJa ist von Hamburg aufs Land gezogen. Und spielt sich auf dem neuen Album «Emanzipation im Wald» erst recht an jeder falschen Idylle vorbei.

Von Michael Saager

Hauptsache, es wird nicht gewöhnlich: Marco Dreckkötter, Jakobus und Ebba Durstewitz. Foto: Nele Heitmeyer

Oha, sind sie jetzt also im Wald gelandet? Liegen sie dort im Moos und schauen Rehen beim Äsen zu? Blättern sie auf einer sonnenbeschienenen Buchenwaldlichtung in einer der unzähligen Zurück-zur-Natur-Lifestylezeitschriften nach Rezepten für ein biodynamisches Knusperhäuschen? Wer das zwischen Musik, Theater, bildender Kunst und freier Autorschaft pendelnde Ehepaar Ebba und Jakobus Durstewitz kennt, weiss: So blöde wird es nicht. Wo bliebe denn da auch die Emanzipation, von der im Titel des sechsten JaKönigJa-Albums «Emanzipation im Wald» die Rede ist?

Allerdings wohnen die beiden tatsächlich nicht mehr in Hamburg, sondern auf dem Land, in einem Dorf vor der Elbmetropole. Aber Land ist nicht Wald, und die Gründe für den Umzug sind herzlich unromantisch. «Insbesondere mich», sagt Ebba Durstewitz, «hat es nie aufs Land gezogen. Gewisse Naturreferenzen auf dem Album haben sich einfach ergeben und sind auch metaphorisch zu lesen. Es waren die Hamburger Mietpreise, es war die sogenannte Gentrifizierung, es war wohl eine Art selbsterfüllende Prophezeiung, die uns schliesslich aufs Land getrieben hat.»

Wo auch immer sie leben wollen, Hamburg ist Ausgangs- und Ankerpunkt. Dort wurden JaKönigJa 1994 gegründet. Detlef Diederichsen nahm sie für ihr erstes Album bei seinem Label Moll unter Vertrag. Als Hausband des Golden Pudel Club erspielten sie sich in der Szene der Hamburger Schule bald einen veritablen Ruf. So viel Öffentlichkeit wie Blumfeld oder Tocotronic hatten sie freilich nie. Sie eigneten sich nicht so schön als Vorbild, schwieriger, ungreifbarer waren sie auch. Und weil ihnen andere Dinge, Berufe, Projekte, Leidenschaften genauso wichtig waren, machten sie zwischen ihren Alben jeweils grössere Pausen.

Die Stimme gleich erkannt

Zwischen «Tiefsee» (1999) und «Ebba» (2005) lagen sechs Jahre, zwischen dem letzten Album, «Die Seilschaft der Verflixten» von 2008, und «Emanzipation im Wald» liegen sogar acht. Die Veröffentlichungspraxis von Ebba (Cello, Klavier, Gesang), Jakobus Durstewitz (Banjo, Gitarre) und Marco Dreckkötter (Percussion), dem Dritten im Bunde, ist schönster Antimainstream. Wie Musik, Texte und Gesang passt sie gut zu jener programmatischen Zeile, die Ebba Durstewitz in dem vor elf Jahren erschienenen Song «Sei hochwohlgeboren» singt: «Hauptsache ist doch, es wird nicht gewöhnlich.»

Ungewöhnlichkeit um jeden Preis ist natürlich pubertär. Glücklicherweise sind die beiden – Ebba Durstewitz hat Jahrgang 1971, ihr Mann Jahrgang 1969 – schon eine Weile erwachsen. Den Preis bestimmen sie souverän selbst; seine stattliche Höhe ergibt sich, wenn man künstlerischen Eigensinn, verschrobenen Charme, gedankliche Tiefe und spielerische Leichtigkeit addiert. Man muss sich nur anhören, wie Ebba Durstewitz mit ihrem Gesang die Stücke gestaltet. Verhalten und leise, gern etwas versponnen, zwischen vorsichtiger Zärtlichkeit und beobachtender Kühle changierend, akzentuiert sie ihre Sätze so, dass sie kleine Inseln bilden. Dies inmitten einer raffinierten, unter weitgehendem Verzicht aufs Schlagzeug behände dahinfliessenden, geschmackssicher inszenierten Umgebung aus Cello, Klavier, Mandolinen, Posaunen, halbakustischen (Folk-)Gitarren im Geist von Burt Bacharach, den Beach Boys, Van Dyke Parks und Stereolab.

Man erkennt diesen klar nuancierten Gesang in sonorer Stimmlage auch nach acht Jahren sofort und mit einiger Freude. Was an immer mal wieder verloren geglaubte Musikerinnen wie Laetitia Sadier (von Stereolab) oder den grossen Artrocker Robert Wyatt erinnert. Bei diesen mit JaKönigJa musikalisch wahlverwandten und ebenfalls kinderleicht wiederzuerkennenden (Stimm-)Künstlern ist die Freude des Wiederhörens ja auch immer sehr gross.

Erstaunlich singulär

Dass man Ebba Durstewitz so hartnäckig an den Lippen hängt, liegt nicht zuletzt an den Texten. Die sind wunderlicher noch als der Gesang, auch wenn mancher Reim etwas eilfertig zusammengedengelt wirkt und mancher Einfall – «Die Zukunft gehört dem Pferd» – über niedlich-albernen Quatsch nicht hinausgelangt. Hübsch anzuhören ist die melancholische Verlorenheitsfantasie «Polar». Obgleich die Protagonistin des Stücks sich aus Versehen in die alte Welt der Tiefsee navigiert hat, passt der besungene Ozean doch gut zum Thema der Platte: einem bedeutungsoffen beziehungsweise ambivalent gehaltenen Dreiklang aus Zufluchtsgedanken, Ortlosigkeit und Nichtverortbarkeit, der seinen Höhepunkt in dem fantastisch vieldeutigen Titelstück findet.

Was immer dieser in der deutschsprachigen Poplandschaft erstaunlich singulär dastehende Song wirklich ist: «Emanzipation im Wald» klingt wie ein fröhlich-garstiger Abgesang sowohl auf die städtische Zivilisation und ihre im fragmentierten Selbst gezüchteten Ängste als auch auf den allzu schlichten Gedanken unverstellt idyllischer Lebensvorstellungen in der ach so schönen Natur. Durch das nicht unbedingt angenehme, randständige Leben im Wald erfährt die bald schon zahnlose Erzählerin einen überhaupt nicht charmanten Verwandlungsprozess. «Ich schlage um mich, kratz und beiss, heut weiss ich nicht mehr, wie ich heiss / Bin ohne Skrupel aggressiv und denke gerne negativ / Jetzt kann ich endlich grässlich sein – und ganz und gar für mich allein.»

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