Nr. 15/2008 vom 10.04.2008

Leben als Mutprobe

Ein Buch will Frauen ermutigen, nach einer Vergewaltigung ihre Sprache wiederzufinden und sich beim Weg zurück in die Normalität helfen zu lassen.

Von Karin Hoffsten

Vergewaltigt zu werden, gehört zu den schwersten Traumata, die einem Menschen - meistens einer Frau - angetan werden können. Danach geht das Leben weiter. Über dieses (Weiter-)Leben nach einer Vergewaltigung hat die Autorin Kathrin Berger fünf Frauen befragt. Schon die Fragestellung ist eine Herausforderung. Die Autorin - selbst betroffen - hat sie angenommen.

Herausgekommen ist dabei weder Betroffenheitsliteratur noch Futter für Voyeure. Fünf Frauen zwischen 28 und 51 Jahren in völlig verschiedenen Lebenssituationen berichten darüber, wie sie selbst und ihr Umfeld auf die Gewalttat reagiert haben, wie ihr persönlicher Verarbeitungsprozess aussieht, zu welchen Bewältigungsstrategien sie greifen, um mit der traumatisierenden Erfahrung fertig zu werden, und wie sie sich Stück für Stück ihr Leben zurückerobern. Dabei wird deutlich: So verschieden die Lebensumstände betroffener Frauen auch sein mögen, bei der physischen und der psychischen Reaktion auf die Tat, auf diese erschütternde Verletzung der persönlichen Integrität, gibt es Parallelen. Die Zerstörung des Selbstwerts, die über lange Zeit immer wiederkehrenden Ängste, der totale Zusammenbruch des Vertrauens in andere und in sich selbst, die Sprachlosigkeit, die Gefühle von Scham und Schuld, all das wirft Betroffene radikal aus der Normalität ihres bisherigen Lebens. Immer ist das Verhältnis zum eigenen Körper nachhaltig gestört; immer ist es ungeheuer schwierig, über das Geschehene zu sprechen, mit der Familie, dem Partner, den Freundinnen, am Arbeitsplatz. Allen stellt sich die quälende Frage nach dem eigenen Verschulden - wo haben sie sich falsch verhalten, dass es überhaupt zur Tat kommen konnte? Sich in Gesellschaft anderer Menschen aufzuhalten, wird zur Mutprobe, das ganz normale soziale Leben ist von Grund auf infrage gestellt.

Kathrin Berger lässt nicht nur die betroffenen Frauen zu Wort kommen, sondern auch Mitarbeiterinnen der Zürcher Beratungsstelle Nottelefon für Frauen mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung. Diese Fachfrauen beziehen in ihren Beiträgen den aktuellen Wissensstand der modernen Traumaforschung mit ein und machen die besondere gesellschaftliche Dimension der Vergewaltigung deutlich: Primär geht es immer um Machtausübung und nicht um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse. Betroffenen Frauen will Berger mit ihrer Publikation Mut machen, ihre Sprache wiederzufinden, sich über das scheinbar Unaussprechliche auszutauschen und sich an geeigneter Stelle Hilfe zu holen. Das Buch enthält eine Liste der Schweizer Beratungsstellen für Opfer sexueller Gewalt. Aber auch indirekt Betroffene, wie Angehörige und Fachleute, können von der Lektüre profitieren, denn die seelischen Folgen dieser demütigenden Gewalterfahrung und die Reaktionen von Betroffenen sind für Aussenstehende nicht immer leicht zu verstehen. Wir wünschen dem sorgfältig gemachten Buch viele aufmerksame LeserInnen - nicht zuletzt deshalb, weil es auch ausgesprochen ansprechend und liebevoll gestaltet ist.

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