Nr. 22/2015 vom 28.05.2015

«Die Gewalt an Frauen ist subtiler geworden»

Als Beraterinnen beim Frauen-Nottelefon Winterthur unterstützen Kristin Murpf und Doris Binda Frauen, die Opfer von physischer oder psychischer Gewalt geworden sind. Hierfür wird ihnen auch schon mal «Emanzentum» vorgeworfen.

Von Nina Laky (Interview) und Andreas Mader (Foto)

Die Beraterinnen Doris Binda (links) und Kristin Murpf lassen sich den Humor nicht nehmen.

Sie lachen viel, die beiden Frauen von der Beratungsstelle Frauen-Nottelefon in Winterthur. «Wir haben trotz der Thematik den Humor nicht verloren», sagt Doris Binda. Die 47-Jährige sitzt mit ihrer Mitarbeiterin Kristin Murpf an einem Holztisch im Sitzungszimmer an der Technikumstrasse 38 und erzählt von ihrer Arbeit, in den Nebenräumen finden die Beratungen statt. Das Schönste sei, wenn eine Frau ihr Büro gestärkt verlasse, fügt Murpf hinzu: «Ich arbeite gerne hier. Auch wenn ich viele erschütternde Geschichten höre.»

Vor 25 Jahren richtete eine Gruppe von Fachfrauen aus dem Umfeld des Winterthurer Frauenhauses eines der ersten Frauen-Nottelefone der Schweiz ein. Die 24-Stunden-Hotline sollte Frauen in akuten Notlagen zur Seite stehen, zum Beispiel unmittelbar nach einer Vergewaltigung. Aus dem Telefondienst von damals ist mittlerweile eine gemäss Opferhilfegesetz anerkannte Beratungsstelle mit sieben Mitarbeiterinnen und regulären Büroöffnungszeiten geworden. Die Stelle kostet die öffentliche Hand 628 000 Franken im Jahr, zehn Prozent des Gesamtbudgets kommen von privaten SponsorInnen.

Steigende Klientinnenzahl

Seit 1993 sind die Kantone gesetzlich verpflichtet, kostenlose Opferhilfe zu gewährleisten. Anspruch darauf hat jede Person, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen, sexuellen oder psychischen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist. Auch im Kanton Zürich gibt es verschiedene Anlaufstellen, das Frauen-Nottelefon Winterthur steht dabei ausschliesslich Frauen offen. Im Jahr 2014 hat die Beratungsstelle 1070 Klientinnen beraten, 44 mehr als im Vorjahr. Sie waren betroffen von Stalking, Drohungen, sexuellen Übergriffen oder psychischer Gewalt.

Dass die Zahl der Klientinnen in den letzten Jahren stetig gestiegen ist, hat verschiedene Gründe. Zum einen seien Frauen heute wohl schneller bereit, sich Hilfe zu holen. Zum anderen seien die Formen von Gewalt subtiler und vielfältiger geworden, sagt Kristin Murpf: «Früher konnte man die Klingel ausschalten und sich einschliessen. Durch die neuen Kommunikationsmittel ist Stalking permanent möglich.» Fälle von Cybermobbing hätten beispielsweise klar zugenommen.

Trotz anfänglicher Skepsis hat die Beratungsstelle die Zusammenarbeit mit der Polizei in den letzten Jahren verstärkt. Seit dem 2007 in Kraft getretenen kantonalen Gewaltschutzgesetz informiert die Polizei die Beratungsstelle über jeden Vorfall häuslicher oder sexueller Gewalt. Die Mitarbeiterinnen des Nottelefons sind ihrerseits verpflichtet, mit den Betroffenen Kontakt aufzunehmen. Die Täter werden ans Mannebüro vermittelt.

Keine ideologischen Gespräche

«Ich war acht Jahre alt, als wir unser altes Puppenlädeli dem Frauenhaus spendeten», erinnert sich Kristin Murpf. «Dass es so etwas gibt, hat mich nicht mehr losgelassen.» Ihr Gerechtigkeitssinn habe sie schliesslich dazu getrieben, nach dem Psychologiestudium einer Arbeit im Bereich der Opferhilfe nachzugehen. Eine Frau solle selber über ihr Leben und ihre Zukunft entscheiden können, nicht ihr Chef, nicht ihre Familie und nicht ihr Ehemann. Murpf arbeitete in verschiedenen Frauenhäusern, vor eineinhalb Jahren kam die heute 36-Jährige zum Frauen-Nottelefon Winterthur. Doris Binda ist gelernte Sozialpädagogin und seit 2011 beim Frauen-Nottelefon, zuvor hatte sie jahrelang in einem Mädchenhaus gearbeitet: «Ich war schon immer ein politischer Mensch und bin mit feministischen Grundideen aufgewachsen.» Auch das Frauen-Nottelefon bezeichnet sich als feministische Organisation. Immer wieder werde ihnen deswegen «Emanzentum» vorgeworfen, von Ehemännern, aber auch von Politikern. «Dabei führen wir keine ideologischen Gespräche auf der Beratungsstelle», sagt Kristin Murpf. «Wir helfen Frauen, ihre Rechte wahrzunehmen, das ist alles.» Die beiden haben sich in verschiedenen Weiterbildungskursen für den neuen Job fit gemacht, im Opferhilfekurs sei es vor allem um rechtliche Grundlagen gegangen: «Ich musste vieles dazulernen. Im Mädchenhaus hatte ich beispielsweise nichts mit dem Eherecht zu tun», erzählt Binda.

Dieser Tage feiern Kristin Murpf, Doris Binda und ihre Kolleginnen das 25-jährige Bestehen der Beratungsstelle Frauen-Nottelefon mit einem Strassenkonzert. Der Zukunft schauen sie allerdings eher besorgt entgegen. Die Opferhilfe ist zwar gesetzlich verankert, kann also nicht ersatzlos gestrichen werden, doch die finanzielle Lage ist auch im Kanton Zürich angespannt. «Es wäre fatal, wenn wir beispielsweise die Sitzungszahl pro Frau begrenzen müssten», sagt Kristin Murpf. «Jeder Fall ist individuell», ergänzt Doris Binda. «Wir müssen nun mit dem Politlobbying vorwärtsmachen. Es braucht uns auch in Zukunft. Denn eine gewaltfreie Welt werden wir nicht erleben.»

Jubiläum 25 Jahre Beratungsstelle Frauen-Nottelefon, Donnerstag, 28. Mai 2015, 18 Uhr, Rathausdurchgang Winterthur. Mit japanischer Trommelmusik der Gruppe Deep Groove.

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