Nr. 02/2022 vom 13.01.2022

Der Vorfall

Was tun, wenn eine gute Freundin eine Vergewaltigung erlebt hat? Wieso fällt es so schwer, darüber zu sprechen? Wieso scheint es einfacher, sich am Täter zu rächen, als die Betroffene zu unterstützen? Eine kollektive Spurensuche, die ins Herz des Patriarchats führt.

Von einem Freund:innenkreis aus Zürich (Text) und Klub Galopp (Illustration)

Dieser Text ist das Ergebnis einer kollektiven Reflexion über den Umgang mit einem Fall von sexualisierter Gewalt. Wir wurden zusammengetrommelt von unserer Freundin Linna (Name geändert). Sie war enttäuscht und wütend, weil sie psychisch unter den Folgen einer Vergewaltigung litt und dafür von uns – ihren Freund:innen, Familienangehörigen, Genoss:innen – keine Unterstützung erhielt. Es war nicht die Unzulänglichkeit Einzelner, sondern ein kollektives Versagen. Linna bezeichnet den Umgang als eine «zweite Verletzung» – diesmal zugefügt von ihrem nächsten Umfeld.

Wir wollen nicht detailliert auf den Vorfall eingehen, sondern nur ein paar Eckpunkte nennen: Der Vergewaltigung ging einvernehmlicher Sex voraus. Im Zuge dessen zog der Täter das Kondom aus, gegen den ausdrücklichen Willen von Linna. Er hörte ihr Nein, spürte ihren Widerstand, aber er stoppte erst, als sie ihn wegstossen konnte. Das Ganze geschah nach einer Party in einer anderen Stadt. Linna kannte den Täter nicht und sah ihn danach nie wieder.

Linna fasste die Tat schnell als das auf, was sie war: eine Vergewaltigung. Die Menschen, denen sie davon erzählte, haben deutlich länger gebraucht. Die Geschichte – Party, Alkohol, One-Night-Stand, verschwommene Erinnerung, schlechter Sex – kommt uns zu bekannt vor, als dass sie zu diesem monströsen Verbrechen passen würde. Nun bezeichnen wir uns alle als feministisch, wir wissen Bescheid über «Nein heisst Nein», kennen das Konzept der Definitionsmacht und würden darum den Teufel tun, Linna ihre Erfahrung abzusprechen.

Trotzdem handelten wir nicht so, wie es nötig gewesen wäre. Wir nickten verständnisvoll. Wir hörten zu und nahmen Anteil. Aber dabei blieb es. Linna berichtete davon, wie es sie frustrierte, dass niemand von sich aus nachfragte, wie es ihr damit gehe. Es lag immer in ihrer Verantwortung, das Thema aufzubringen. Das ist anstrengend. So fiel es Linna immer schwerer, über das Erlebte zu sprechen und es zu verarbeiten. Sie begann, an sich und ihrer Wahrnehmung zu zweifeln. War alles vielleicht gar nicht so schlimm, wie sie dachte?

Unerwünschtes Sprechen

Der Begriff «Silencing» bezeichnet die gesellschaftliche Praxis, über Vergewaltigungen zu schweigen. Dafür ist es erst einmal zentral, die Betroffenen zum Schweigen zu bringen. Die Frage nach der Kleidung und dem Verhalten, die Verharmlosung des Geschehenen und das Säen von Zweifeln erzeugen Angst, nicht ernst genommen zu werden.

Silencing geht aber nicht nur von jenen Personen aus, die der Betroffenen feindlich gesinnt sind. Silencing ist jegliches Verhalten, das dazu führt, dass Betroffene nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Unser Verhalten war Teil dieser patriarchalen Praxis. Das war umso verheerender, als wir Linnas beste Freund:innen und engste Vertraute sind.

Die Soziologin und Aktivistin Lilian Schwerdtner bezeichnet dieses Schweigen in ihrem Buch «Sprechen und Schweigen über sexualisierte Gewalt» als eine Form der sprachlichen Gewalt: «Auch das Schweigen des Umfeldes, die vermeintliche Nichtantwort, ist eine Antwort. Betroffenen mit Schweigen zu begegnen, gibt ihnen subtil die Unerwünschtheit ihres Sprechens zu verstehen.»

Acht Monate nach dem Vorfall begannen wir, uns regelmässig zu treffen, um gemeinsam mit Linna unser Versagen aufzuarbeiten. Wir stehen alle in einer nahen Beziehung zu Linna. Mit dabei sind langjährige Freund:innen, Mitbewohner:innen, die Brüder und der Boyfriend. An den Treffen waren wir zwischen sechs und neun Personen. Alle erzählten, wie sie die vergangenen Monate erlebt hatten und wie sie sich ihren Umgang mit Linna erklärten. Diese Diskussionen verlangten uns sehr viel ab. Sie waren oft emotional, es gab Streit, Linnas Trauma berührte uns stärker, als wir es wahrhaben wollten.

Es stellte sich aber auch heraus, dass wir viele Vorstellungen und Ängste teilten und unabhängig voneinander ganz ähnliche Muster des (Nicht-)Handelns entwickelt hatten. Wir fragten uns also, wie es dazu kam und was das alles mit dem Patriarchat zu tun hat.

Alle von uns beschrieben ein Gefühl der Überforderung, wenn wir mit «dem Thema» konfrontiert waren. Wir hatten Angst, Linna zu «triggern» und zu retraumatisieren, wenn wir sie auf das Erlebte ansprachen – oder zumindest die Stimmung zu versauen. Wir hatten Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Also sagten und taten wir einfach gar nichts, das war einfacher. Für uns.

Das Tragische daran ist: Linna hatte uns ganz genau gesagt, was sie brauchte. Dass wir nachfragen sollen, wie wir darüber mit Vertrauten sprechen können, wo ihre Triggerpunkte liegen. Sie war damit beschäftigt, uns die Angst zu nehmen. Letztlich musste sie sich um uns kümmern und nicht nur um ihr Trauma, sondern auch unsere Überforderung bewältigen.

Einige Personen in Linnas Umfeld begründeten ihre Überforderung auch mit eigenen Erfahrungen oder Ängsten bezüglich sexualisierter Gewalt. Einige wehrten Linnas Gesprächsversuche deshalb schnell ab und konnten das auch kommunizieren. Andere konnten das nicht und reproduzierten deshalb teilweise Silencing-Mechanismen. Es handelt sich dabei überwiegend um FLINTA-Personen*, aber auch ein schwuler Mann berichtete davon. Die beschriebene Überforderung stellt also nicht lediglich eine Unbeholfenheit und eine Ignoranz gegenüber sexualisierter Gewalt dar, sie kann auch aus einer tatsächlichen psychischen Belastung stammen.

Unsere Gruppe besteht überwiegend aus Cis-Männern*. Wir teilen miteinander jenen Teil der Überforderung, der aus Unbeholfenheit und Ignoranz herrührt. Wir haben die Vergewaltigung und das Ausmass der Folgen zunächst unterschätzt. Wir haben nicht damit gerechnet, dass Linna dieses Erlebnis auch Monate später noch beschäftigen würde, dass es bereits eine Verbesserung war, wenn sie «nur noch einmal am Tag» daran denken musste, dass das Trauma unvermittelt und unvorhersehbar wieder hochkommen und sie an den Rand des psychischen Zusammenbruchs bringen konnte. Wir haben lange gebraucht, bis wir «den Vorfall» überhaupt als Vergewaltigung begriffen und nach aussen als solchen bezeichnet haben, obwohl Linna genau das von uns forderte. Wir dachten, wir müssten einfach ein wenig geduldig sein. Wir hatten nicht miteinander oder mit anderen Personen darüber gesprochen, uns nicht über das Thema informiert.

«Kein typisches Opfer»

Auf der anderen Seite rührte die Überforderung auch aus einer neuen Überschätzung des Vorgefallenen. So schwer es uns anfangs fiel, in Linna ein «Vergewaltigungsopfer» zu sehen, so weitreichend waren die Konsequenzen, als wir es taten. Wir hatten nun Angst, über die Thematik zu sprechen. Ihr Freund hatte Hemmungen beim Sex. Wir fürchteten, dass die kleinste Geste oder ein falsches Wort Linna zusammenbrechen lassen könnte.

Aber Linna bleibt Linna. Selbst wenn es ihr schlecht geht, weint sie nicht, sie schliesst sich nicht in ihr Zimmer ein, kriegt Ausbildung und Job weiterhin auf die Reihe, geht feiern, hat Sex. Für sie fühlt sich das normal an, ist es auch. Wir hingegen, die sie schon seit vielen Jahren, teilweise ein Leben lang kennen, erwarteten von Linna ein Verhalten, das wenig bis gar nichts mit ihrem Charakter zu tun hat.

Es ging so weit, dass Linna selbst von sich sagte, dass sie eben «kein typisches Opfer» sei. Da war sie schon vollzogen, die Schuldumkehr: Wenn du dich nicht wie ein «echtes Opfer» benimmst, kannst du auch keine Hilfe erwarten.

Laut Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal wird eine Vergewaltigung bis heute als «das Schicksal, das schlimmer ist als der Tod» betrachtet. In der gesellschaftlichen Vorstellung können nur Frauen zu Opfern werden. Sie sind für den Rest ihres Lebens stigmatisiert, die erlittene Vergewaltigung ist fortan ihr kennzeichnendes Identitätsmerkmal. Den Grund dafür sieht Sanyal im Konzept der Ehre: Der Mann verliert seine Ehre in der öffentlichen Sphäre – in der Politik, im Beruf, auf dem Schlachtfeld –, kann sie aber auf ebenjenem Terrain auch wiederherstellen. Die Ehre der Frau hingegen ist historisch eng mit ihrer Sexualität und ihrem Körper verknüpft. Sie ist mit dem illegitimen Sex – was eine Vergewaltigung in diesem Konzept ist – unwiederbringlich zerstört. Der Verlust der Ehre bedeutet den sozialen Tod, der noch schlimmer ist als der physische.

Bis heute können in der Schweiz nach juristischer Definition nur Frauen von Männern vergewaltigt werden. Einzig die vaginale Penetration erfüllt den Straftatbestand. Bis 1992 mussten Betroffene in Prozessen nicht nur die Tat selbst beweisen, sondern auch, dass sie ihre Ehre verloren hatten. Dabei wurde nicht nur der Leumund der Frau geprüft, sondern auch, «ob sie den angemessenen Schmerz – ob ihrer verlorenen Ehre – an den Tag legte», wie Sanyal schreibt. Sogenannt freizügiges Benehmen, eine Arbeit im Prostitutionsmilieu oder eben auch ein vermeintlich opferuntypisches Verhalten konnten ihr zum Verhängnis werden. Dieses Muster finden wir in Vergewaltigungsprozessen auch heute noch. So sorgte im August 2021 ein Gericht in Basel für Aufsehen, als es das Strafmass für einen Vergewaltiger stark reduzierte, weil die Betroffene durch ihr Verhalten angeblich «falsche Signale ausgesandt» und «mit dem Feuer gespielt» hatte.

Eine Frau, die eine Vergewaltigung erlebt hat, muss also erst einmal glaubhaft machen können, dass sie nicht doch in irgendeiner Weise an der Tat mitschuldig ist, aber auch ihr Umgang mit dem Ereignis steht unter genauer Beobachtung. Die Autorin Virginie Despentes schreibt in ihrem Essay «King Kong Theorie» über die Vergewaltigung, die sie erlitten hat: «Mein Überleben ist an und für sich ein Beweis, der gegen mich spricht. […] Als praktizierendes Punk-Girl konnte ich zum Glück gut auf meine Reinheit als anständige Frau verzichten. Aber von einer Vergewaltigung musst du traumatisiert sein, es gibt eine Reihe von sichtbaren Zeichen, die respektiert werden müssen: Angst vor Männern, vor der Nacht, vor der Autonomie, Ekel vor Sex und anderen Freuden.»

Ein «typisches Vergewaltigungsopfer» hat also ein gebrochener Mensch zu sein, schwer traumatisiert und depressiv. Die Gesellschaft bemitleidet diese Frauen, kann ihnen aber nicht helfen. Diese Konstellation ist ein Grund, warum es vielen Betroffenen schwerfällt, einen Übergriff als Vergewaltigung zu bezeichnen. Sie stigmatisieren sich damit selbst – und setzen sich gleichzeitig dem Misstrauen der Gesellschaft aus. Verhält sie sich nicht wie ein «richtiges Opfer», droht ihr eine folgenreiche Verurteilung als Lügnerin. Auch Linna erzählte uns vom Schock, der sie durchfuhr, als sie realisierte, dass es sich bei der Tat um eine Vergewaltigung handelte.

Rachegelüste

Mithu Sanyal beschreibt in ihrem Buch «Vergewaltigung», dass sich eine solche als kulturelles Stigma nicht nur gegen die Betroffene richte, sondern auch gegen ihr männliches Umfeld. Von einer Vergewaltigung sind auch Ehemänner, Väter, Brüder, der Familienclan, ja die ganze Nation betroffen. Deren Identität hängt stark an der Kontrolle der Sexualität «ihrer» Frauen. Durch die Vergewaltigung wird diese Kontrolle genommen, die gesellschaftliche Ordnung destabilisiert. Das zeigt sich etwa darin, dass Vergewaltigung eine gängige Praxis in Kriegen ist. Der Feind soll damit gedemütigt werden. Diese Vorstellung trat aber auch im Zuge der sexualisierten Übergriffe in der Silvesternacht in Köln 2016 deutlich zutage: Weil es sich bei den mutmasslichen Tätern überwiegend um Männer of Color handelte, sahen nicht nur Rechte, sondern auch viele vermeintlich Liberale und Linke die gesellschaftliche Ordnung in Deutschland bedroht.

Gerade weil diese gesellschaftlichen Vorstellungen so archaisch anmuten, fällt es uns schwer, sie in uns zu akzeptieren. Der Bruder, den die Vorstellung der Vergewaltigung seiner Schwester schon immer ängstigte. Der Boyfriend, der davor zurückschreckte, anderen davon zu erzählen, was seiner Freundin widerfahren ist. In der Gruppe wurde es mehrmals als Problem dargestellt, dass der Täter unbekannt und nicht «unter uns» sei. Es war nicht möglich, ihn von gemeinsamen Räumen auszuschliessen und ihn zu einer Aufarbeitung zu zwingen. Doch warum gingen wir davon aus, dass dies den Umgang mit Linnas Erlebnis und Trauma vereinfachen würde? Wohl weil daraus die Vorstellung spricht, dass die Rache am Täter unsere Unfähigkeit, Linna zu beschützen, kompensieren würde.

Der Täter war nicht greifbar, was uns verunmöglichte, die praktischen Vorgehensweisen umzusetzen, die wir bereits kannten oder zumindest erahnten. Für uns – Linnas überwiegend cis-männliche Freunde – war das ein Problem. Für Linna selbst weniger. Sie hatte nicht primär das Bedürfnis, den Täter mithilfe ihrer rachsüchtigen Freund:innen aus gemeinsamen Räumen auszuschliessen und wahlweise in Therapie oder in die Notaufnahme zu schicken. Ihr Bedürfnis war die Aufarbeitung ihres Traumas, und dafür wünschte sie sich unseren Support. Dieses Bedürfnis – und nur dieses – hätte im Zentrum unseres Denkens und Handelns stehen sollen.

Männer als (Mit-)Täter

In unseren Gruppendiskussionen stellten wir uns oft die Frage, warum es uns so schwerfällt, über das Thema der sexualisierten Gewalt zu sprechen. Neben anderen Aspekten erwähnten mehrere Männer, dass sie vor dem Thema zurückschreckten aus Angst, übergriffiges Verhalten bei sich selbst zu entdecken. Sie vermuteten, dass sie sich in der Vergangenheit selbst übergriffig verhalten hätten. Niemand berichtete davon, dass er jemals eines sexualisierten Übergriffs bezichtigt worden wäre. Die Angst davor, dass dies geschehen könnte, erzählt uns einiges über den männlichen Bezug zum Thema sexualisierte Gewalt.

Zunächst beschrieben viele, dass sie Mühe hatten und einige Zeit brauchten, um das, was Linna widerfahren ist, als «Vergewaltigung» zu bezeichnen. Und auch dann fiel es uns schwer zu verstehen, worin der Gewaltakt genau lag, auch weil es in diesem spezifischen Fall eine Grenze zwischen einvernehmlichen Sex und Gewalt zu ziehen galt.

Von Männern wird in dieser Gesellschaft verlangt, dass sie autonome Subjekte sind und die Anforderungen, die an sie gestellt werden, selbstständig erfüllen können («Selbst ist der Mann»). Die Familie zu ernähren, ist eine solche Anforderung. Diese Autonomie ist aber eine Illusion, sie wird ständig beschnitten. Etwa dann, wenn der Mann aufgrund eines Jobverlusts nicht mehr fähig ist, für seine Familie zu sorgen.

Diese prekäre Autonomie zeigt sich auch in der Sexualität. In der Pubertät wird heterosexuellen Männern klar, dass die Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse in hohem Masse von selbstständig handelnden Frauen abhängig ist. Aber wir lernen in dieser Gesellschaft so gut wie nichts über konsensuellen Sex. Sexualität ist deswegen für Männer stark mit der Unterwerfung von Frauen verknüpft. Das geht von der Verführung bis zur Vergewaltigung. Wir lernen und reproduzieren das in der Literatur, in der Musik, in Pornos, eigentlich überall. Es geht immer darum, dass der Mann die Frau erobert. Und wenn er es beim ersten Mal nicht schafft, dann versucht er es halt weiter. Diese Art der Beziehung ist von Grund auf gewaltvoll, weil sie einen Nährboden für Grenzüberschreitungen bildet.

Männern fällt es aufgrund ihrer Sozialisation also leicht, «Täterverhalten» nachzuvollziehen und Verständnis dafür aufzubringen. Sie tendieren deshalb dazu, Übergriffe zu verharmlosen und Täter zu schützen. Die Grenze zwischen Flirt und Übergriff erscheint aus dieser (Täter-)Perspektive als schwer fassbar. Die Unsicherheit darüber, ob man selbst auch schon einen sexualisierten Übergriff begangen hat, verdeutlicht das.

Unsere «Überforderung», Linna bei der Verarbeitung ihres Erlebnisses zu unterstützen, hat eine Ursache im Verhältnis zu sexualisierter Gewalt, zu der Männer in dieser Gesellschaft sozialisiert werden. Es ist eine Empathielosigkeit gegenüber Betroffenen – die dazu führt, dass es uns schwerfällt, die Art und das Ausmass der Verletzung nachzuvollziehen. Sie wird ergänzt durch Empathiefähigkeit gegenüber den Tätern.

Ein paar Ratschläge

Uns fiel auf, dass wir uns untereinander nicht darüber ausgetauscht hatten, wie es Linna ging und welche Unterstützung sie brauchte. Alles, was wir wussten, wussten wir aus Einzelgesprächen mit ihr. Linna musste also viel Zeit dafür aufwenden, ihr Problem allen von uns einzeln darzulegen und nach Unterstützung zu fragen.

Wir überlegten uns, wie wir vorgegangen wären, hätte Linna beispielsweise einen schweren Unfall gehabt. In diesem Fall wäre es uns naheliegend erschienen, Freund:innen und Familie abzutelefonieren, Gruppenchats und Doodles einzurichten und Aufgaben zu verteilen. Es hätte Linna etwa auch geholfen, wenn sie jemand in schwierigen Phasen im Haushalt unterstützt oder für sie Therapeut:innen und Anlaufstellen recherchiert hätte. Dadurch würde für die Betroffene schon einmal viel Organisationsaufwand entfallen. Auch für die anderen Beteiligten würde es vieles leichter machen: Es wäre ihnen möglich, sich gemäss ihren Fähigkeiten und Kapazitäten zu beteiligen. Überhaupt ist es gerade beim Thema «sexualisierte Gewalt» wichtig, dass sich auch Unterstützer:innen nicht überlasten. Es gibt Spezialist:innen, die man hinzuziehen kann. Beim oben erwähnten fiktiven Unfall würden wir schliesslich auch nicht selbst am Küchentisch eine Operation durchführen.

Heute können wir ein paar Ratschläge geben: Fragt bei Betroffenen regelmässig nach, wie ihr sie unterstützen könnt. Respektiert aber auch, wenn sie das Thema noch nicht, nicht mit euch oder gar nicht besprechen wollen. Setzt euch mit dem Thema «sexualisierte Gewalt» auseinander, und hinterfragt stereotype Vorstellungen und Bilder. Tauscht euch mit anderen Personen im Umfeld von Betroffenen aus, organisiert bei Bedarf freundschaftliche Hilfe. Aber stellt dabei immer die Wünsche und die Bedürfnisse der Betroffenen ins Zentrum.

Ebenso wichtig erscheint uns aber auch, individuelle Erfahrungen und individuelles Verhalten auf die gesellschaftliche Ebene zu beziehen. Wir haben in der Auseinandersetzung nicht nur mehr über uns selbst gelernt, sondern auch über die Verhältnisse, in denen wir leben. Silencing und Stigmatisierung von Betroffenen sind nicht nur unser individuelles Versagen, sondern eine patriarchale Praxis. Weltweit kämpfen FLINTA-Personen und auch einige Cis-Männer gegen sexualisierte Gewalt und für ein Ende des Patriarchats. Wir hoffen, dass wir mit unseren Erfahrungen einen kleinen Teil dazu beitragen.

* FLINTA steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, Transgender- und Agender-Personen. Cis-Männer sind Männer, die sich mit ihrem Geburtsgeschlecht «männlich» identifizieren oder zumindest damit leben können.

Dieser Text erscheint in einer ausführlicheren Version auch im Onlinemagazin «ajour»: www.ajourmag.ch.

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