Nr. 19/2008 vom 08.05.2008

Sag mir, was du siehst

Seine Klecksbilder haben Generationen von PsychologInnen umgetrieben und sind längst Bestandteil unserer Alltagskultur geworden. Eine Ausstellung in Herisau rückt nun den wenig bekannten Vater der «komplexen Kleckse» ins Licht.

Von Franziska Meister

Andy Warhol, Begründer der Pop-Art, schuf in seiner späten Phase eine Reihe von über vier Meter hohen, symmetrischen Klecksbildern, die er «Rorschachs» nannte. Als Inspiration dienten ihm die Kleckstafeln des psychologischen Tests gleichen Namens. Von Hermann Rorschach, dem Schöpfer des Tests, wusste Warhol wenig. Dabei verbindet die beiden Männer einiges. Zum Beispiel die Kritik an ihrem Werk als Trivialisierung von Kunst respektive von Wissenschaft. Und die bislang wenig bekannte Tatsache, dass Rorschach ebenso Künstler wie Wissenschaftler war - was das von ihm entwickelte Testverfahren entscheidend geprägt hat. Eine Hommage an das kreative Potenzial des Rorschachtests und seines Schöpfers lässt sich seit Ende April in Herisau bewundern.

«Ich will nicht nur Bücher lesen, sondern Menschen.» Auf dieses Zitat Rorschachs tritt, wer in die Ausstellung im Museum Herisau eintaucht. Weitere Zitate sind in den grau melierten Filzteppich gesetzt, der mit seiner ausgeprägten Haftfreudigkeit das seine dazu beiträgt, dass man vor den Schaufenstern der Ausstellung kleben bleibt. Eingelassen in eine weisse raumfüllende Skulptur führen diese Schaufenster auf der Vorderseite durch das Leben von Hermann Rorschach, auf der Rück- oder besser Kehrseite durch die Geschichte des Rorschachtests.

Wer sich auf den Rundgang begibt, passiert dazwischen einen Spiegelkorridor. «Es ist eine Passage vom Aussen- zum Innenleben - auch dem eigenen», sagt Iris Blum, die Kuratorin der Ausstellung. «Die Konfrontation mit dem eigenen Spiegelbild bereitet darauf vor, dass man sich nun mit den inneren Bildern, die das Testverfahren abruft, auseinandersetzen wird.»

In den mehr als zwei Jahren, in denen sich Iris Blum mit Hermann Rorschach beschäftigt hat, ist «eine intensive Beziehung mit diesem Mann» entstanden - «nicht nur, weil er ein bisschen aussieht wie Brad Pitt», wie sie schmunzelnd hinzufügt. Attraktiv gefunden hat sie Rorschach nämlich vor allem als Wissenschaftler, als Künstler - und als radikaler Vertreter der Gleichstellung zwischen Frau und Mann. All dies ist auf subtile Weise in die Ausstellung eingeflossen.

Rorschach, der Feminist

«Ich bin mir nicht sicher, ob ich es ihm verzeihen kann, dass er einer Studentenverbindung beigetreten ist», sinniert Iris Blum mit Blick auf Rorschachs einschlägige Mütze, in die sein Verbindungsname eingraviert ist: «Klex». Immerhin hat er ausgerechnet an einem Verbindungstreffen ein flammendes Plädoyer für die Frauenemanzipation gehalten. Rorschach setzte sich seit seiner Jugend vehement für die Gleichberechtigung ein - nicht nur im Erwerbs-, sondern auch im Familienleben. Insbesondere in seinem eigenen.

Das illustriert das Schaufenster zu Rorschachs Zeit in Herisau: Vor dem gemalten Hintergrund der Familienwohnung in der Klinik - das Original stammt von Rorschach - bestimmen Puppenmöbel und kleine, bemalte Holztiere die Einrichtung. Angefertigt hat sie Rorschach für seine beiden Kinder in der hauseigenen Schreinerei. Skizzen aus seiner Hand, die ihn beim Baden, Trösten und Spielen mit seiner Tochter zeigen, bekräftigen das Bild eines liebevollen Familienvaters, der auch im Erziehungsalltag zupacken konnte.

Eine egalitäre Rollenteilung mit seiner Frau, der Russin Olga Stempelin, die ebenfalls Ärztin war, liess sich in Herisau indes nicht verwirklichen. Behörden und Anstaltsdirektor verboten ihr die Berufstätigkeit. Das erfährt, wer das Geheimnis der «Olga-Klappe» lüftet: Iris Blum hat sie unauffällig neben verschiedene Schaufenster angebracht. Unter der Klappe verbergen sich biografische Angaben zu Rorschachs Frau und Partnerin. «Der Forschung und Literatur zu Hermann Rorschach ist sie nie mehr als eine Fussnote wert gewesen», sagt Blum.

Dem ist nicht länger so, denn Iris Blum hat Olga Stempelin gleich zwei Beiträge in der Begleitpublikation zur Ausstellung gewidmet. Als Mitherausgeberin ist es ihr ausserdem ein Anliegen gewesen, Olga auch auf der Titelseite sichtbar zu machen.

Rorschach, der Künstler

Nebst seiner Tätigkeit als Arzt in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau hat Hermann Rorschach verschiedentlich Theaterstücke mit seinen Patient-Innen eingeübt und aufgeführt, Maskenbälle in der Klinik organisiert und Festplakate gemalt. Sein zeichnerisches Talent findet sich in zahlreichen Ausstellungsstücken belegt, während seine dramaturgische Ader in den einzelnen Schaufenstern augenscheinlich wird: Sie wirken wie kleine Bühnen hinter Glas, auf denen einzelne Stationen von Rorschachs Leben inszeniert und kleine Geschichten dazu erzählt werden.

Über vierzig Schattenfiguren zeugen von Rorschachs Liebe zum Theater. Die Figuren stellen reale Personen aus dem Mikrokosmos der Klinik dar: PatientInnen, Handwerker, PflegerInnen, aber auch der Klinikdirektor und Rorschach selbst sind vertreten. «Leider wissen wir nicht genau, wozu Rorschach seine Schattenfiguren verwendet hat», sagt Blum. «Aber ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass die Figuren nicht eine bestimmte Funktion in Rorschachs Theaterstücken innehatten.» Beeindruckend sind die Figuren nicht zuletzt in ihrer individuellen Lebendigkeit. Rorschach verstand es ausserordentlich gut, Haltung und Bewegung einer Person zu erfassen und zu reproduzieren - sei es mit Zeichenstift oder Pinsel, sei es mit Schere oder Laubsäge.

Einige von Rorschachs Schattenfiguren erwecken die Theaterschaffenden von «Philothea», «Fleisch & Pappe» und «Mafob» im Rahmen der Ausstellung zu neuem Leben: Mit einer halbstündigen Aufführung im Museum stimmen sie jeweils vor den öffentlichen Führungen auf die Ausstellung ein. Iris Blum selbst schreibt an einem eigenständigen Theaterstück mit dem Titel «Herr Rorschach: Ein assoziatives Testspiel in zehn Bildern», das Anfang September Premiere feiern wird - im Krombachsaal der Psychiatrischen Klinik; jenem Ort also, an dem schon Rorschach mit seinen PatientInnen Theater gespielt hat. «Rorschachs Nachlass ist lückenhaft und bietet Raum für Spekulationen. Hier möchte ich anknüpfen und die Geschichten ins Fiktionale weiterspinnen», sagt Blum. «Es gibt zum Beispiel ein Foto von einem angeketteten Affen in der Klinik. Ob Rorschach wohl mit diesem Affen auf Patientenvisite gegangen ist?»

Rorschach, der Wissenschaftler

Wie sehr künstlerisches und wissenschaftliches Talent bei Hermann Rorschach ineinanderflossen, kommt in seinen Kleckstafeln - «Klecksografien», wie er sie nannte - zum Ausdruck. Die zehn Tafeln, die noch heute die Testbasis bilden, sind nämlich nicht etwa zufällig beim Beklecksen und Falten von Papier entstanden. Vielmehr hat Rorschach die scheinbaren Zufallsbilder im Verlauf jahrelanger Experimente sorgfältig konstruiert. Eines davon - die Kleckstafel drei - ist in Herisau ausgestellt. Eine Videoinstallation zeigt Hände, welche die Tafel drehen. Die Hörstation davor lädt ein, historischen Assoziatio-nen von Rorschachs PatientInnen aus dem Jahr 1922 zu lauschen. An einer zweiten Hörstation wird nicht nur das Testverfahren erläutert, sondern auch das Verfängliche des Tests beschrieben.

Erste Klecksexperimente führte Rorschach bereits um 1911 während seiner Zeit als Assistenzarzt in Münsterlingen durch - unter anderem mit Schüler-Innen einer Dorfschule. In Herisau hat er dann rund vierzig Klecksbilder hergestellt und zuerst an PatientInnen und PflegerInnen, später auch an Personen ausserhalb der Klinik getestet. «Was könnte das sein?», lautete seine immergleiche Frage. Aufgrund der Antworten hat er die Klecksbilder bis zu einer finalen Serie von zehn Kleckstafeln weiterentwickelt und 1921 unter dem Titel «Psychodiagnostik. Methodik und Ergebnisse eines wahrnehmungsdiagnostischen Experiments (Deutenlassen von Zufallsformen)» veröffentlicht.

Rorschachs Experimente standen nicht im luftleeren Raum, betont Iris Blum. Das Deuten von Zufallsformen - und dazu zählt auch das Kaffeesatz-lesen, wie die Ausstellung zeigt - war im 19. Jahrhundert populär geworden. Um die Wende zum 20. Jahrhundert begann sich die Testpsychologie zu entwickeln. Alfred Binet, der Vater des Intel-ligenztests, setzte als erster Tintenkleckse ein, um den Fantasiereichtum von Kindern zu überprüfen. Hermann Rorschach ging mit seinem Testver-fahren aber weit über die Klecksversuche früherer Forscher hin-aus, indem er seine Klecksografien so systematisierte, dass sie es ermög-lichten, die gesamte Persönlichkeit eines Menschen zu erfassen.

Schicksal des Rorschachtests

Ein Anspruch, der schon damals auf Kritik stiess. Nichtsdestotrotz fand der Rorschachtest, wie er fortan hiess, rasch Verbreitung - vor allem in den USA. Ab Mitte der Dreissiger Jahre setzte dort ein wahrer Rorschachboom ein, obwohl die «Psychodiagnostik» erst 1942 in englischer Übersetzung erschien. Verschiedenste, untereinander konkurrenzierende Schulen entwickelten das Testverfahren von Rorschach weiter. Erst 1974 gelang es John Exner, die besten Ansätze aus diesen Schulen in seinem «Comprehensive System» zu bündeln. Es gilt seither als wissenschaftliches Standardwerk zum Rorschachtest. Auch wenn dieser heute aus verschiedenen Gründen nur noch selten angewandt wird (vgl. Interview in der Printausgabe der WOZ).

Ganz anders als die wissenschaftliche sind die künstlerische und vor allem die populärkulturelle Karriere des Tests verlaufen. Zwar hängt im Museum Herisau kein Warhol. Dafür hat der Künstler Rolf Graf aus dem klebrigen Filzteppich der Ausstellung eine Installation mit Alpsteinsilhouette und Perückenbock geschaffen, die vielfältige assoziative Bezüge zum Rorschachtest erlaubt. Nicht fehlen darf natürlich auch das preisgekrönte Musikvideo von Gnarls Barkley mit dem bezeichnenden Titel «Crazy»: Die Folge von Klecksbildern, die rhythmisch zur Musik entstehen und sich verwandeln, ist als halluzinogene Endlosschlaufe im Halbdunkel eines zusätzlichen Ausstellungsraumes zu bewundern. Dort sind auch weitere Popularisierungsformen des Rorschachtests versammelt: Filme, Comics, Spiele, Kleidungsstücke und vieles mehr.

«Rorschach lauert überall», so das Motto des Raumes. Iris Blum ist überzeugt: «Wenn man erst einmal sensibilisiert ist für die Formen der Kleckstafeln, sieht man sie plötzlich überall. Das visuelle Vermächtnis der Testtafeln lebt weiter - bis hin zu trivialisierten Trash-Objekten.»

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