Nr. 20/2008 vom 15.05.2008

Heidi im Alptraumland

Susanne Fengler hat die Arbeitsmigration der Deutschen in die Schweiz als Romanstoff entdeckt: ein nicht allzu schmeichelhafter Blick auf die Schweiz und ihre Gesellschaft.

Von Eva Pfister

Am Anfang ist für die Ärztin Ilka alles wunderbar: der Lohn, die Arbeitsbedingungen, die Stadt. Von einem Berliner Krankenhaus, wo sie für wenig Geld viel zu viel arbeiten musste, kommt sie an das Universitätsspital Zürich. Sie wird herzlich empfangen, sieht mit Staunen, dass hier die Krankenschwestern den Ärzten so manchen Bürokram abnehmen, und kann sich kaum fassen angesichts des Angebots an frischen Lebensmitteln in den Supermärkten.

Am Anfang gefällt sich Ilka Fuchs auch als Vielfliegerin. Gemeinsam mit Akademikerinnen und Managern füllt sie die vorderen Reihen der Frühmaschine nach Zürich am Montag und kehrt mit ihnen am Freitagabend nach Berlin zurück. In den hinteren Reihen sitzen immer die Bauarbeiter, dabei gibt es bei Air Berlin gar keine Businessclass. Aber die deutschen ArbeitsmigrantInnen in der Schweiz separieren sich automatisch in zwei Klassen.

Im Zürcher «Elendsviertel»

In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl deutscher Einwanderinnen und Einwanderer in die Schweiz verdreifacht, gleichzeitig haben die Ressentiments gegen sie zugenommen - die Diskussion ist bekannt. Susanne Fengler kennt das Pendeln in die Schweiz aus eigener Anschauung: Sie lehrt Kommunikationswissenschaft in Berlin, wo sie auch lebt, Fribourg und Lugano. Darum kann sie anschaulich die Nöte des Alltags beschreiben: Wie mühselig das Aufbauen eines zweiten Haushalts ist, wie schwierig das Aufrechterhalten einer Wochenendbeziehung.

Ausserdem befindet sich Ilkas Wohnung hinter der lauten Weststrasse in einem Abbruchobjekt. Dass die Gegend als Elendsquartier gilt, erfährt sie von den KollegInnen im Spital, worauf sie verschweigt, wo sie wohnt, und sich nicht mehr auf eine Portion Cevapcici in den Montenegro-Grill traut. Als sie hört, dass die Weststrasse in Sachen Feinstaubbelastung ungefähr der Bergbaustadt Kattowitz oder dem DDR-Chemiestandort Bitterfeld in den schlimmsten Zeiten entspricht, wundert sie sich auch nicht mehr.

Die 36-jährige Fengler wurde bekannt durch ihren Roman «Fräulein Schröder», in dem sie ihre Erfahrungen als Pressearbeiterin in der Berliner CDU-Zentrale verarbeitete. Sie schreibt pointiert und baut viele dramatische Verwicklungen in ihren Roman ein, das grenzt zuweilen fast an Kolportage, liest sich aber amüsant. Was «Heidiland» darüber hinaus spannend macht, ist die Ausweitung des Themas auf gesamteuropäische Verhältnisse. Während Ilka aus dem gebeutelten Deutschland mit seiner Lohndumpingpolitik in die heile Schweiz flieht, erkundet ihr Vater Moldawien als Standort für die Verlagerung eines Werks seiner Firma, die Sicherheitstechnik herstellt und mit der Billigkonkurrenz aus Asien zu kämpfen hat.

Gediegen, sauber, unfreundlich

Ilkas Freund Stefan verbummelt unterdessen seinen Abschluss als Jurist und führt trotzig seine linken Aktivitäten fort. Er untersucht einen Skandal in der Medizinforschung und kämpft mit seiner Mutter gegen das gigantische Hochhaus, das eine Schweizer Bank in Frankfurt bauen will. Lange finden sie keine MitstreiterInnen, denn sobald die Leute erfahren, dass es um eine Schweizer Firma geht, «nehmen ihre Augen einen sanften Ausdruck an».

Dies entspricht tatsächlich dem Reflex, mit dem in Deutschland auf SchweizerInnen reagiert wurde (zumindest bis zu Josef Ackermanns Victoryzeichen): Den SchweizerInnen traut man nichts Böses zu.

Erst durch die neue Arbeitsmigration scheinen die Deutschen die Schweiz besser kennenzulernen. Ilka erzählt ihren staunenden FreundInnen in Berlin von direkter Demokratie, gediegenen Restaurants und ehrlichen Findern, von der Sauberkeit der öffentlichen Plätze und der Pünktlichkeit der Bahnen. Sie erzählt nichts von der schäbigen Wohnung. Den unfreundlichen Nachbarn, die ihr den Abfall vor die Tür kippen, weil sie keinen gebührenpflichtigen Kehrichtsack verwendet hat. Oder den quälenden Kantinenmahlzeiten, während derer sie verständnislos neben den im Dialekt plaudernden KollegInnen sitzt.

Wenig Freude bleibt der Ärztin am Schweizer Arbeitsplatz, als ihr ungeliebter Chef aus Berlin auch im Unispital Zürich auftaucht und wieder ihr Vorgesetzter wird. Und als ihre Stelle auch noch auf achtzig Prozent heruntergesetzt wird, ohne dass sie dagegen Einspruch erheben kann, bleibt vom Paradies nicht mal mehr der finanzielle Vorteil bestehen. Offensichtlich plädiert Fengler dafür, dass sich die EuropäerInnen den Problemen ihrer Zeit da stellen sollten, wo sie sich befinden. Darum hat sie auch einen augenzwinkernden Schluss in Deutschland erfunden, der die Global Players in Ost und West zusammenführt und allen ein ehrliches Auskommen beschert - mit Geld aus einem Golfstaat.

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