Nr. 46/2006 vom 16.11.2006

Fragile Seelen

In einem eigenwilligen, atmosphärisch dichten Film zeigt Andrea Staka die Schweiz aus dem Blickwinkel von drei Migrantinnen aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Von Bettina Spoerri

Leichte Mainstreamkomödien und Gute-Laune-Filme haben die Schweizer Filmszene der letzten Jahre dominiert. Umso erfreulicher deshalb, dass der erste Spielfilm der 33-jährigen Andrea Staka auf grosses Interesse beim Publikum stösst und Fördergelder erhalten hat. Denn der Film schmiegt sich in keiner Weise dem kommerziellen Trend an, sondern bleibt widerborstig. «Das Fräulein» bietet keine actiongeladene, geradlinige Handlung, keine bekannten Schweizer Gesichter in den Hauptrollen (und überhaupt kaum Männer in wichtigen Rollen), und es gibt wenig zu lachen. Die Schweiz erscheint nicht als gemütliches, putziges Land voller Sonnenschein, vielmehr zeigt sie sich als unfreundliches, auch oft kühles Land für Migrantinnen, aber auch für SchweizerInnen selbst - und das liegt nicht an der kalten, dunklen Jahreszeit, in der manche Filmszenen spielen.

Wenige glaubten daran, dass dieser Film breitere Anerkennung finden könnte, geschweige denn das Potenzial hätte, sich zu einem kommerziellen Erfolg zu entwickeln. Nun scheinen die Zeichen alle danach zu stehen: Mit ihrem Film über drei Migrantinnen aus Serbien, Bosnien und Kroatien hat Andrea Staka bereits mehrere Preise gewonnen (den Zürcher Filmpreis, den Goldenen Leoparden, den Don-Quijote-Preis des Ciné-Clubs, den Heart-of-Sarajevo-Preis und den Fipresci-Preis der internationalen FilmkritikerInnen), und nun ist ihr Film für den Schweizer Filmpreis nominiert.

Dicker Panzer

Hauptschauplatz in «Das Fräulein» ist eine nüchterne Betriebskantine in Zürich, welche die rund fünfzigjährige Ruza leitet. Ihre Emotionen knapp bemessend, die langen, braunen Haare im strengen Rossschwanz gebändigt und den Körper unter Pullovern verborgen, gibt sie ihrem Team Anweisungen. Am Abend, allein im kargen Büro, zählt sie das Geld aus der Kasse, verbissen und gewissenhaft. Mit solchen Details evoziert Andrea Staka - und sie hat dabei viel der grossartigen Sensibilität der serbischen Schauspielerin Mirjana Karanovic zu verdanken - in wenigen Szenen eine Lebensgeschichte. Es ist letztlich dieses atmosphärisch dichte Erzählen mit und in bewegten Bildern, das kein noch so gutes Drehbuch garantiert und nur in wenigen Filmen gelingt. Ruza - das spürt der Zuschauer, ohne dass darum viel Worte gemacht werden - hat sich in vielen Jahren Teile der schweizerischen Mentalität beinahe gewaltsam angeeignet; die Leute in der Kantine nennen sie «das Fräulein». Sie geht in einem dicken Panzer durch die Welt und lässt nichts und niemanden an sich herankommen. Ihre Angestellte Mila (gespielt von der bekannten kroatischen Bühnen- und Filmschauspielerin Ljubica Jovic) hat sich ebenso wie ihre Chefin ein Zuhause in der Schweiz aufgebaut; doch die Sechzigjährige spart sich gemeinsam mit ihrem Mann seit Jahren ein eigenes Haus in Kroatien vom bescheidenen Gehalt ab und träumt davon, endlich in ihre Heimat zurückzukehren.

Trostloses Warten

In dieses geregelte, aber trostlose Warten hinein platzt eines Tages die junge, impulsive Ana aus Sarajevo (Marija Skaricic hat für ihre Darstellung den Heart-of-Sarajevo-Preis für die beste Darstellerin 2006 erhalten). Sie bringt die beiden älteren Frauen aus dem Konzept, indem sie voller Elan und Hilfsbereitschaft Milas Bienenfleiss konkurrenziert und Ruzas emotionale Mauern durch ihre Wärme leise bröckeln lässt. Keine grosse Liebe, die alle Probleme auf wundersame Weise löst, auch kein Knall am Ende, aber ein kleines Erdbeben erschüttert Tische und Stühle der Kantine. Das kalte Neonlicht scheint etwas von seiner Härte einzubüssen, und jeder der drei Frauen gelingt im Laufe der Ereignisse ein Ausbruch aus der Routine, die sie sich selbst auferlegt haben - oder die ihr durch die politischen Umstände und das kühle Klima ihres Gastlandes aufgezwungen wurde. Ruza etwa kann sich einem Mann öffnen, der schon lange um sie wirbt.

Die sorgfältige Ausstattung der Innenräume trägt entscheidend zur Stimmigkeit der Erzählung dieser ungewöhnlichen Freundschaft zwischen drei sehr unterschiedlichen Frauen bei. Die biedere Häkeldeckchen- und Polstersitzgruppenästhetik mit TV bei Mila und die spartanische Einrichtung in Ruzas Wohnung kontrastieren mit den Yuppie- und anderen Interieurs der wechselnden Liebhaber von Ana, die vor allem jede Nacht ein neues Dach über dem Kopf finden muss. Beiläufig präsentiert «Das Fräulein» mit diesen Bildern einen Einblick in die verschiedenen Lebensstandards von Menschen in der grössten Stadt eines der reichsten Länder der Welt.

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