Nr. 07/2009 vom 12.02.2009

Wenn das Vertrauen erodiert

Personalreduktion bei Georg Fischer: AgieCharmilles baut an fünf Standorten in der Schweiz 145 Stellen ab, am stärksten betroffen ist Genf.

Aufgezeichnet von Helen Brügger

Treffen wir uns in der Kantine? «Ausgeschlossen!» In einer Beiz in der Nähe? «Viel zu auffällig!» Diskretion ist angesagt - noch läuft die Konsultationsphase, während der die Führung der Georg Fischer AG die Personalvertretung über die Entlassungspläne informiert. Schliesslich treffe ich Paul und Léo*, Mitarbeiter von GFAgieCharmilles Genf, im nahe gelegenen Unia-Büro.

Paul ist Arbeiter, Mitte fünfzig, von Kurzarbeit betroffen. Léo ist Angestellter, Mitte vierzig, er arbeitet noch Vollzeit. «Alle reden von der Krise, aber wenn es dann den eigenen Betrieb trifft, ist alles anders», sagt Paul. «Es ist wie beim Krieg, solange er nicht im eigenen Land stattfindet», fügt Léo hinzu.

Bei AgieCharmilles ist die Krise im Betrieb angekommen. Alle fünf Schweizer Standorte dieses Bereichs der Georg Fischer sind betroffen. Der Maschinenbauer AgieCharmilles arbeitet mit speziellen Erodiertechniken, das Unternehmen ist weltweit führend in der Produktion von Hochgeschwindigkeits- und Präzisionsmaschinen. In Genf soll am meisten abgebaut werden: 65 von den hiesigen 463 Stellen. In friedlichen Zeiten herrscht scharfe Konkurrenz zwischen den Standorten, doch nun haben die verschiedenen PersonalvertreterInnen einen gemeinsamen Alternativplan ausgearbeitet: Kurzarbeit, Frühpensionierungen und freiwillige Arbeitszeitreduktionen statt Entlassungen. «Das sind keine sehr sozialen Massnahmen, aber sie sind wenigstens solidarisch», sagt Paul. Das Ziel der Gewerkschaft? «Null Entlassungen!»

«Im Moment hofft im Betrieb jeder, dass nicht er auf der Liste steht», sagt Léo. «Und an jedem Standort hofft man, dass vor allem der eigene verschont bleibt.» GFAgieCharmilles, das war bisher für viele eine Lebensstelle oder zumindest eine langjährige Stelle mit Perspektive. «Wenn du zehn, zwanzig Jahre im gleichen Betrieb gearbeitet hast, fragst du dich natürlich, wie flexibel du noch bist. Wie viel du auf dem Arbeitsmarkt noch wert bist», sorgt sich Paul. Vor allem auf einem Arbeitsmarkt, wo die Stellen rar sind: 20 000 Arbeitsplätze könnten in der Schweizer Maschinenindustrie verschwinden, weiss die Zeitung «Le Temps». Die Personalvertretung habe vorgeschlagen, die Arbeit zu teilen. «Zuerst sagten alle: Nein, nein, nein! Jetzt fangen die Kolleginnen und Kollegen langsam an, darüber nachzudenken.»

«Der höchste Lohn im Betrieb ist 33-mal höher als der tiefste», weiss Léo. Er ist der Ansicht, dass die GF-Gruppe solide genug ist, um ihre Mitarbeitenden auch in der Krise weiter zu beschäftigen. Im Alternativplan, den die ArbeiterInnen auf den Tisch gelegt haben, steht auch: Kader und Direktion sollen auf ihre Boni verzichten, die Aktionäre auf ihre Dividenden. Zu den AktionärInnen gehören so illustre Persönlichkeiten wie Arbeitgeberpräsident Gerold Bührer oder alt Bundesrat Flavio Cotti.

«Wir alle haben mit unserer Arbeit dazu beigetragen, dass die GF-Gruppe zu den Flaggschiffen der Schweizer Wirtschaft gehört», sagt Paul. «Flaggschiff ist gut!», ärgert sich Léo: «Davon spüren wir immer weniger im Betrieb! Die Direktion erodiert mit ihrer Politik unsere Glaubwürdigkeit, den Wert der Marke Swissmade.»

Viele kleine und mittlere Betriebe, Kunden von GFAgieCharmilles, erhalten von den Banken keine Kredite mehr. Als Folge leeren sich auch die Auftragsbücher der GF-Gruppe. So schlägt die Finanzkrise auf die reale Wirtschaft durch. «Wir leben in einem System, das aus Wind Geld gemacht hat», sagt Léo. «Jetzt ist der Wind weg und das Geld auch.» «Und wenn sie uns entlassen, sind das so und so viele Menschen, die nicht mehr konsumieren und damit die Krise noch mehr verschärfen», sagt Paul. «Eine Spirale nach unten.»

Beide haben Kinder im Alter zwischen zwanzig und dreissig Jahren. «Man stellt sich schon Fragen, was die Zukunft betrifft», sagt Paul. Er habe Angst vor der extremen Rechten und ihren ausländerfeindlichen Rezepten. Bisher sei es eigentlich jeder Generation besser gegangen als ihren Eltern, sagt Léo. «Das ist wohl für immer vorbei.»

Mit dem Ende der Konsultationsperiode geht am 12. Februar auch die Zeit der quälenden Ungewissheit zu Ende. Bald weiss jeder, ob er auf der Liste steht.

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