Nr. 20/2008 vom 15.05.2008

Strahlende Welt

Von Eva Pfister

Irina Liebmann ist in der DDR aufgewachsen und absolut immun gegen kommunistisches Pathos. Darum klammerte sie in ihrem bisherigen Werk ihren Vater aus, der seinen Glauben an den Kommunismus sogar dann nicht verlor, als ihn die SED im Juni 1953 zum Parteifeind erklärte. Während die ArbeiterInnen streikten, kämpfte Rudolf Herrnstadt gegen Ulbrichts Kurs des «beschleunigten Aufbaus des Sozialismus», der zu den umstrittenen erhöhten Arbeitsnormen führte.

In ihrem Buch «Wäre es schön? Es wäre schön!» folgt Irina Liebmann den Spuren ihres Vaters skeptisch bis ungläubig; sie stellt viele Fragen und staunt. Daraus entstand ein aussergewöhnliches Geschichtsbuch, das auch LeserInnen ohne Vorwissen faszinieren kann.

Rudolf Herrnstadt war erfolgreicher Journalist beim «Berliner Tageblatt» und liess sich 1930 für den Nachrichtendienst der Roten Armee anwerben. Liebmann sucht nach seinen Motiven und fragt sich, wie er das ertragen konnte: das Doppelleben, das Zurückstellen privater Gefühle, das Aufrechterhalten der Fassade eines nazifreundlichen Journalisten, der bis 1939 aus Warschau noch für das «Berliner Tageblatt» schrieb. Der im Moskauer Exil ein Aussenseiter war unter den kleinbürgerlichen Kommunisten der KPD. Und wie fühlte er sich als Jude, wenn er mit ranghohen deutschen Kriegsgefangenen für das Nationalkomitee Freies Deutschland zu tun hatte?

Antworten findet die Autorin in unveröffentlichten Erinnerungen ihres Vaters: Doch manches bleibt ein Rätsel. Auch wenn Rudolf Herrnstadt als Chefredaktor des «Neuen Deutschland» es wagte, öffentlich mehr Demokratie zu fordern, gehörte er doch zum Machtzentrum der jungen DDR und war ein disziplinierter Parteisoldat. Er glaubte an die Sowjetunion, so wie er an die bessere Zukunft glaubte: unbeirrbar. Dieser Enthusiasmus war aber auch das Bestechende, weiss Irina Liebmann: «Die Welt begann zu strahlen» neben ihm.

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