Nr. 21/2008 vom 22.05.2008

Dieser Fisch kann auch sprechen!

Die Seen und Flüsse leeren sich, aber das ist egal: Der Fisch der Zukunft kommt aus der Brutstätte. Im St. Galler Rheintal wurde ein Fisch erfunden, dessen einziger Zweck es je gewesen sein wird, gegessen zu werden. Das Retortenprodukt soll die Schweizer Fischproduktion bis 2009 mehr als verdoppeln.

Von Daniel Ryser

«Don't get too close to my fantasy
Don't be afraid to clutch the hand of your creator»
Ween

Es gab in dieser Zeitung mal eine Rubrik namens «Die Welt spinnt». Diese Rubrik gibt es nicht mehr, dafür gibt es in Oberriet inzwischen eine Hightechfischfarm, in der bis 2009 täglich fünf Tonnen Fisch produziert werden sollen: gezüchtet, geschlachtet, verpackt und verkauft. Die Fischart ist neu: Sie heisst Melander und ist das Resultat aus der Kreuzung dreier indischer Welsarten. Erfunden hat sie der heute 67-jährige Saarländer Hans Raab, der in Schaan im Fürstentum Liechtenstein lebt und dort auch eine eigene Stiftung besitzt, die Stiftung für Unternehmensethik und soziale Verantwortung. Die Melander-Farm ist sein zweites Lebenswerk. Sein erstes Lebenswerk war das HaRa-Waschmittelimperium. Die Waschmittel verkaufte er aus mobilen Verkaufsständen am Detailhandel vorbei und wurde dadurch so reich, dass er sich den Bau der Fischfarm vierzig Millionen Franken kosten lassen konnte. Seit März dieses Jahres sind nun in Österreich und der Schweiz Lastwagen unterwegs, um den Fisch auf Märkten zu verkaufen.

Der Starkoch kann nicht

Und das im grossen Stil: Die Ostschweizer Kantone produzierten bisher jährlich dreissig Tonnen Fisch. Gesamtschweizerisch kommen 1200 Tonnen Speisefisch aus den Zuchten. Die meisten davon sind Regenbogenforellen. In Oberriet wird die Produk-tion schrittweise hochgefahren, bis 2009 sollen täglich fünf Tonnen Melander hergestellt werden. Das wären 1825 Tonnen Fisch im Jahr. Die Ostschweizer Fischproduktion würde sich durch die Melander-Farm versechzigfachen, die Schweizer Fischproduktion würde sich mehr als verdoppeln. Aus Hans Raab würde der Schweizer Fischpapst werden. Aber noch kämpft er mit Details: Der Saarländer Ingenieur Jürgen Hautz etwa behauptet, er sei es, der den Melander erfunden habe. Sechs Jahre lang habe er mit einer Welskreuzung und einer Kreislauf-Fischzuchtanlage experimentiert, das Ergebnis, 1991, sei der Melander gewesen. Raab sei 2000 als Investor in sein Projekt eingestiegen und habe die Marke heimlich schützen lassen. Raab habe ihn um das Patent betrogen. Raab bestreitet die Vorwürfe vehement.

Ein anderes Detail, mit dem der -Unternehmer hadert: die Medien! Weil -nur die Lokalpresse ausschliesslich lobend von der neuen Fischfarm berichtete, steht Hans Raab momentan für Interviews nicht zur Verfügung. Sonst könnte ja jeder schreiben, was er will, etwa, wie der Melander beim Verzehr schmeckt. Gerne hätte der Autor an dieser Stelle etwas positiver darüber geschrieben, aber der Starkoch And-ré Jaeger vom Restaurant Fischerzunft in Schaffhausen, der auf den Melander schwört, ist seit letzten Mittwoch permanent in einer Sitzung. Sagt -eine -Frau-enstimme am Telefon. Weil -also nichts aus der erhofften unvoreingenommenen Melander-Zubereitung durch den laut Eigenwerbung «intellektuellsten und tief-sinnigsten» Schweizer Starkoch wur-de, kochte die WOZ die Filets selbst: Ge-grillt, gesalzen und zwischen zwei Scheiben Brot geklemmt, schmeckt der Zuchtfisch beim ersten Bis-sen gut, beim zweiten dann schon weniger und beim dritten hat man das Gefühl, man esse Plastik aus dem Genlabor, und fühlt sich grauenhaft. Dabei wäre er -ja echt, der Melander! Erfunden, gezüchtet, geschlachtet, verpackt und verkauft in Oberriet im Herzen des St. Galler Rheintals, zwischen den Ausläufern -des Alpsteingebirges und dem Rhein.

Auf der Wiese

Die Beschreibung des Fabrikgebäudes, die ein Angestellter am Telefon gibt, passt exakt auf einen trostlosen Bau am Ausgang der Gemeinde, doch dieser stellt sich als Regionalgefängnis Altstätten heraus. Die Fabrik steht auf einer anderen abgelegenen Wiese und ist ähnlich gross wie das Gefängnis, ähnlich trostlos und durch gleich viele Kameras an der Aussenwand gesichert, nur der Stacheldraht fehlt, dafür gibt es einen hohen Zaun und einen Wächter, der sofort zur Stelle ist und fragt, ob man helfen könne. Natürlich kann einem nicht geholfen werden: Eine Führung ist unmöglich. Wegen potenzieller Betriebsspionage. Und wegen der Hygiene. Ein freundlicher Mann in weissem Kittel, mit sächsischem Dialekt und nur einem Arm führt in den Fabrikladen und preist die Filets. Auf dem Feld vor der Fabrik steht eine sehr gut gekleidete Frau in den Fünfzigern. Sie führt einen Hund an der Leine. Die Frau ist Frau Raab. Der Hund ist ihr Schnauzer und hat heute Geburtstag. Und die Berichterstattung in den Medien war ein schwerer Schlag für sie alle.

Die Presse schrieb, Raab sei ein Selfmademillionär. Sie wolle doch nicht auf der Strasse entführt werden. Sie und ihr Mann hätten schon einmal jahrelang von einem Bodyguard bewacht werden müssen. Man wolle bloss in Ruhe arbeiten können. Sieben Tage die Woche. Und Gutes tun für die Umwelt. Gibt es eigentlich einen Prototyp-Melander? Den Fisch Nummer 1? Und wurde denn zuvor, etwa im Geflügelbereich, schon mal eine neue Art gezüchtet, deren einziger Sinn und Zweck es sein sollte, von der Zucht direkt auf den Teller der KonsumentInnen zu springen? Die Frau des Melander-Schöpfers schmunzelt, lässt den Blick über das Feld und über die Landstrasse zur Fabrik gleiten, füttert dem Schnauzer eine Stange -Hun-de-kekse und sagt, die Fragen komplett ignorierend: «Es gibt nur einen Hans Raab!»

Wir stehen auf dem Feld, der Hund drückt seine Schnauze an meine Beine, und ich versuche mir vorzustellen, wie ein schwarzer Lieferwagen mit rauchenden Reifen bremst und den Schnauzer entführt, um eine fruchtbare Menge lebender Melander zu erpressen. Welch ein Wunderfisch! Offenbar maximal zuchtfähig! Hochinteressant in Zeiten der Hungerkrise und der immer leerer gefischten Schweizer Seen und Flüsse, in einer Zeit, in der 75 Prozent der kommerziellen Fischbestände überfischt sind. Starkoch Jaeger sagte gegenüber einer Lokalzeitung, als er mal kurz nicht in einer Sitzung war, angesichts überfischter Meere und zu wenig verfügbarer hochwertiger Lebensmittel sei der Melander ein Segen. Und der Segen kann sogar sprechen: Auch wenn die folgenden Antworten wie automa-t-i-sierte PR klingen, zusammengefasst von der Melander-Website, gab immerhin einer Auskunft: der Melander selbst!


Melander, wer sind Sie?

Ich war ein afrikanischer Warmwasserfisch. Meine Mineralstoffe und Spurenelemente waren nicht ausreichend für meinen Entdecker. Gezüchtet werde ich in einer für mich geschaffenen Kreislaufanlage, in einem von Umwelteinflüssen abgeschlossenen System. Ich werde nur mit natürlichen Futtermitteln ernährt, Mais, Soja. Ohne Mastbeschleuniger, ohne Antibiotika, ohne -Medikamente und ohne chemische Zusätze. Durch meine dreimalige Kreuzung sind Mineralstoffe und Spurenelemente, die für die menschliche Entwicklung unentbehrlich sind, deutlich erhöht. In der herkömmlichen Nahrungskette sind diese Inhaltsstoffe fast nicht mehr vorhanden.

Wie leben Sie?

Ich habe einen hygienisch abgeschlossenen Raum zur Ausbrütung. Danach komme ich in die Zuchtbecken. Die An-la---ge besteht aus 560 in sich geschlosse-nen Becken. Die Wasserqualität wird stän-dig überwacht. In einer Filteranlage fin-det durch Mikroorganismen die biolo-gi--sche Reinigung des Wassers statt - oh---ne chemische Zusätze.

Ihr einziger Sinn im Leben ist -es, gegessen zu werden. Ist das nicht -deprimierend?

Durch das einzigartige Wasser aus 1360 Meter Tiefenbohrung fühle ich mich in dieser lebenden Wasserqualität, 30 Grad Thermalwasser, sehr wohl. Mein Wunsch wäre, dass ich künftig bis zum Verzehr standesgemäss behandelt und als geschmacklich fürstlicher Essgenuss mit bester Qualität positioniert werde. Ich bin das Ergebnis einer konsequenten, langjährigen Philosophie und stehe Ihnen künftig somit zur Verfügung. Meine Gesundheit ist auch Ihre Gesundheit!


Der Melander kommt. Der Speisefisch der Zukunft braucht keinen See und kein Meer. Denn dort hat er gar nie existiert. Schafft Hans Raab die angestrebte Verdopplung der gesamtschweizerischen Fischproduktion, ist der Melander in ein paar Jahren in aller Munde.

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