Nr. 41/2015 vom 08.10.2015

Kaltes Klima überall

Rolf Lappert legt einen scheinbar unspektakulären Familien- und Künstlerroman vor. Doch sein bestes Buch seit «Nach Hause schwimmen» ist voll bezwingender Suggestionskraft.

Von Hans Ulrich Probst

Der fünfzigjährige Konzeptkünstler Lennard Salm sucht an irgendeinem Mittelmeerstrand im Spätherbst nach Schwemm- und Strandgut für seine nächste Installation, da macht er einen grausigen Fund: Er entdeckt einen toten Säugling, festgebunden an ein gekentertes Flüchtlingsboot. Von Stund an will er nichts mehr wissen von seiner zynischen Kunst («Ich bin kein Künstler mehr»). Er verweigert sich auch seinem Förderer und Vermarkter Wieland, in dessen Feriendomizil, einer morbiden Rentnerkolonie, er haust.

Salm begräbt die Leiche des kleinen Mädchens und wird dann weggerufen nach Hamburg, wo seine ältere, herzkranke Schwester verstorben ist.

Widerwillig sieht Salm sich dort mit dem konfrontiert, wovor er längst Reissaus genommen hat: seiner Familie. Diese war nie ein Hort der Geborgenheit. Da ist der hinfällige Vater, verhinderter Vulkanologe, der mit einer Gefährtin aus dem Osten sehr bescheiden leben muss. Da ist die leicht überdrehte jüngere Schwester Bille, erschöpft vom permanenten Prekariat der Theaterszene. Und da ist die Salm völlig entfremdete, in die USA weggezogene Mutter, die ihm mit einem Fremden noch einen faden Halbbruder beschert hat, wie nur er weiss.

Statt hanseatischer Eleganz führt der Roman ein froststarrendes Hamburg heruntergekommener Vorstädte vor. Und Eiseskälte prägt auch das Beziehungsklima in Salms Familie. Trotz sparsamer äusserer Handlung entwickelt «Über den Winter» einen enormen Sog: Das Zauberwort lautet «Empathie». Lennard Salm, einsamer Wolf und egozentrischer Künstler, nutzt seine Sensibilität nun plötzlich im Umgang mit seiner Umwelt.

Rolf Lappert ist ein Meister atmosphärisch dichten Erzählens. Mit seinem Flair für Nuancen, mit seiner poetischen Genauigkeit und Geduld lässt er aus beiläufigen Anlässen anrührende, sinnlich leuchtende Szenen entstehen. Auch wenn der Eiswind die Menschen über die ganze Romandauer leitmotivisch im klammen Griff hält, kommt es zwischen den Figuren zunehmend zu teils flackernd fahlen, teils auch furiosen Wärmefeuern. Intensive Begegnungen und klärende Gespräche führen nicht zu voreiliger Versöhnung, doch zu wachsendem Verständnis fürs vielfältige, allseitige Scheitern.

Das offene Ende: Lennard Salms existenzielle Einsamkeit bleibt ungebrochen, seine Perspektive fragil. Für einmal indes haut der zuvor stets Unstete nicht ab, sondern will als «Hausmeister» beim Vater und dessen Nachbarn verweilen.

Faszinierend, wie mit Ruth Schweikert und Rolf Lappert gleich zwei potente Schweizer AutorInnen dieses Jahr das Thema Familie aufgegriffen haben und es völlig verschieden, aber dennoch mit verblüffenden Berührungspunkten literarisch gelungen bewältigen. Beide sind eines Buchpreises würdig.

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