Nr. 24/2008 vom 12.06.2008

Unprofessioneller Streller

Von Pascal Claude

Das sei nicht professionell, musste sich Marco Streller anhören. Zu sagen, er wolle zurücktreten nach dieser EM, er habe es satt, sich auspfeifen zu lassen wie neulich beim Testspiel gegen Liechtenstein, so was zu sagen unmittelbar vor Turnierbeginn, das sei einfach nicht professionell. Und dass niemand im Fussballverband auf die Idee gekommen sei, Streller von dieser Aussage abzuhalten, das sei auch nicht professionell, doch sei man sich vom Verband Unprofessionalität in Kommunikationsfragen immerhin gewohnt.

Professionelles Verhalten hätte im Falle Strellers wahrscheinlich bedeutet: nicht so blöd tun, die Pfiffe schlucken, drüberstehen, die Schmähung als Teil einer gut bezahlten Arbeit sehen. Es hätte bedeutet, die eigene Befindlichkeit dem uneingeschränkten Recht der Zuschauerinnen und Zuschauer auf Unmutsäusserungen unterzuordnen.

Streller, in der NZZ in eine Linie mit dem «trötzelnden» Peter Handke gestellt, hatte an der WM 2006 im Achtelfinal den ersten von drei Penaltys verschossen und dabei nervös mit der Zunge gewedelt. Damit hatte er sich bei einem Gros der NationalmannschaftsanhängerInnen die ohnehin schon spärlichen Sympathien verspielt. Dass die Schweiz ohne Strellers Tor im Barragespiel in Istanbul gar nicht an der WM teilgenommen hätte, interessiert die pfeifenden Nati-Fans bis heute nicht.

Folgen wir der Logik, nach der Strellers Rücktrittsandrohung verurteilt und verspottet wurde, müssten auch Alex Freis Tränen nach seinem verletzungsbedingten Ausscheiden im EM-Eröffnungsspiel als unprofessionell gelten. Genau wie Anfeindungen aus dem Publikum gehören Verletzungen zum Leben eines Profifussballers, und genau wie Streller mit seiner beleidigten Replik hat der hemmungslos heulende Frei hoch emotional reagiert. Beide hatten sich nicht im Griff. Doch Frei wird niemand einen Vorwurf machen.

Es ist eben nicht so, dass der Fussball und sein medialer Begleittross emotionale Ausbrüche grundsätzlich sanktionierten. Vielmehr wird zwischen guten und schlechten Emotionen unterschieden. Tränen sind gut. Auch Trauer ist es, was der perfekt inszenierte Jubel Frank Lampards bewies, als der Engländer nach seinen Toren in Halbfinal und Final der Champions League mit dem Finger zum Himmel zeigte, wo er seine verstorbene Mutter wähnt. Bilder wie diese zeigen den Fussballer als (guten) Menschen. Sie lassen das Spiel, das an zunehmender Abgehobenheit und Virtualität leidet, echt und ehrlich und nah bei den Menschen erscheinen. Paul Gascoigne etwa mag im Suff mehrfach seine Frau verprügelt, die Inneneinrichtung diverser Flugzeuge und Gaststätten demoliert und seinen Mitspielern unter der Dusche ans Bein gepinkelt haben. Dank seiner ins Unerträgliche reproduzierten Tränen im WM-Halbfinal 1990 gilt er weitherum als ein im Grunde herzensguter Kerl.

Mit den schlechten Emotionen aber, mit Ärger, Wut, Enttäuschung, Unverständnis oder dem Gefühl der Benachteiligung, tut sich der Fussball schwer. So erhält, wer dem Gegner in die Beine fährt, meist eine gelbe Karte, wer aber gegen diesen Angriff auf die eigene körperliche Unversehrtheit aufbegehrt – sei es auch nur schubsend – eine rote.

Ein Foul, auch ein sehr hartes, gezieltes, wird höchstens innerhalb des Regelwerks geahndet, während die Wut des Gefoulten oftmals auch eine Sanktion durch Medien und Öffentlichkeit erfährt. Nichts anderes erlebt Marco Streller: Einen eigenen Spieler auszupfeifen, gilt als akzeptables Fanverhalten, während der Ärger über den als Unrecht empfundenen Angriff auf die eigene Person nur Unverständnis auslöst.

Die Professionalität, die der Fussball meint, folgt dem Muster der Verwertbarkeit. Erlaubt ist, was nicht stört, in diesem Fall: was die Inszenierung nicht stört. Wenn Leute dreistellige Beträge bezahlen, um dabei zu sein, und dabei auf Anweisung gesponserte Fähnchen schwenken, so passt es nun mal nicht, diese Leute für ihr Verhalten zu beschimpfen, wie dumm es auch sein mag. Das hat Marco Streller, zum Glück, noch nicht begriffen.

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