Nr. 40/2015 vom 01.10.2015

Der späte Erfolg der Docker

Es war einer der längsten Arbeitskämpfe in der britischen Geschichte – der Widerstand der Docker von Liverpool gegen die Rückkehr des Tagelohns. Und er wirkt bis heute fort.

Von Pit Wuhrer (Text und Foto), Liverpool

«Die jungen Hafenarbeiter sind durchaus mobilisierbar»: Die ehemaligen Dockarbeiter Tony Nelson, Terry Teague und Jimmy Nolan vor dem Gemeinschaftsszentrum Casa.

«Wir hatten keine andere Möglichkeit, wir konnten nicht anders handeln.» Seit zwanzig Jahren fragt sich Jimmy Nolan immer wieder, ob es eine Alternative zum grossen Kampf gegeben hätte, der weitaus länger dauerte als der legendäre britische Bergarbeiterstreik Mitte der achtziger Jahre. Doch der Gewerkschafter kommt stets zum selben Schluss: «Wir konnten die Streikposten nicht ignorieren, wir durften nicht daran vorbeigehen.» Damals, Ende September 1995, legten achtzig Kollegen einer Hafenfirma wegen eines Konflikts um Überstunden und fünf Entlassungen die Arbeit nieder – und bauten vor den Docks einen Streikposten auf. «You never cross a picket line» – das sei schon immer einer der wichtigsten Grundsätze der Arbeiterbewegung gewesen, sagt Jimmy Nolan. Ohne dieses Prinzip hätten sich die Gewerkschaften nie entfalten können.

Er sitzt im «Casa», dem soziokulturellen Zentrum der Liverpooler Hafenarbeiter; Terry Teague und Tony Nelson sind ebenfalls da. Nolan war vor zwanzig Jahren der Vorsitzende der Dock Shop Stewards gewesen, der gewählten gewerkschaftlichen Vertreter der Hafenarbeiter; Teague und Nelson gehörten zum harten Kern des Shop-Steward-Komitees. «Wir wussten, wie heikel das war», erinnert sich Nelson. Denn Solidaritätsstreiks hatte die frühere Premierministerin Margaret Thatcher verboten und das Unternehmen wollte die gewerkschaftlich organisierten Docker schon lange loswerden. «Aber hätten wir deswegen an den Streikenden vorbeigehen sollen?»

Von der Gewerkschaft alleingelassen

Die Docker im einst wichtigsten Hafen des britischen Empires galten lange Zeit als Bollwerk der britischen Arbeiterklasse; ihre Kampfbereitschaft war legendär. Sie boykottierten Waren, die für das südafrikanische Apartheidregime bestimmt waren, blockierten nach Pinochets Putsch 1973 chilenische Frachter, sie weigerten sich, umweltschädliche Fracht zu löschen, und waren stets zu Solidaritätsmassnahmen bereit. Und beim landesweiten Dockerstreik 1989 gegen die Deregulierung der Häfen trotzten sie als Einzige ihrer Firma, der Mersey Dock and Harbour Company (MDHC), weitgehende Zugeständnisse ab. Kein Wunder, wollte die MDHC diese Belegschaft brechen.

Im Zuge der Umschichtung des Warenverkehrs (weg von den ehemaligen Kolonien, hin zu Europa) und der Containerisierung ging zwar ihre Zahl dramatisch zurück – noch in den sechziger Jahren hatten 25 000 Hafenarbeiter in den Docks am Fluss Mersey gearbeitet. Doch ihre Militanz blieb. «Einer für alle, alle für einen» – dieses Motto galt auch für die 500 Docker, die 1995 übrig geblieben waren.

Weil sie Ende September ihre Arbeit nicht wiederaufnahmen, feuerte die teilprivatisierte Hafengesellschaft alle Docker. Und heuerte Streikbrecher an, die von der Polizei durch die Streikposten der entlassenen Docker geschleust wurden. Die Empörung in der Stadt war gross. Über Jahrhunderte hinweg hatte der Tagelohn die Arbeit im Hafen und die Beschäftigtenverhältnisse geprägt: Lagen Schiffe im Hafen, gab es für alle Arbeit; kam keins, blieb der Lohn aus. Erst in den sechziger Jahren verschwand dieses System, an das sich die Liverpudlians gut erinnern konnten. Und jetzt, so glaubten viele, kehrte der Tagelohn zurück.

Die lokale Bevölkerung solidarisierte sich schnell: Vor den Stadien des FC Liverpool und des FC Everton sammelten GewerkschafterInnen Geld für die Entlassenen, in den Pubs standen Spendenbüchsen auf den Tresen, die Bischöfe protestierten gegen das Vorgehen der Hafenfirma, die lokalen Lkw-Fahrer verweigerten den Transport von Hafenfracht, viele strömten zu den Veranstaltungen der Hafenarbeiterfrauen, den Women of the Waterfront (WoW). Sie und ihre Männer versuchten täglich, die Zufahrt zum Containerterminal zu blockieren. Immer wieder schafften es gefeuerte Docker, auf Kräne zu klettern und den Hafen lahmzulegen. Und sie hielten Sitzungsräume des Transport House, der regionalen Gewerkschaftszentrale, besetzt, wo sich wöchentlich alle trafen, um über die aktuelle Lage zu beraten.

Denn sie hatten ein grosses Problem: Ihre Gewerkschaft, die Transport and General Workers᾽ Union (TGWU), hielt den Arbeitskampf für illegal. Und das war er ja auch laut den Antigewerkschaftsgesetzen, die die konservative Regierung von Margaret Thatcher Anfang der achtziger Jahre durchgesetzt hatte. Die TGWU-Führung unter dem damaligen Generalsekretär Bill Morris, der jedes eigenständige Vorgehen der Basis strikt ablehnte, fürchtete hohe Entschädigungsforderungen.

Aber wie kämpft man ohne die Gewerkschaft im Rücken? Zwar gab es über die Stadtgrenze hinaus Rückhalt: Der Filmregisseur Ken Loach drehte einen Dokumentarfilm, der landauf, landab gezeigt wurde. Am ersten Jahrestag folgten Tausende einem Aufruf der Gruppe Reclaim the Streets, die ein Solidaritätsfest auf dem Londoner Trafalgar Square organisierte. Einer der Hauptredner war der jetzige Labour-Chef Jeremy Corbyn. Von überall her trudelten Spenden ein, lokale und regionale Labour-Sektionen sandten Grussbotschaften. Doch entscheidende Kräfte in der Labour-Partei unter Führung von Tony Blair hielten sich bedeckt.

Phänomenale Solidarität

«Wir waren auf uns gestellt», erinnert sich Jimmy Nolan im Casa, «niemand half uns.» Bis einer der Shop Stewards auf die Idee kam, Unterstützung in Übersee zu suchen. Terry Teague flog nach Australien, Tony Nelson reiste zu den Häfen an der US-Ostküste, andere fuhren nach Schweden, Frankreich, Portugal. Der Erfolg war phänomenal. Sie kehrten nicht nur mit Zehntausenden von Pfund zurück, sie bekamen auch konkrete Unterstützung. In Lissabon, Göteborg, Auckland, Sydney, Baltimore, Los Angeles und vielen anderen Häfen ruhte die Arbeit, wenn ein Schiff aus Liverpool anlegte; eine Reederei überlebte die Boykottmassnahmen nicht. Beim internationalen Aktionstag für die Liverpooler Docker Anfang 1997 traten die Arbeiter von 105 Häfen in 27 Ländern in den Ausstand.

«Ich habe nie eine derart phänomenale Kampagne erlebt wie jene der Liverpooler», sagt Jim Donovan, Chef der Maritime Union of Australia, noch heute. «Sie waren in jedem Winkel der Welt, und sie haben das ganz allein hingekriegt.» Doch es half nichts. Nachdem vier Kollegen stressbedingt gestorben waren und die hoffnungslos überschuldeten Dockerfamilien täglich Gerichtsvollzieher abwehren mussten, gaben die Liverpooler Anfang 1998 auf. 28 Monate lang hatten sie sich der MDHC widersetzt, die ihnen schon frühzeitig eine Abfindung angeboten hatte. «Wir sahen keine Chance mehr», sagt Nolan. «Wir wurden von Gewerkschaft und Labour im Stich gelassen», fügt Nelson hinzu. «Als Blair nach seinem Wahlsieg 1997 die Hafenfirma noch ganz privatisierte, war die letzte Hoffnung verflogen», ergänzt Teague. Und so akzeptierten die 500 Docker die 30 000 Pfund Abfindung. Über 400 von ihnen bekamen nie wieder einen festen Arbeitsplatz.

Eine Kooperative in der Hope Street

Das traurige Ende einer langen Geschichte? Nicht ganz. Denn nach der epochalen Auseinandersetzung gab der TV-Sender Channel 4 einen Fernsehfilm über den 850-Tage-Kampf in Auftrag; das Skript für «Dockers», so der Titel des Films, schrieben einige der Hafenarbeiter und der WoW-Frauen. 130 000 Pfund Honorar bekamen sie dafür – und investierten die gesamte Summe in ein dreistöckiges Gebäude an der Hope Street, der Strasse der Hoffnung am Rand der Liverpooler Innenstadt. Sie gründeten eine Kooperative, renovierten den Bau, den ihnen die Stadtverwaltung kostengünstig überliess, bauten die Bar um, richteten in den Obergeschossen Beratungsbüros ein und sanierten den Saal.

Das war 2001. Seither nutzen zahlreiche Gruppen das «Casa» mit dem fünfzackigen Stern über dem Eingang: Theatergruppen, Arbeitsloseninitiativen, die Kuba-Solidarität, die Friends of Palestine, Tanzvereine, Gewerkschaften, MigrantInnen. «Jeder, der Hilfe braucht, bekommt hier Rat und Unterstützung», sagt Tony Nelson, «und alle arbeiten ehrenamtlich.» Seiner Schätzung zufolge waren allein die Schulung von Arbeitslosen und die Beratungstätigkeit der vergangenen Jahre fünfzehn Millionen Pfund wert.

In letzter Zeit ist das Projekt allerdings in finanzielle Schieflage geraten. Eine Gewerkschaft, die Räume angemietet hatte, fand neue Büros. Und die Stadtverwaltung strich die bisher gewährten Zuschüsse: Liverpool, gebeutelt von der Austeritätspolitik und den Kürzungsorgien der konservativen Regierung, ist praktisch pleite.

Doch das vielleicht wichtigste Gemeinschaftszentrum der Stadt einfach sterben lassen – das kam für die Liverpudlians nicht infrage. Also organisierten regelmässige BesucherInnen der Casa-Bar mit ihren alten Postern, Gewerkschaftsfahnen und der Namensliste aller LiverpoolerInnen, die im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten, in der nahe gelegenen Philharmonischen Halle mit ihren 1500 Sitzplätzen einen Solidaritätsabend. Die teuren Tickets waren innerhalb von 24 Stunden ausverkauft.

Die Rückkehr der Gewerkschaft

Nelson und Teague verabschieden sich. Sie gehören zu den wenigen Dockern, die wieder einen Arbeitsplatz haben – bei der Gewerkschaft Unite, der Nachfolgeorganisation der TGWU. Deren Chef Len McCluskey, er war einst Sekretär der Liverpooler Dockangestellten gewesen, hat sie eingestellt, um die Arbeiter des expandierenden Liverpooler Hafens zu organisieren. Zu Beginn sei er ja skeptisch gewesen, sagt Teague. Soll und kann man Streikbrecher für die Gewerkschaft gewinnen? Aber von denen, die ihren Kampf damals sabotierten, sei ja nur noch einer da.

«Die jungen Hafenarbeiter sind durchaus mobilisierbar», sagt Teague. «Sie sind hoch spezialisiert und wissen, was ihre Arbeit wert ist.» Er und die anderen Shop Stewards hätten seinerzeit ja noch mit Faxgeräten hantiert. Den «Computerspezialisten der neuen Dockergeneration» stünden ganz andere Mittel zur Verfügung. «Zudem ist der weltweite Containerverkehr wegen der engen Zeitvorgaben und hohen Hafengebühren verletzlicher geworden» – für Störmassnahmen wie Streiks.

Das wissen auch die Firmen. Nach einer Arbeitsniederlegung im Frühjahr – der ersten seit 1995 – hat der neue Eigentümer des Liverpooler Hafens, der Immobilienkonzern Peel, die Gewerkschaft anerkannt. Und im Juni reichte schon eine Streikandrohung. Die Docker forderten gleichen Lohn für alle und eine Anhebung desselben. Kurz danach kam Peel der Belegschaft weit entgegen.

Mit den Liverpooler Dockern ist wieder zu rechnen.

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