Nr. 26/2008 vom 26.06.2008

Die Gentlemen der Titanic

Was haben ertrunkene reiche Männer und gerettete Frauen mit raffgierigen Managern zu tun? Und wie kommt es, dass neuerdings nicht nur Rechte, sondern auch Linke vom edlen Kapitalisten träumen?

Von Rachel Vogt

Er ist der uralte politische Traum aller Konservativen: der gerechte Herrscher. Der gütige König. Der edle Reiche. Der warmherzige Patron. Oder in einem Wort: der Gentleman.

In der Wirklichkeit sind sie selten, wie eine diese Woche publizierte Studie der Gewerkschaft Travail Suisse einmal mehr vorrechnet: Innerhalb der letzten sechs Jahre ist der Unterschied zwischen dem Gehalt eines Geschäftsleitungsmitglieds und dem Tiefstlohn um 80 Prozent gewachsen. Die CEOs und Verwaltungsratspräsidenten leisteten sich letztes Jahr Lohnerhöhungen von bis zu 140 Prozent; bei den ArbeitnehmerInnen stiegen die Löhne durchschnittlich um 0, 9 Prozent.

Gute und andere Kapitäne

Die Kritik an diesen Zuständen ist längst keine exklusive Sache der Linken mehr: Diesen Februar wurde die vom rechtsbürgerlichen Mundwasserfabrikanten Thomas Minder lancierte Volksinitiative «gegen Abzockerei» eingereicht. Die Kritik von rechts stellt dem raffgierigen Manager den verantwortungsvollen Unternehmer und Patron gegenüber. Der Fabrikant Minder: «Manager sind Schönwetterkapitäne: Sie kassieren, was auch passiert. Ein KMUler dagegen krampft. Und kämpft wie ein Kapitän: bis zur letzten Minute.» Der Uhrenindustrielle Nicolas Hayek: «Richtige Unternehmer sind Künstler. Ein Manager kassiert so viel Geld, wie er kann, und haut ab.» Der FDP-Nationalrat und Unternehmer Johann Schneider-Ammann: «Manager gefährden den sozialen Frieden.»

Die Kritik an den Managergehältern kommt nicht nur von rechts. Daniel Binswanger, das anderthalbspaltige politische Gewissen des «Magazins» des «Tages-Anzeigers», das sich sonst zunehmend mit Albernheiten und Fragen des guten Stils beschäftigt, schreibt in der aktuellen Ausgabe über den «Untergang der Gentlemen». Auch ihm geht es um die Frage der Verantwortung von Reichen. Gegenüber der kaltschnäuzigen, unmoralischen Wirtschaftswelt der Gegenwart lobt der linksliberale Binswanger den «traditionellen Kapitalismus». Seine These: Früher standen die Reichen ihren Mann, sie trotzten dem Egoismus, sie waren redlich, schützend legten sie die Hand über die Schwächeren. Sein Beispiel: Als 1912 die Titanic sank, überlebten in der ersten und zweiten Klasse weit mehr Frauen und Kinder als Männer. «Aus freiem Antrieb» hätten sich die «begüterten Passagiere» «wie echte Gentlemen» verhalten: «Der Ehrenkodex der Zeit verlangte es so.»

Die Pseudohelden

Binswangers Fakten stimmen zwar. Weitere Fakten erzählen aber eine weniger heldenhafte Geschichte: In der ersten Phase der Evakuierung, während sich der Bauch des Luxusdampfers längst mit eisigem Wasser füllte, wurden die Passagiere der ersten Klasse höflich gebeten, sich eine Rettungsweste überzuziehen. Viele empfanden das als übertrieben - die Bordkapelle spielte Ragtime, und es war noch niemandem klar, dass man sich inmitten einer Katastrophe befand. Als das erste Rettungsboot bereitgestellt wurde, deklarierte die Besatzung das als reguläres Manöver. Die Offiziere hatten den Befehl, zuerst Frauen und Kinder zu evakuieren, was anfangs dazu führte, dass nicht einmal halb volle Boote zu Wasser gelassen wurden - ein Dreizehnjähriger wurde erst nicht auf das Boot gelassen, weil der betreffende Offizier ihn bereits als Mann ansah. Das Ganze war eine Übung ganz nach dem Geschmack eines englischen Gentleman, der sich seine Mannhaftigkeit im Angesicht des Todes - aber in sicherem Abstand davon - beweisen konnte, ohne sich die Kleider schmutzig zu machen. Später drängten auch sie auf die Boote.

Entscheidend für die Wahrscheinlichkeit einer Rettung war also das Geschlecht, das Alter, auch der Standort auf dem Schiff - das Wichtigste war jedoch die Klassenzugehörigkeit. Die dritte Klasse kam viel zu spät oder gar nicht zu den Rettungsbooten, sie blieb im Schiffsinneren hinter verriegelten Barrieren gefangen. Drei Viertel der armen Reisenden starben. In der zweiten Klasse überlebte knapp die Hälfte, während in der ersten Klasse zwei von drei Reisenden heimkehrten.

Der steinreiche Reeder rettete sich

Als die Überlebenden am 17. April 1912 in New York eintrafen, bestiegen die Schiffbrüchigen der ersten Klasse ihre Karossen und privaten Züge an der Grand Central Station. Ganz am Schluss liess man die Überlebenden der dritten Klasse aus dem Rettungsschiff. Die meisten von ihnen waren AuswanderInnen, die beim Untergang ihr gesamtes Besitztum verloren hatten.

Beim Unglück starben auch einige Männer, die sehr reich waren. Andere wiederum retteten sich: Bruce Ismay, ein steinreicher britischer Reeder und als Direktor der White Star Line verantwortlich für den Bau der Titanic, sprang in eines der letzten Rettungsboote und überlebte. Und die Zeitungen berichteten ausschliesslich über die prominenten Opfer des Unglücks. Damals wie heute.

Der Untergang der Titanic ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Reichtum ohne Kontrolle regiert. Wenn Schwächere nicht durch ein System von Sicherheitsvorkehrungen geschützt werden (so wurde übrigens nach der Titanic-Katastrophe die erste internationale Konferenz über die Sicherheit auf dem Meer durchgeführt). Natürlich: Grosszügigkeit gibt es auch unter Reichen. Doch warum wird sie so verklärt? Warum werden sie nostalgisch herbeigesehnt, die guten Gentlemen und gerechten Patrons, die keiner anderen Autorität bedürfen als ihrer edlen Gesinnung? In dieser Nostalgie verbirgt sich Ehrfurcht vor der Macht und dem Reichtum: Ein Reicher, der freiwillig gibt, macht ungeheuren Eindruck. Ein Reicher, der anstelle eines Namenlosen stirbt (vielleicht aber auch einfach aus Pech und garantiert gemeinsam mit vielen Namenlosen), wird zum moralischen Helden - Binswanger findet die Beispiele selbstlosen Verhaltens auf der Titanic «umso bemerkenswerter, als sich unter den Reisenden einige der reichsten Männer der Welt befanden». Dies ist die Position eines konservativen Liberalen. Dass Binswanger sie mit linker Kritik an der Wirtschaftselite verknüpft und als Lösung den Rückschritt zu einem patriarchalen und feudalistischen Ehrenkodex nahelegt, ist naiv. Es ist ein Kniefall im Ton der Kritik.

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