Nr. 22/2016 vom 02.06.2016

Nicht auf dem Radar

Zivilpersonen tun ihr Möglichstes, um Schiffbrüchigen zwischen Libyen und Europa Hilfe zukommen zu lassen. Die EU-Operation vor Ort ist zwar bestens ausgerüstet, hat aber andere Prioritäten.

Von Raphael Albisser

Während über vier Stunden versuchten AktivistInnen des Projekts «Alarmphone» am Donnerstag letzter Woche, zur Rettung von Flüchtlingsbooten beizutragen, die vor der libyschen Küste in Seenot geraten waren. Doch für Hunderte Menschen kam jede Hilfe zu spät.

Die European Union Naval Force – Mediterranean (EU Navfor Med) verfügt zwar über zahlreiche Schiffe, Flugzeuge und Drohnen, mit denen sich die drei bekannten Fluchtrouten vor Libyen engmaschig observieren liessen. Doch die EU Navfor Med ist von der EU nur mit der Bekämpfung von Menschenschmuggelnetzwerken beauftragt. Dass die Rettung von Flüchtlingsbooten offenbar keine Priorität darstellt, geht aus dem Logbuch der Alarmphone-AktivistInnen hervor: Für dieses Projekt sind Menschen auf der ganzen Welt rund um die Uhr im Schichtbetrieb in Bereitschaft, um Notrufe von Schiffsflüchtlingen entgegenzunehmen und an Küstenwachen, private Rettungsboote und Handelsschiffe weiterzuleiten. Demnach begann die Tragödie vom 26. Mai schon vor Sonnenaufgang.

Seit 05:24 Uhr stand ein Alarmphone-Team in den USA per Satellitentelefon in Kontakt mit einem Mann aus Syrien, der sich auf einem von zwei Holzschiffen befand, die nachts von der libyschen Küste aus gemeinsam in Richtung Italien aufgebrochen waren. Wie das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR später eruieren sollte, waren auf den beiden Schiffen insgesamt fast 1200 Menschen unterwegs.

Kein Schiff in der Nähe

Um 06:21 Uhr vermeldete der Mann panisch, dass das zweite Schiff unterzugehen drohe. Die AktivistInnen übermittelten die Koordinaten der Schiffe der italienischen Koordinationsstelle für Seenotrettungen, von wo sie im Normalfall an die EU Navfor Med gehen. Aber trotz gemeinsamer Bemühungen fanden sie keine rasche Rettungsmöglichkeit. Keines der zivilen Rettungsschiffe, die normalerweise in dieser Region kreuzen, war zu dieser Zeit in der Nähe: Sie befanden sich weiter nördlich, weil sie am Vortag zahlreiche gerettete Flüchtlinge nach Italien gebracht hatten.

Um 07:00 Uhr übernahm ein Alarmphone-Team in der Schweiz den Fall, während sich die Situation im Meer dramatisch zuspitzte. Das lecke Schiff drohe zu zerbrechen, vermeldete die syrische Kontaktperson um 08:23 Uhr. Auf einer Schiff-Tracking-Website machten die Alarmphone-AktivistInnen zwei Handelsschiffe aus, die in der Nähe der Unglücksstelle verkehrten und zu Hilfe hätten eilen können. Doch sie erreichten deren Besatzungen nicht. Derweil erklärte die Küstenwache von Malta, zwar vom Unglücksfall zu wissen, aber bereits mit anderen Einsätzen überbeschäftigt zu sein.

Um 08:45 Uhr meldete die Kontaktperson, das havarierte Schiff sei gesunken. Hunderte Flüchtlinge befänden sich jetzt im Wasser, einige davon seien bereits ertrunken. Erst jetzt gaben die Flüchtlinge das Einverständnis, dass das Alarmphone-Team auch die gefürchteten Küstenwachen von Libyen und Tunesien über das Unglück informierte. Etwa eine halbe Stunde später kam die Nachricht, dass das zweite Holzschiff ebenfalls ein Leck aufweise und zu sinken drohe. Zwei private Rettungsschiffe sowie weitere private Schiffe näherten sich dem Unglücksort, aber die Zeit wurde knapp. Zeitgleich suchten die zwei zuvor nicht erreichbaren Handelsschiffe nach den Verunglückten, allerdings an einer falschen Stelle.

Um 10:31 Uhr telefonierte das Alarmphone-Team letztmals mit der Kontaktperson: Endlich war ein italienisches Schiff an der Unglücksstelle eingetroffen und brachte die Überlebenden in Sicherheit – über vier Stunden nach dem Notruf. Gemäss BetreiberInnen des Alarmphones ist die lange Reaktionszeit ein «kalkuliertes Produkt dieses EU-Grenzregimes».

Über 1000 Tote in drei Tagen

Gemäss UNHCR befanden sich auf dem gesunkenen Schiff rund 670 Menschen, von denen etwa 550 vermisst bleiben. Sie sind aber nicht die einzigen Todesopfer der vergangenen Woche: Gemäss der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kamen bei mehreren Unglücken innerhalb von nur drei Tagen insgesamt über 1000 Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ums Leben. Es muss angenommen werden, dass die Schliessung der Balkanroute zu noch mehr Flüchtlingsbooten zwischen Libyen und Italien führen wird. Trotz des Einsatzes unzähliger HelferInnen werden sich weitere Tragödien nicht verhindern lassen, solange die EU nicht von ihrer Abschottungspolitik abweicht.

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