Nr. 27/2008 vom 03.07.2008

Bastion des Lebendigen

Nach langem Ringen mit den Behörden darf das letzte besetzte Haus in der Stadt Basel bis auf Weiteres stehen bleiben. Doch für die BesetzerInnen ist das nur ein Zwischenerfolg im Kampf um mehr politische und kulturelle Freiräume.

Von Dominik Gross

Wie Klötze zu Beginn eines Tetrisspiels scheinen die Gebäude in der Einöde der Stadtperipherie vom Himmel gefallen. An der einen Flanke der neuen Basler Autobahn-Nordtangente, auf halbem Weg zum EuroAirport Basel-Mulhouse-Freiburg, steht der Kubus des Grand Casino Basel in seinem leuchtend roten Kleid, schimmernd wie Granitfels. Gleich daneben steht das Hochhaus des Airport-Hotels. Auf der anderen Seite der Nordtangente liegt der Basler Schlachthof, im Hintergrund der französische Zoll.

Mittendrin im Dreieck von Casino, Schlachthof und Zoll: Der Überrest einer alten Sozialsiedlung. Seit vier Jahren ist er besetzt und heisst seitdem Villa Rosenau. Der einzige Passant an diesem Abend blickt wohlwollend auf das besetzte Areal und meint: Hier würden Gegensätze sichtbar. In der Tat, Gegensätzliches ist hier gelandet. Am roten Casino steht in weissen Leuchtlettern: 340 Geldspielautomaten, 15 Spieltische, 3 Jackpots, Eventsaal, Restaurant Chez Georges, 3 Bars, Salle de spectacles, 340 Machines à sous, 15 Tables de Grand Jeux.

Auf das Giebeldach der zweistöckigen Villa Rosenau haben die BesetzerInnen «Free Camenisch» geschrieben, an einer Wand liest man auch «Freiheit für alle Gefangenen», eine Piratenfahne weht im lauen Wind. Nur das Transparent mit der Aufschrift «Paradise of Amusement» könnte eigentlich auch am Casino hängen. Wie eine letzte Bastion des Lebendigen, Unvorhergesehenen, des politischen Engagements und der Kritik liegt die Villa Rosenau inmitten dieses auf reine Funktionalität getrimmten Nichtortes am Rand von Basel und der Schweiz.

Freudenfest statt Widerstand

Diese letzte Bastion - denn das ist sie wirklich, ist doch die Villa Rosenau das letzte besetzte Haus in der Stadt Basel – war in den letzten Monaten allerdings arg in ihrer Existenz bedroht: Der Stadtbasler Regierungsrat wollte das Haus zugunsten einer Ersatzgrünfläche abbrechen, die aufgrund des Baus der Basler Nordtangente von Gesetzes wegen nötig wurde. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Eine Bastion des Lebendigen sollte einer unbevölkerten Grünfläche weichen. Nach langem Kampf, Hin und Her und dank der Fürsprache und parlamentarischer Interpellationen einiger Basler GrossrätInnen aus dem rot-grünen Lager darf die Villa Rosenau nun «bis auf Weiteres» stehen bleiben. Dies bekamen die AktivistInnen am letzten Freitag schriftlich von der zuständigen Regierungsrätin Barbara Schneider zugesichert.

Ende März hatte der Regierungsrat die Räumung der Villa Rosenau noch für den 30. Juni angekündigt. So ist aus dem Widerstandscamp, das am letzten Wochenende auf dem improvisierten Abstellplatz für Lkws vor der Villa Rosenau ursprünglich die Räumung des Hauses hätte verhindern sollen, ein Freudenfest geworden. Neben dem Aussichtsturm, der Konzertbühne und der Bar haben die BesetzerInnen auch noch drei grosse Holzzelte für Gäste aufgebaut, ein biologisches Plumpsklo mit Holzspan-Kompostiersystem steht den FestbesucherInnen aus halb Europa ebenfalls zur Verfügung: «Es stinkt nicht, schont den Boden, und in einem Jahr können wir das Kompostgut als Dünger für den Gemüsegarten verwenden», erklärt einer der ErbauerInnen stolz.

Das Camp geizt nicht mit Attraktionen: Jeden Abend wird unter dem Aussichtsturm gekocht, der charakteristische Duft von orientalisch-indisch angehauchtem veganem Essen liegt in der Luft. Am Samstag findet auf einer Wiese in der Stadt ein Squatter-Grümpelturnier statt, jeden Abend spielen Bands und DJs vor der Villa, ein Reclaim the Streets ist ebenfalls geplant.

Das vollendete «Paradise of Amusement» ist die Villa Rosenau in den Augen der BesetzerInnen trotzdem noch lange nicht. Frühmorgens höre er immer die Tierlaster zum Schlachthof fahren, erzählt ein Bewohner. Das Vieh schweige erstaunlicherweise immer, aber den späteren Verwesungsgeruch rieche er manchmal. Auch die Kehrichtverbrennungsanlage stadteinwärts sei nicht leicht zu ertragen. Alle paar Tage, wenn die Anlage in ihrer ewigen Müllbeseitigung wieder am Grund des sich ständig häufenden Abfallberges angelangt ist, da wo es schon gärt, entlässt sie beklemmende Gerüche aus ihrem Schlot. Dafür könnten sie sich hier ziemlich ungestört ausbreiten, meint der Besetzer.

«Die Wilden»

Den zwei Meter hohen Zaun, den die Stadtverwaltung einmal ganz nah an den Mauern um die Villa Rosenau zog, um den BesetzerInnen die unmittelbaren Grenzen ihres Aktionsradius aufzuzeigen, ist auch längst wieder durchbrochen … die ganze Camp-Infrastruktur steht jenseits davon. Und so abgelegen ist die Villa Rosenau gar nicht, in zehn Minuten ist man per Velo oder Bus in der Innenstadt. Auch Konflikte mit einer allfälligen Nachbarschaft sind hier, mangels Wohnraum in der direkten Umgebung, fast ausgeschlossen. Die Geräuschkulisse, welche die Villa Rosenau gelegentlich produziert, verliert sich nachts spätestens auf dem Lastwagenparkplatz beim Zollgebäude, im monotonen Rumpeln der dieselbetriebenen Kühlaggregate abgestellter Vierzigtönner.

Hier macht auch Chauffeur Odermatt seine letzte Pause auf der langen Heimfahrt von der spanischen Ostküste. Er stammt aus Obwalden, lebt aber seit vierzig Jahren im elsässischen Grenzort Häsingen oder französisiert Hésingue. Das besetzte Haus nebenan stört ihn nicht. Auf dem Zollareal taugten die Leute aus der Villa Rosenau ab und an als Thema für einen Pausenschwatz, bei den Schweizer Zöllnern seien sie als «die Wilden» bekannt. Wirklich scheren um sie tue sich aber keiner, sagt Odermatt und lässt die Pressluft aus seiner pneumatischen Anhängerkupplung.

Die ZöllnerInnen vor ihren Kabinen wollen diese inoffizielle Sprachregelung für die HausbesetzerInnen in der Nachbarschaft nicht bestätigen. Sowieso ist ihnen nicht viel zu entlocken, weder zum Thema noch sonst Substanzielles, es sei bei ihnen halt ein bisschen wie in der untergegangenen DDR, vergleicht einer: «Reden darf hier nur unsere Pressestelle.»

Die gesamte Bäckerei

Was die Menschen in der Stadtperipherie trotz aller Gegensätze zu verbinden scheint: Ob Zöllner, Besetzerin oder Portier im Grand Casino, ernste Fragen zum Thema wollen, können oder dürfen sie spontan alle nicht wirklich beantworten. Der höfliche deutsche Portier im Casino wiederholt mehrmals denselben Satz: «Montag, ab 8 Uhr, bei der Geschäftsleitung.» Die BesetzerInnen haben zu viele schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht und wollen nicht, dass interne Kontroversen an die Öffentlichkeit dringen.

Keine soll für sich alleine reden, schon gar nicht einer für viele, sondern nur alle für alle. Jede Einigung, jeder Konsens in der Gruppe ist ein intensiver Prozess, Abstimmungen an Vollversammlungen gibt es nicht. Die AktivistInnen der Villa Rosenau leben auch von ihrer Vielfalt, verschiedene linke politische Ideen laufen hier zusammen, Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen treffen sich hier. Auch deshalb ist viel Gegenwärtiges umstritten, Zukünftiges grundsätzlich sehr offen.

Dies gilt auch für die weitere Politik der BesetzerInnen gegenüber der Stadt oder dafür, wie man gewisse Sätze, die auf der Website der Villa Rosenau den theoretischen Rahmen geben, interpretieren soll. Sätze wie diesen: «Eigentum gibt es nicht, nichts gehört einem Menschen. Einzig die Kräfte, die das Eigentum schützen, definieren dessen Stärke. Eigentum wird nur durch Gewalt definiert. Und diese Gewalt definiert auch das Recht. Es wird vom Staat verliehen an diejenigen, die er sich aussucht.»

In den DDR-Topf, zusammen mit den ZöllnerInnen, wollen sich die Leute von der Villa Rosenau dann doch nicht stecken lassen. Zur schon gestandenen Parole «We don't want one piece of the cake, we want the whole fuckin' bakery!» wagt eine Besetzerin eine persönliche Interpretation. Diese Parole ziele ihrer Meinung nach darauf ab, «dass wir nicht bloss ein kleines Haus am Stadtrand wollen, das genauso wie alle anderen im System verankert ist und sich davon nicht entzweien kann, sondern die gesamte Bäckerei, damit wir mit all ihren Zutaten etwas vollkommen Neues backen können. Es geht nicht um die Kontrolle des herrschenden Systems, sondern um die Aneignung der Kapazitäten, um unabhängig Neues schaffen zu können.»

Da fast alle bisherigen BewohnerInnen ausziehen, kommt auch auf die Villa Rosenau viel Neues zu. Die AktivistInnen freuen sich darauf. Vor allem wollen sie die Villa auch für Leute, die nicht zum eingeweihten Zirkel gehören, weiter öffnen. «Wir wollen ein echtes autonomes Zentrum schaffen», sagt eine Maturandin, Vertreterin der neuen Generation rund um die Villa Rosenau. «In letzter Zeit fanden hier schon sehr viele Konzerte statt, und es hat uns sehr gefreut, dass auch immer wieder neue Leute bei diesen Gelegenheiten auftauchten.» Das Kulturprogramm mit Konzerten, Kinos, oder Voküs – Volksküchen – soll weitergeführt werden, auch die Eröffnung eines Infoladens stehe zur Debatte.

«Unser Kino beispielsweise gibt jungen Filmemachern die Chance, politisch engagierte Filme zu zeigen, die sonst nirgendwo in Basel ein Publikum finden», sagt ein Geschichtsstudent. Schon in den vergangenen Jahren sei die Villa Rosenau ein Dreh- und Angelpunkt der linksautonomen Bewegung in Basel gewesen. Widerstandsaktionen gegen das Weltwirtschaftsforum in Davos oder die erfolgreiche Kampagne, in welcher sich die Bewegung gegen die Ausschaffung des kurdischen Asylsuchenden Erdogan E. eingesetzt hat, wurden von der Rosenau aus organisiert. Andere frisch besetzte Häuser in der Stadt Basel wurden in den letzten Jahren von den Behörden stets umgehend wieder geräumt.

Die Kräfte bündeln

Steht man wieder an der Bushaltestelle auf dem Rückweg in die Stadt, beschleicht einen beim letzten Blick auf Autobahn, Villa Rosenau, Zoll, Casino, Schlachthof und Kehrichtanlage das dumpfe Gefühl, dass die Stadt Basel alles Unliebsame, Kontroverse an ihre Ränder verfrachtet – wenn schon nicht über die Grenze, dann wenigstens so nah wie möglich dran. Die Chemie mit ihrem Gift, das sie im Dekadenrhythmus per Rhein direkt ins Ausland entlässt, ist nur das berühmteste Beispiel dafür.

Die Leute der Villa Rosenau fügen sich diesem von oben verordneten Anspruch an eine harmonische Innenstadt nicht: Ihr Haus soll ein Ort sein, wo sie Kräfte bündeln können, um irgendwann wieder mit einer Besetzung in die Stadt zurückkehren zu können. «Wir werden weiter um autonome, nichtkommerzielle Freiräume kämpfen, auch wenn das zurzeit sehr schwierig ist. Es geht nicht nur um diesen Freiraum, es geht um Freiräume allgemein», kündigt eine junge Frau mit wachen, grossen Augen und einem gepflegten schwarzen Irokesenschnitt an – von der Bastion zur Bäckerei.

Nachtrag: In der Nacht auf letzten Montag besetzten AktivistInnen aus dem Umfeld der Villa Rosenau die Aktienmühle in Basel Kleinhüningen, die an ein Novartis-Areal grenzt. Bis 2003 versorgte sie Basel mit Mehl, danach gab es Zwischennutzungen – schon wieder ein bisschen mehr vom Kuchen.

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