Nr. 28/2008 vom 10.07.2008

Späte Entdeckung

Von Valentin Schönherr

Der Kalte Krieg spaltete die Welt und damit auch die kubanische Literatur. Wer Castro-kritisch schrieb, bekam Probleme auf der Insel, in den Staaten des Realsozialismus und bei einem Teil der westlichen Linken; wer sich Castro-freundlich äusserte, Probleme mit dem Rest. Obwohl das Revolutionsregime den Zerfall des sowjetischen Blocks bisher überstanden hat, bröckelten ab 1989 in Sachen Literatur die Mauern mit. Vorsichtige Kontakte mündeten 1995 in ein SchriftstellerInnentreffen in Madrid, 1996 in die wichtige kubanische Literaturzeitschrift «Encuentro».

José Kozer ist ein Autor, für den diese Öffnung den Durchbruch bedeutete. 1940 in Havanna als Sohn polnisch-jüdischer ImmigrantInnen geboren, verliess er schon 1960, kurz nach dem Sieg der Revolution, die Insel und lebt seither in den USA. Auch von KennerInnen lateinamerikanischer Lyrik wurde er erst in den neunziger Jahren wahrgenommen. Nun liegt endlich ein Auswahlband in Übersetzung vor.

In seiner Familie sei er die erste und zugleich letzte Generation, die man als kubanisch bezeichnen könnte, hat er einmal gesagt; die Vielsprachigkeit seiner Kindheit kommt hinzu. Als Enkel eines orthodoxen Juden und Sohn eines atheistischen Vaters fand Kozer selbst eine Heimat im Buddhismus. Und bekennt doch, dass er, wenn er das «Höre, Israel» betet, existenzieller berührt ist als bei Zen-Meditationen.

Vor einigen Jahren wurde erstmals eine Gedichtauswahl in Kuba publiziert, man lud den Dichter ein, das Buch vorzustellen - und das Haus seiner Kindheit zu besuchen. «Im Glasschrank im Esszimmer fand ich dieselben Teller, die Purim-Becher, den Elia-Becher (Pessach), Becher des Empfangs im Dämmerlicht des Speisezimmers, Teller und Becher des Empfangens. // Man liess mich den Schrank öffnen, ich roch sein Dunkel, das Kind erschnupperte das Kind.» Aber die Kindheit und ihr Ort sind verloren, mit ihr auch die Möglichkeit des unmittelbaren Empfangens; was bleibt, bleibt in der Erinnerung.

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