Nr. 13/2009 vom 26.03.2009

Wenn die falschen Worte den Zerfall begleiten

Wie steht es fünfzig Jahre nach der Revolution um den Sozialismus auf Kuba? Glaubt man Wendy Guerra, Leonardo Padura und Antonio José Ponte, so ist er weitgehend gescheitert. Und die Literatur?

Von Valentin Schönherr

Fünfzig Jahre nach der kubanischen Revolution hat sich auch der letzte Zweifel verflüchtigt: Der Castro-Sozialismus ist gescheitert. Kein «neuer Mensch» weit und breit. Es stehen noch Ruinen oder vielleicht Fassaden, die nur dank eiserner Kontrolle nicht zusammenbrechen. Die Substanz aber ist weg, die materielle Substanz ebenso wie die kulturelle, die moralische und, natürlich, die utopische. Wer kann, geht fort, wer nicht fortgehen kann, versucht auf allen erdenklichen Wegen, Devisen zu ergattern, um noch möglichst angenehm über die Runden zu kommen. Und nur diejenigen verzichten freiwillig auf das Fortgehen, die vom Regime leben oder die ihm beim Zerfallen zuschauen wollen.

Zertrümmerte Vorstellungen

Diesen summarischen Eindruck gewinnt, wer sich in drei Neuerscheinungen der kubanischen Literatur vertieft. Wendy Guerra, Leonardo Padura und Antonio José Ponte erzeugen in ihren Büchern ein einseitiges Bild, das mit der komplexen kubanischen Wirklichkeit nur teilweise übereinstimmt. Das muss auch nicht sein und hat für die Frage, ob einem ein Buch gefällt, überhaupt keine Bedeutung. Allerdings ist unübersehbar, dass es die tatsächlichen, gravierenden Probleme des gegenwärtigen Kuba sind, denen sie mit literarischen Mitteln beizukommen versuchen. Diese Realitätsfixiertheit hat bei allen drei Büchern etwas unangenehm Starres, ist aber nur zu verständlich. Denn wo unabhängiger Journalismus verhindert wird, weichen kritische Stimmen gern in die Literatur aus, wo weniger stark zensiert wird.

So gesehen, haben wir es mit drei starken Texten zu tun. Wendy Guerra (geboren 1970) und Leonardo Padura (1955), die beide auf Kuba leben und publizieren, reizen die Grenzen des politisch Sagbaren wohl aus, wenn sie den Zerfall Kubas derart drastisch vorführen. Alles ausser dem politischen Führungspersonal und den zentralen Machtstützen greifen sie frontal an. Erst recht kein Blatt vor den Mund zu nehmen braucht der 1964 geborene, seit 2006 in Spanien lebende Antonio José Ponte - der nun die wichtigste exilkubanische Literaturzeitschrift «Encuentros» leitet, die in Kuba nur unter der Hand kursieren kann.

Das Erzählarrangement ist jeweils ein ganz eigenes. Padura, der mit seiner Krimireihe «Das Havanna-Quartett» um den Polizeikommissar Mario Conde Erfolg hatte, lässt in «Der Nebel von gestern» seinen Helden noch einmal auftreten. Aus dem Polizeidienst ist Conde längst ausgeschieden, jetzt handelt er mit alten Büchern. Als er aber zufällig eine wertvolle Bibliothek zum Kauf angeboten bekommt, sind plötzlich doch einige Morde aufzuklären. Der Weg bis zu des Rätsels Lösung führt Conde in die fünfziger Jahre hinab, durch die florierenden Musikclubs jener Jahre hindurch, in die gewalttätigen No-go-Areas des heutigen Havanna hinein und mit zermatschtem Auge und zertrümmerten Vorstellungen vom kubanischen Sozialstaat wieder hinaus. Am Schluss sind es nur die mit Resten von Moral ausgestatteten Individuen wie Conde und seine FreundInnen, die beim allgemeinen Niedergang nicht mitmachen.

Die Versprechen der Revolution

Wendy Guerra erzählt in «Alle gehen fort», einem Tagebuchroman, dessen Ausgangspunkt wohl das reale Tagebuch der Autorin gewesen ist, wie ein Mädchen erleben muss, dass «alle fortgehen». Als Kind erlebt sie in den siebziger Jahren die Misshandlungen des Vaters. Dessen hoher Parteiposten hindert ihn nicht etwa daran, seine Tochter zu schlagen - er schützt ihn sogar vor Strafverfolgung. Der sozialistische «Bruderkrieg» in Angola zwingt die Mutter, eine Journalistin, zu einem Einsatz, dem sie nicht gewachsen ist und an dem sie zerbricht. Die realsozialistische Perspektivlosigkeit Ende der achtziger Jahre schliesslich lässt die erste Liebe des Mädchens scheitern, ein militärisches Ausbildungslager gibt ihr den Rest. Am Einzelfall zeigt Wendy Guerra, dass sich das Revolutionsversprechen einer besseren Gesellschaft nicht erfüllt hat.

Antonio José Ponte trägt in «Der Ruinenwächter von Havanna», einem essayartigen Text, Ideen zusammen, die das ruinöse Havanna umschreiben. Hier wird vieles zitiert und paraphrasiert, Graham Greenes «Unser Mann in Havanna» etwa oder der Film «Buena Vista Social Club», die Philosophen Georg Simmel und Walter Benjamin, Architekten und RegisseurInnen. Den berühmten Kuba-Aufenthalt von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir im Jahre 1960 entzaubert Ponte als ein tragisches Missverständnis, da sie nicht verstanden haben, was sie zu sehen bekamen, ihre Berichte aber das romantische Bild, das man sich in Europa von der Revolution gemacht hat, einst stark prägten.

«Historische Ermüdung»

Man lernt eine Menge bei Ponte, Guerra und Padura. Aber keines dieser drei Bücher ist gute Literatur. Denn sie scheitern an der zentralen Forderung: eine sprachliche Form gefunden zu haben, die das, was erzählt werden soll, auch trägt.

Wendy Guerras Tagebuchroman leidet an der Unentschiedenheit, ob es nun Tagebuch oder Roman sein soll. Für einen Roman sind zu viele Nebenschauplätze und Wiederholungen stehen geblieben, sind die Einträge zu wenig durchgearbeitet. Ein Originaldokument ist es andererseits auch nicht mehr; aller Wahrscheinlichkeit nach würde eine Acht-, Neunjährige nicht so schreiben, nicht in diesem Rhythmus, mit diesem Vokabular. Die vielen sehr eindrücklichen Passagen helfen über die Ermüdung nur eine Weile hinweg.

Auch Antonio José Pontes Konzept ist nicht stimmig. Eine ruinöse Stadt, ein gescheitertes Gesellschaftsprojekt kann man sehr überzeugend durch fragmentarisches Schreiben erzählen - aber dann richtig. Bei Ponte muss das Fragmentarische aus einer Art Zettelkastenmethode entstanden sein, bei der alles, was der Autor so zum Thema gelesen und gehört hat, gesammelt, geordnet und noch ein wenig miteinander verknüpft worden ist. Das wirkt nicht - wie vielleicht beabsichtigt - offen, sondern beliebig und an den schwächsten Stellen bildungsbürgerlich-behäbig und will zum Stoff einfach nicht passen.

Während Ponte und Guerra irgendwo auf halbem Wege stehen geblieben sind, aber in der richtigen Richtung unterwegs waren, ist Padura ein härterer Fall. Zwar wird man akzeptieren müssen, dass KrimiautorInnen Leichen als Hilfsmittel verwenden, um irgendein Thema spannender zu erzählen, als ihnen das sonst gelingen würde. Paduras Geschichten funktionieren allerdings immer auf die gleiche plumpe Weise. Conde erhält irgendwoher einen Tipp, wer etwas wissen könnte. Er geht dorthin und lässt sich etwas erzählen, was den Fall ein Stückchen weiter löst, aber noch genug Fragen offenlässt. Die jeweiligen Auskünfte werden, egal wie gebrechlich oder verwirrt die jeweilige Person ist, in einem seitenlangen Monolog erteilt, der druckfertig durchkomponiert ist, und auf der letzten Seite ist alles klar.

Dann wird bei Conde so viel von Scheisse geredet und so viel gesoffen, dass das spätestens ab der dritten Seite nicht mehr cool ist. Den letzten Nerv raubt einem Paduras Erzählton, der sich aus gestelzter Umständlichkeit und lauwarmer Ironie zusammensetzt: «Er trank sein Glas aus und betrachtete die vor ihm sitzenden Musterbeispiele für vom Syndrom der historischen Ermüdung Gezeichnete ...»

Keinem der drei Autoren ist es gelungen, das Kuba von heute so zu packen, in die Höhe zu halten und zu zeigen, dass man es verstehen kann. Grosse Stimmen, die das konnten - man denke an einen Reinaldo Arenas, einen Jesús Díaz -, sind schon lange verstummt. Eins ist gewiss: In einer Literatur, die so sensationell reich ist wie die kubanische, kann das nicht das letzte Wort gewesen sein.

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