Nr. 15/2018 vom 12.04.2018

Es herrscht kein Castro mehr

Der kleine Bruder Raúl sollte eigentlich nur eine Übergangslösung nach dem grossen Fidel sein. Er wurde zur eigenständigen Figur und tritt nun nach zehn Jahren ab – zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Eine Bilanz.

Von Toni Keppeler

Raúl Castro tritt ab. Am 19. April wird die Volkskammer von Kuba seinen Nachfolger im Präsidentenamt wählen. Er hatte es angekündigt: zwei Perioden von jeweils fünf Jahren. Länger soll kein Regierungsfunktionär mehr sein Amt ausüben dürfen, nicht einmal ein Castro. Ein dritter nach Fidel und Raúl stand nie als Ersatz bereit. Vom 19. April 2018 an wird deshalb der höchste Repräsentant Kubas einen anderen Nachnamen tragen – mutmasslich einen doppelten. Miguel Díaz-Canel, heute erster Vizepräsident, ist der designierte Nachfolger.

Raúl Castro galt als ein Mann des Übergangs. 2006 hatte er als Stellvertreter seines älteren Bruders wegen dessen schwerer Darmerkrankung das höchste Staatsamt zunächst nur vorläufig übernommen; 2008, als sich Fidel endgültig aufs Altenteil zurückzog, wurde er als Nachfolger ins Präsidentenamt gewählt. Das Regime dachte damals, das müsse so sein. Anders könne Kuba den Schock über den Abgang des grossen Fidel kaum ohne Verwerfungen verwinden. Es brauche nun die starke Hand des kleinen Raúl, der als militärischer Quadratschädel galt. Jahrzehntelang war er Verteidigungsminister gewesen, gewiss effektiv, aber so ganz ohne dieses besondere Charisma des fünf Jahre älteren Bruders. Er hat alle überrascht.

Spätestens seit dem 11. April 2015 weiss man, dass Raúl Castro ein Mann mit eigenem Charisma ist. An jenem Tag trafen am Rand eines Gipfels der Organisation Amerikanischer Staaten in Panama-Stadt zum ersten Mal seit 59 Jahren das Staatsoberhaupt von Kuba und das der USA zum Gespräch Aug in Aug aufeinander. Nach achtzig Minuten stellten sich die beiden der internationalen Presse. Raúl gab sich locker, jovial, witzig. So viel Souveränität hätte man dem kleinen Castro nicht zugetraut.

Der grosse kleine Raúl

Und das war nur der Auftakt. Am 20. Juli desselben Jahres nahmen die beiden Länder die 1962 von den USA abgebrochenen diplomatischen Beziehungen wieder auf, im März 2016 reiste Obama nach Kuba. Die Fotos von seinem Familienspaziergang durch die Altstadt von Havanna beweisen: Selbst eine pathologische Beziehung zwischen zwei Staaten kann entkrampft werden, wenn zwei einflussreiche Politiker aufeinandertreffen.

Auch innenpolitisch hat sich unter Raúl einiges getan. Reformen im planwirtschaftlichen System, die unter Fidel vorsichtig und zögerlich ausgefallen waren, gab es plötzlich am laufenden Band: Immer mehr freie Berufe wurden zugelassen, genauso der private Verkauf, nicht nur von Autos, sondern sogar von Immobilien. Lizenzen für Privatvermietungen von Ferienzimmern gab es ohne grosse Probleme. Das war auch nötig, weil immer mehr TouristInnen ins Land kamen, um dieses Freiluftmuseum des real existierenden Sozialismus unter karibischer Sonne zu bestaunen. 4,7 Millionen waren es im vergangenen Jahr. In staatlichen oder halbstaatlichen Betten hätte man so viele nicht unterbringen können. Die Branche wuchs schneller, als Hotels gebaut werden konnten.

Und worauf schliesslich vor Raúl Castros Amtsantritt sicher niemand auch nur einen Cent verwettet hätte: Seit 2013 dürfen KubanerInnen ausreisen, einfach so. Genauso einfach dürfen sie wieder zurückkehren. Sogar die heftigsten DissidentInnen. Über so etwas hatte Fidel nie nachgedacht, und ein anderer Nachfolger als Raúl hätte sich das kaum getraut. Die Ausreiseerleichterung hatte keinen Massenexodus zur Folge. Die allermeisten KubanerInnen blieben auf ihrer Insel.

Der Mythos Fidel

Jetzt müssen sie – zum ersten Mal seit 1976 – ohne einen Castro an der Spitze des Staates zurechtkommen. Tatsächlich: Erst 1976 wurde Fidel Castro Präsident von Kuba, siebzehn Jahre nach seinem Triumph über das diktatorische Regime des Fulgencio Batista. Die Politik Kubas freilich hat er schon vor dem Sieg der Revolution bestimmt wie kein anderer. Spätestens seit seinem militärisch noch ziemlich dilettantisch vorgetragenen Angriff auf die Moncada-Kaserne am 26. Juli 1953 in Santiago de Cuba, mit dem der Sturz Batistas eingeleitet werden sollte, war er ein innenpolitischer Faktor. Auch wenn er in Haft kam und viele seiner MitstreiterInnen getötet wurden – Fidel, der gelernte Rechtsanwalt, verstand es, die Niederlage vor Gericht in einen propagandistischen Sieg zu verwandeln: «Die Geschichte wird mich freisprechen!»

Endgültig zum lebenden Mythos wurde er in der Sierra Maestra. Man muss sich das vorstellen: 82 Männer drängten sich auf die nicht eben hochseetaugliche, altersschwache Jacht Granma und setzten von Mexiko nach Kuba über, um das Land von einer von den USA hochgerüsteten Diktatur zu befreien. Sie gerieten in einen Sturm, mussten die gesamte Ladung ausser Waffen und Munition über Bord werfen und liefen schliesslich am 2. Dezember 1956 in einem Mangrovensumpf auf Grund. Natürlich waren sie längst entdeckt worden. Der grösste Teil der Truppe wurde bei der chaotischen Landung aufgerieben. Aber diejenigen, die sich retten konnten, zogen zwei Jahre später siegreich in Havanna ein. Sie krempelten ein Land, das zum Vergnügungspark und zur Zuckerrohrplantage der USA geworden war, sozialistisch um und machten sogar Weltpolitik. Wenn das nicht Stoff für einen Mythos ist!

Jeder Politiker, der etwas auf sich hält und etwas werden will, wäre am 1. Januar 1959, dem Tag nach der Flucht des Diktators Batista, in der Hauptstadt Havanna gewesen, um mit anderen über nun zu besetzende Posten zu schachern. Fidel Castro aber war weit weg, fast am anderen Ende der Insel, und er liess sich viel Zeit. Eine ganze Woche lang zog er von Ost nach West übers Land, machte in jeder Stadt und in jedem Städtchen halt und sprach mit dem Volk. Seine diesbezüglichen Fähigkeiten sind bekannt. Seine längsten Reden dauerten acht Stunden und länger. Aber es war nicht nur geschliffene Rhetorik. JedeR, die/der auch nur einmal den Redner Castro erlebt hat, weiss: Das Besondere, das Mitreissende, das Fesselnde war die Beziehung, die er zum Publikum herstellen konnte. Man fühlte, dass man gemeint war, dass man persönlich angesprochen wurde. Es waren, auch wenn nur einer sprach, so etwas wie dialogische Reden. Er bereitete sie lange vor, in unzähligen Gesprächen mit allen, die er auf seinem Weg traf. Er stellte seinen GesprächspartnerInnen immer wieder dieselben Fragen, drang in sie, rückte ihnen im Wortsinn auf den Leib. Er war penetrant. Was er erfuhr, wurde Bestandteil seiner Reden. Und wenn er dann vor Hunderten, Tausenden oder vor einer ganzen Million stand und mit weiten Gesten redete, dann fühlte jedeR: Der spricht nicht zu einer Masse, der spricht zu mir.

Der Mann und das Volk

Fidel Castro musste am 1. Januar 1959 nicht in Havanna sein und mit der politischen Elite um Posten schachern. Er brachte ein ganz neues Element in die kubanische Politik: seine enge Beziehung zum mobilisierten Volk. Das gab ihm Gewicht. Erster Präsident nach Batista wurde der untadelige Richter Manuel Urrutia, erster Ministerpräsident der liberale Rechtsanwalt Miró Cardona. Castro hatte nicht einmal einen Ministerposten, gehörte nicht zum Kabinett. Er kümmerte sich zunächst darum, dass seine Rebellenarmee das ganze Land unter Kontrolle bekam. Er hatte die Waffen, und er hatte das Volk, und deshalb hatte er die Macht.

Am 16. Februar 1959 übernahm Fidel Castro dann doch das Amt des Ministerpräsidenten – und machte sofort Politik für das Volk: Per Dekret wurden die Mieten für die ärmere Bevölkerung um bis zu fünfzig Prozent gekürzt, genauso die Gebühren für Strom und Telefon. Die Preise für Medikamente wurden drastisch gesenkt, die Löhne der Arbeiter auf den Zuckerrohrplantagen erhöht. Das Volk hatte alle seine unerfüllten Forderungen und Bedürfnisse auf ihn projiziert; er war in der Lage, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Mit Sozialismus hatte das alles noch wenig zu tun, eher mit Sozialpolitik. Die Agrarreform und die Enteignung von Hotels, Fabriken und Banken – die meisten im Besitz von US-AmerikanerInnen – kamen erst später.

Gefahr kommt von aussen

In Kuba musste sich Fidel Castro keine Sorgen um die Macht machen. In den ersten Jahren schon gar nicht und im Grunde nicht bis zu seinem Tod. Die Gefahr kam von aussen, der erste grosse Warnschuss am 4. März 1960. Am Nachmittag jenes Tags explodierte im Hafen von Havanna das französische Frachtschiff La Coubre. Es hatte 76 Tonnen Waffen, Munition und Sprengstoff geladen, die Castro in Belgien gekauft hatte. Die Zahl der Toten wurde damals in der internationalen Presse auf 75 bis 100 geschätzt. Tags darauf, bei der Trauerfeier (bei der Alberto Korda das berühmt gewordene Che-Guevara-Porträt schuf), beschuldigte Castro die USA der Sabotage.

Ob die Regierung in Washington und ihr Geheimdienst CIA tatsächlich hinter der Explosion der La Coubre steckten, ist bis heute nicht geklärt. Es erscheint zumindest plausibel. Schon damals war eine Abteilung der CIA mit dem Aufbau, der Ausbildung und Ausrüstung der Brigade 2506 beschäftigt. Die aus rund 1300 Exilkubanern zusammengestellte Truppe landete am 17. April 1961 mit militärischer Rückendeckung der US-Marine in der Schweinebucht im Süden Kubas. Sie sollte sich in den dortigen Sümpfen und im nahen Escambray-Gebirge festsetzen, eine Gegenregierung ausrufen, sich schnell von den USA anerkennen lassen und diese dann um militärische Unterstützung bitten.

Gegen den Rat seiner engsten Vertrauten eilte Fidel Castro damals an die vorderste Front. Nach zwei Tagen war die Invasion zurückgeschlagen, die meisten Exilkubaner in Gefangenschaft. Sie wurden später gegen die Lieferung von Medikamenten und Lebensmitteln ausgetauscht. Castro war nun endgültig der neue David, der dem keine hundert Seemeilen entfernten waffenstarrenden Reich des Goliath die Stirn bot. Er hat sich aber auch – in dieser geografisch extrem gefährlichen Lage kein Wunder – der Unterstützung durch die Sowjetunion versichert.

Nicht mehr der Nabel der Welt

Doch Castro hat sich zeit seines politischen Lebens immer viel mehr auf den kubanischen Freiheitshelden José Martí bezogen als auf Karl Marx und andere sozialistische und kommunistische Theoretiker. Martí, der Ende des 19. Jahrhunderts gegen die spanischen Kolonialherren kämpfte und fiel, war sich der damaligen geostrategischen Bedeutung Kubas bewusst: eine Insel, die ein zentraler Knotenpunkt war, das Tor von Europa zur Neuen Welt. Deshalb kämpfte Spanien so verbissen um seine letzte Kolonie. Und eben deshalb raubten die USA, deren Aufstieg zur Weltmacht damals erst begann, den kubanischen FreiheitskämpferInnen mit ihrer Intervention von 1898 in letzter Minute den Sieg. Castro hat die geostrategische Sicht von Kuba als Nabel der Welt von Martí übernommen.

Ein Irrtum. Die Welt hatte sich nach einer Revolution und zwei Weltkriegen verändert. Das alte Europa war nicht mehr das Zentrum der Macht. Es gab nun zwei Gravitationspunkte: die USA direkt vor der Haustür und die Sowjetunion weit im Osten. Kuba wurde in dieser Konstellation der Vorposten Moskaus, so wie die Türkei ein Vorposten Washingtons war. Beide Weltmächte bestückten ihre Ausleger mit atomaren Mittelstreckenraketen. Heute erinnert man sich fast nur noch an die Waffen in Kuba, denn die lösten die sogenannte Kubakrise vom Oktober und November 1962 aus. Die Welt stand damals am Rand eines Atomkriegs.

Fidel Castro, der Draufgänger, hätte ihn riskiert. Verhindert hat ihn der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow. «Sie haben uns vorgeschlagen, als Erste einen nuklearen Schlag gegen das Territorium des Feindes auszuführen», schrieb dieser am 30. Oktober 1962 nach Havanna. «Das wäre nicht nur ein einfacher Schlag, sondern der Beginn eines thermonuklearen Kriegs. Lieber Genosse Fidel Castro, ich halte Ihren Vorschlag für nicht korrekt.» Chruschtschow und US-Präsident John F. Kennedy lösten die Krise hinter dem Rücken Castros – und der war sauer. Er musste erkennen: Er war nur eine Figur im Machtspiel der beiden Supermächte. Kuba war für die Sowjetunion eine Schaltstelle für heisse regionale Stellvertreterkriege in der Epoche des Kalten Kriegs. In Angola und Äthiopien engagierte sich die karibische Insel mit eigenen Truppen auf der Seite linker Regierungen. In Nicaragua und El Salvador unterstützte sie die linken Guerillas mit Waffen und Ausbildung und wurde zum Lazarett für schwer verwundete KämpferInnen.

Zuckerrohr und Orangen

Immerhin: Castro machte in diesen Jahrzehnten Weltpolitik, wenn auch nur als Stellvertreter. Fatal aber war die Einordnung Kubas in den von Moskau geführten Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Einerseits brauchte Castro diesen Handel jenseits des kapitalistischen Weltmarkts und von dessen privater Profitmaximierung. Ohne ihn hätte er weder das Bildungs- noch das Gesundheitssystem aufbauen können – beide trotz aller Probleme bis heute Vorbild für Lateinamerika und darüber hinaus. Kuba hätte ohne dieses Wirtschaftssystem nicht ein Vierteljahrhundert relativen Wohlstands erlebt. Innerhalb dieses Verbunds war die tropische Insel – kurz gesagt – zuständig für die Lieferung von Zucker und Südfrüchten. Darauf wurde die Wirtschaft ausgerichtet.

Das rächte sich beim Zusammenbruch des Ostblocks. In den Jahren 1989 und 1990 brachen 75 Prozent des kubanischen Aussenhandels weg, das Bruttoinlandsprodukt sank um rund 30 Prozent. Viele Fabriken standen still, weil kein Erdöl mehr aus der Sowjetunion kam. Zuvor waren es dreizehn Millionen Tonnen im Jahr gewesen. Auf dem Weltmarkt aber, wo in harten US-Dollars bezahlt werden musste, konnte sich Kuba gerade noch drei Millionen Tonnen leisten. Fidel Castro rief den «período especial en tiempos de paz» aus, die «Sonderperiode in Friedenszeiten», und das bedeutete: Kriegswirtschaft.

Kuba geht nicht unter

Kein anderes Land hätte einen derartigen Einbruch ohne politische Verwerfungen oder zumindest Hungeraufstände überstanden. In den USA und auch in Europa wartete man damals darauf, dass nach dem Sowjetreich auch das sozialistische Kuba untergehen würde. Aber wieder einmal zeigte Castro – wie so oft in scheinbar auswegloser Lage – seine ganze Stärke. Er war schon immer viel mehr ein Nationalist in der Nachfolge von José Martí als der orthodoxe Kommunist, als den ihn westliche Propaganda gerne sehen wollte. Er reagierte flexibel und pragmatisch. Er erlaubte freie Bauernmärkte, liess den US-Dollar als zweite Währung zu, öffnete das vorher für UrlauberInnen sehr mühsame Land für den Massentourismus. Castro ging es in erster Linie darum, die Unabhängigkeit Kubas zu wahren. Das Land sollte nie wieder zur Quasikolonie der USA werden.

Das erforderte einerseits ideologische und wirtschaftspolitische Flexibilität, andererseits setzte Castro auch auf Repression. Das von Castro geschaffene System des an Räterepubliken orientierten demokratischen Zentralismus eignete sich problemlos dafür. Es führte faktisch zu einer Einparteienherrschaft, die die Macht ganz beim alles dominierenden Staats- und Parteichef konzentrierte. In Kombination mit den angesichts zunehmender US-gesteuerter Terroranschläge schon 1960 flächendeckend installierten Komitees zur Verteidigung der Revolution nahm diese Einparteienherrschaft zeitweise Züge eines Überwachungsstaats an.

Der prominenteste und gleichzeitig undurchschaubarste Fall politischer Justiz spielte sich gleich 1989 ab: das als Schauprozess aufgeführte Verfahren gegen General Arnaldo Ochoa, den ranghöchsten Militär nach den Gebrüdern Castro. Er und drei seiner engsten Mitarbeiter wurden wegen Hochverrat, Korruption und Drogenhandel erschossen. Sie waren zuständig für die in der aufziehenden Krise überlebensnotwendige Devisenbeschaffung. Man weiss, dass viele ihrer über Panama abgewickelten Geschäfte nicht eben sauber waren. Aber man weiss nicht, wie viel davon zumindest zunächst mit der Billigung Fidel Castros geschah. Oft wird behauptet, Castro habe sich mit der Füsilierung Ochoas eines möglichen Konkurrenten entledigt.

Die zum Teil horrenden Freiheitsstrafen gegen DissidentInnen begründete das Regime letztlich mit der Erhaltung der Unabhängigkeit Kubas: DissidentInnen wurden amtlicherseits als AgentInnen der USA denunziert, und einige von ihnen sind das sicher auch. Mindestens genauso viele aber dürften vom kubanischen Geheimdienst in die kleinen Zirkel der politischen AbweichlerInnen eingeschleust worden sein.

Für die breite Bevölkerung öffnete Castro immer wieder ein Ventil. Als 1980 Ausreisewillige die peruanische Botschaft in Havanna besetzten und in der Folge ein Aufruhr drohte, liess Castro über den Jachthafen Mariel 125 000 unzufriedene Landsleute ausreisen – und entledigte sich dabei nebenbei auch vieler Krimineller aus den Gefängnissen des Landes. 1994, nach vier Jahren der wirtschaftlichen Not, hob er den Grenzschutz auf, und Tausende stürzten sich auf selbstgebastelten Flossen ins Meer. 33 000 erreichten die Küste von Florida. Wie viele ertrunken sind, weiss man nicht.

Alles unter Kontrolle

Spätestens zur Jahrtausendwende war die Krise überwunden, nicht zuletzt dank grosszügiger Erdöllieferungen aus Venezuela. In Hugo Chávez hatte Fidel Castro wieder einen Partner gefunden, mit dem Handelsbeziehungen jenseits kapitalistischer Gewinnlogik möglich waren. Es wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, sich in wirtschaftlich und politisch ruhigen Zeiten aufs Altenteil zurückzuziehen. Aber Castro schaffte den Absprung nicht. Er war schon immer davon überzeugt, dass nur er die Geschicke Kubas richten könne, dass er unersetzlich sei. Er wollte alles wissen, alles selbst entscheiden und mischte sich bis in Details in alle Ministerien ein. Bis ihn sein Körper zum Rückzug zwang.

Am 31. Juli 2006 wurde er wegen akuter Darmblutungen operiert. Aus dem Umfeld seiner Ärzte konnte man erfahren, dass er die Operation ohne Vollnarkose wünschte, um im Notfall immer Entscheidungen treffen zu können. Es heisst, das habe mit zu den folgenden lebensbedrohlichen Komplikationen beigetragen. Ob dies der Wahrheit entspricht oder Teil des Castro-Mythos ist, sei dahingestellt. Jedenfalls erholte er sich nie mehr richtig und verabschiedete sich 2008 aus der offiziellen Politik. Der Trainingsanzug des ewig Rekonvaleszenten wurde sein neues Markenzeichen. Eine Zeit lang schrieb er Kolumnen in der Parteizeitung «Granma», empfing gelegentlich linke PolitikerInnen. Dass er bisweilen die Öffnungspolitik seines Bruders gegenüber den USA skeptisch begleitete, führte immer wieder zu Spekulationen über einen Dissens zwischen den beiden Brüdern. Wahrscheinlicher ist, dass sich die beiden über alle wesentlichen politischen Entscheidungen absprachen und nur verschiedene Rollen spielten: Raúl mimte den Reformer, Fidel war als Bremser im Hintergrund die Entschuldigung dafür, dass doch nicht alles so schnell gehen konnte, wie es sich etliche wünschten.

Tod ohne Trauma

Als Fidel Castro am 25. November 2016 starb, hatte Raúl so viel eigenes Profil und Charisma gewonnen, dass der Abschied vom Alten nicht zum nationalen Trauma wurde. Er wollte eigentlich nur ein Mann des Übergangs sein, hatte von Anfang an gesagt, einen zweiten Fidel werde es nicht geben. Der Übervater Kubas werde durch die Partei ersetzt. Die Beschränkung aller AmtsträgerInnen auf zwei Perioden à fünf Jahre sollte das sicherstellen.

Die zwei Amtsperioden Raúl Castros im höchsten Staatsamt sind nun abgelaufen. Der Zeitpunkt könnte kaum ungünstiger sein. Venezuela taumelt der wirtschaftlichen Implosion entgegen, der Ölzufluss von dort wurde mehr als nur dünn. Seit US-Präsident Donald Trump die vorsichtige Öffnung seines Amtsvorgängers gegenüber Kuba wieder rückgängig macht, vor Kubareisen warnt und Reiseerleichterungen für US-BürgerInnen wieder gestrichen hat, stagniert die überlebenswichtige Tourismusbranche. Man kann darüber streiten, ob Kuba schon in einer Rezession steckt oder erst kurz davor. Entsprechende Zahlen gibt es für beide Varianten. Ob Miguel Díaz-Canel, der designierte Nachfolger von Raúl Castro, genügend Persönlichkeit hat, um das Land ohne Verwerfungen durch eine Krise zu führen, ist noch nicht ersichtlich. Besonderes Charisma hat er bislang nicht gezeigt.

Immerhin wird Raúl Castro ihn noch eine Weile begleiten. Den Posten des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Kubas hat er erst 2011 von Fidel übernommen. Wenn seine Gesundheit es erlaubt – und die scheint solide zu sein –, wird er den Posten bis zum achten Parteikongress im April 2021 behalten. Dann wird er fast so alt sein wie Fidel, als dieser starb.

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