Fidel Castro (1926–2016) : Das war Fidel. Er war Kuba.

Nr. 48 -

Viele hielten ihn für einen orthodoxen Kommunisten. Tatsächlich aber war Fidel Castro ein undogmatischer Pragmatiker. Privat war der vielleicht letzte grosse Freiheitskämpfer Lateinamerikas ein schüchterner und tief verunsicherter Romantiker.

Es ist eine fast kitschige Anekdote, die sich nicht mehr überprüfen lässt. Fidel Castro hat sich nie dazu geäussert. Erzählt hat sie Marita Lorenz in ihrem autobiografischen Buch «Lieber Fidel». Die Geschichte soll sich am 27. Februar 1959 zugetragen haben. Maritas Vater, ein deutscher Kapitän, ankerte mit dem Kreuzfahrtschiff Berlin vor Havanna, das wenige Wochen zuvor von Castros Truppen im Triumphzug eingenommen worden war. Fidel höchstpersönlich sei im Schlauchboot zu dem schwimmenden Hotel gefahren, um eine Sicherheitsinspektion vorzunehmen. Er sei an Bord geklettert, die Treppe hinaufgestiegen, kurz vor der Kommandobrücke auf die blonde, damals neunzehnjährige Marita Lorenz gestossen und erstarrt. Dann habe er mit den wenigen englischen Sprachbrocken, derer er mächtig war, gestammelt: «My name is Dr. Castro, Fidel … please … I am Cuba.» Und genau so habe sie ihn kurz darauf ihrem Vater vorgestellt: «Das ist Fidel. Er ist Kuba.» In diesen sechs Worten liegt eine tiefere Wahrheit.

Ein Dickkopf

Fidel Castro hat es seinen BiografInnen nicht einfach gemacht. Er liess sich nie festlegen; zu viele Widersprüche und Kehrtwendungen gab es in seinem Leben. Er sagte lange über sich – auch nach dem Sieg seiner Revolution –, er sei ganz bestimmt kein Kommunist, und wurde dann doch der hartnäckigste von allen. Er suchte immer wieder die Nähe zu den USA, reiste viel früher nach Washington als nach Moskau, adoptierte sogar eine Zeit lang den US-Dollar als Währung, und gleichzeitig focht er mit der Weltmacht eine der letzten Schlachten des Kalten Kriegs aus. Er hatte Anfang 1962 seine revolutionäre Regierung gerade einigermassen stabilisiert, da war er schon wieder bereit, alles Erreichte in einem atomaren Inferno zu verbrennen. Er war sogar richtig sauer, als John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow hinter seinem Rücken die sogenannte Raketenkrise bereinigt hatten, zu der es nach der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba gekommen war. Weicheier! Fidel Castro hätte es darauf ankommen lassen.

Die Aufhebung all dieser Widersprüche, die Erklärung aller Kehrtwendungen liegt in diesen sechs Wörtern: Er war Fidel. Er war Kuba. Viel mehr als Sozialist oder Kommunist war Fidel Castro ein Dickkopf und ein Kubaner. Genauer: ein kubanischer Nationalist. Einer der letzten Befreiungskämpfer Lateinamerikas. Wer seine vielen und langen Reden studiert, wird nach Marx-Zitaten suchen wie nach der Nadel im Heuhaufen. José Martí aber führte er stets auf den Lippen. Der Freiheitskämpfer gegen die spanische Kolonialmacht und erste Warner vor einer US-Invasion in Kuba war seine Inspiration und sein Vorbild. Castro sah seine Lebensaufgabe darin, das Werk Martís zu vollenden: ein Kuba, das wirklich frei ist und souverän und kein Anhängsel von niemandem. Nicht von Spanien wie zur Kolonialzeit, nicht von den USA wie danach bis zur Revolution und auch nicht von der Sowjetunion. Castros Beziehung zu Moskau war nie spannungsfrei. Streitpunkt war oft das Verhältnis zu anderen lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen. Castro unterstützte die linken GuerillakämpferInnen, sie waren seine Brüder und Schwestern im Geiste. Die Sowjetunion dagegen lehnte lange den bewaffneten Kampf ab und setzte auf zivile moskautreue kommunistische Parteien.

Alles oder gar nichts

Fidel Castro wollte immer alles für Kuba – oder gar nichts. «Patria o muerte», das Vaterland oder den Tod. Sein apokalyptischer Manichäismus hatte schon fast etwas Katholisches. Heiss oder kalt und nie und nimmer lau. Schon ganz am Anfang seiner revolutionären Geschichte, 1953 beim militärisch aussichtslosen Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago, setzte er alles auf eine Karte. Da verlor er noch. Sein Unternehmen dreieinhalb Jahre später war fast noch verrückter. Auf den Tag genau sechzig Jahre vor seinem Tod stach er zusammen mit 81 weiteren Männern in Mexiko in See und strandete mit der bei der Überfahrt seeuntüchtig gewordenen Jacht Granma am 2. Dezember an der Südküste Kubas, um das Land von der Batista-Diktatur zu befreien. Nur zwölf überlebten die Landung, alle anderen wurden vom Militär aufgerieben. Drei Jahre später aber gewann Castro.

Ganz vorne an der Front

Er hat stets mit vollem Risiko gelebt. Als 1961 die USA versuchten, ihn mit einer Söldnerarmee aus Exilkubanern zu stürzen, eilte er selbst in die Schweinebucht, um das Kommando seiner Truppen zu übernehmen und die Eindringlinge in drei Tagen niederzukämpfen. Es gibt Fotos von ihm, mit wildem, schwarzem Haar und dicker Hornbrille, auf dem ersten Panzer ganz vorn an der Front. Seine engsten MitarbeiterInnen hatten versucht, ihn in Havanna zurückzuhalten. Er sei für die Zukunft der Revolution viel zu wichtig, er könne sich nicht in Gefahr begeben. Für Castro aber zählte nur ein freies Kuba – dafür nahm er auch den eigenen Tod in Kauf.

Er stand immer ganz vorne, nicht nur am Rednerpult, wenn Hunderttausende über Stunden seine Ausführungen beklatschten. Er stellte sich auch den Unzufriedenen. Als es im Sommer 1994 in Havanna wegen der miesen Versorgungslage nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs zu Unruhen kam, ging er selbst hinunter zum Hafen und beruhigte dort die Lage allein durch seine Anwesenheit. Danach liess er alle, die gehen wollten, auch gehen. Zehntausende stürzten sich auf Flössen Richtung Florida ins Meer, viele ertranken.

Damals wurde Castro von der westlichen Presse als politische Leiche behandelt. Man gab ihm noch ein paar Monate, höchstens ein paar wenige Jahre. Mit der Sowjetunion waren 85 Prozent der kubanischen Auslandsmärkte verschwunden, das Bruttoinlandsprodukt war innerhalb von zwei Jahren um 35 Prozent eingebrochen. Selbst das Bildungs- und Gesundheitswesen, der Stolz von Castros Revolution, funktionierten nicht mehr richtig. In den Staatsläden gab es immer weniger Grundnahrungsmittel zu kaufen. Welche andere Regierung hätte so eine Krise überlebt? Ein Volksaufstand wäre das Mindeste, was zu erwarten wäre. In Kuba fand keiner statt.

Der Antidogmatiker

Castro reagierte äusserst flexibel auf die Krise. Er genehmigte freie Bauernmärkte, liess Arbeit auf eigene Rechnung zu, ordnete den Bau von massenhaft Hotels für TouristInnen an, sogar mit der Beteiligung ausländischer Konzerne. Er war nie ein Dogmatiker. Viel lieber als marxistische Klassiker las er Bücher über Ackerbau und Viehzucht, denn damit konnte man reale Probleme lösen. Der mit ihm befreundete kolumbianische Literat Gabriel García Márquez nannte ihn einen «Antidogmatiker par excellence». Seine Biografin Claudia Furiati schrieb: «Er ist ein Pragmatiker. Das Nachdenken hat er Che Guevara überlassen.»

Anders als Guevara wollte Castro nie eine Weltrevolution entfachen. Die Abenteuer des argentinischen Guerilleros im Kongo und dann in Bolivien waren ihm suspekt. Er glaubte nicht an die Fokustheorie des Che, nach der ein kleiner aufrechter Haufen genüge, um einen Flächenbrand zu entfachen. Wenn schon, dann stürzte er sich richtig in den Krieg, mit Flugzeugen, Panzern und Bodentruppen wie in den siebziger und achtziger Jahren zur Unterstützung linker Regierungen in Angola und Äthiopien. Viel lieber aber machte er Weltpolitik zu Hause. Das von ihm errichtete kostenlose Bildungs- und Gesundheitswesen ist – trotz aller Mängel – bis heute Vorbild nicht nur für ganz Lateinamerika. Und er hat bewiesen, dass man als kleiner sozialistischer David gut hundert Kilometer vor der Küste der USA dem kapitalistischen Goliath trotzen kann, auch wenn man dafür mit einem Wirtschaftsembargo nahezu erwürgt wird. Dafür wird Castro noch immer bewundert. Ohne ihn würde es das heutige lateinamerikanische Selbstbewusstsein gegenüber der Macht im Norden nicht geben.

Man braucht wohl ein überdimensioniertes Ego, um das alles zustande zu bringen. Fidel Castro glaubte lange, dass es ohne ihn nicht gehe, dass er alles bis ins Detail entscheiden müsse. Dass er eben Kuba sei. Erst nach einer schweren Darmkrankheit 2006 sah er ein, dass es Zeit war für einen Rückzug. Zwei Jahre später gab er die Macht endgültig an seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Raúl ab und mischte sich – zumindest öffentlich – nicht mehr in die kubanische Politik ein. Die Kolumnen, die er als Rentner schrieb, handelten von der Weltpolitik. Einmal nur äusserte er sich vage zur Annäherung zwischen Kuba und den USA. Er meinte, das sei schon alles in Ordnung, was Raúl da mache; er selbst aber traue den Gringos nicht über den Weg. Man versuchte, daraus einen Zwist zwischen den Brüdern zu konstruieren. Viel wahrscheinlicher ist eine Arbeitsteilung: Raúl war nun der regierende Pragmatiker, Fidel dafür zuständig, dass bei allen Reformen der Sozialismus nicht verloren ging und die Staatspartei geeint blieb.

Ein stammelnder Trottel

Seine letzten Jahre verbrachte er in einem Haus am Strand ausserhalb von Havanna. Gelegentlich tauchte er unvermittelt in einer Schule auf, hin und wieder empfing er linke PolitikerInnen aus Lateinamerika oder den Papst. Seine Abschiedsrede vor der Partei hielt er bei deren siebtem Kongress im vergangenen April. Bei seinen Auftritten trug er die immer selbe Trainingsjacke und wirkte freundlich, aufmerksam und zerbrechlich. Fotos davon zeigten einen anderen, einen privaten Castro. Er war nicht mehr der vor Kraft strotzende und von sich selbst überzeugte Machtmensch, der über 600 Attentatsversuche überlebt hatte. Nicht mehr der kaltblütige Rächer, der nach seinem Sieg mehrere Hundert Konterrevolutionäre und später mögliche Kontrahenten füsilieren lassen hatte (vgl. «Er wollte das ganze Leben kontrollieren» im Anschluss an diesen Text). Er war nicht mehr der Mann, der keine Widerrede duldete, der Dissidenten willkürlich einsperrte und die Medien gleichschaltete. Er war plötzlich ein unsicherer, verletzlicher Mann.

Fidel Castro hatte immer auch diese andere Seite, nur hatte sie vorher kaum jemand gesehen. García Márquez sagte einmal über ihn, er schütze «seine Intimität mit so grosser Schamhaftigkeit, dass sein Privatleben zum hermetischsten Rätsel seiner Legende geworden ist». Der Mensch Fidel Castro werde «vom Glanz seines eigenen Bildes verdeckt». Für kubanische Feste war er eine Katastrophe. Wenn er auftauchte, tanzte er nie, sondern verwickelte die Anwesenden in politische Diskussionen. Er war der einsame Alleinunterhalter, und er hatte unter dieser Einsamkeit gelitten.

Frauen, mit denen er zusammen war, schilderten ihn als schüchternen, bisweilen tief verunsicherten Romantiker. Er hat sich oft auf den ersten Blick unsterblich verliebt und stand dann als stammelnder Trottel vor der Angebeteten. Wie bei Marita Lorenz, mit der er zwei kurze und heftige Affären hatte. Teresa Casuso, eine seiner Geliebten im mexikanischen Exil, fand in ihm etwas Trauriges und Anhängliches. Manchmal sei Castro ihr vorgekommen «wie ein grosser Neufundländerhund».

Er suchte bei Frauen Nähe, Geborgenheit und vielleicht auch die Sicherheit einer konventionellen Familie. Kinder gehörten immer dazu. Neun Söhne und Töchter von vier verschiedenen Müttern sind verbürgt. Er fand nie die Zeit, sich wirklich um sie zu kümmern. Nach zwei oder drei Stunden Geborgenheit bei einer geliebten Frau brach er wieder auf zu neuen Kämpfen. Nur seine letzten Jahre verbrachte er an der Seite seiner zweiten Ehefrau Dalia Soto. Er widmete sich der Lektüre, sie sich der Rosenzucht im Garten. Am späten Abend des vergangenen Freitags ist er neunzigjährig gestorben.