Nr. 30/2008 vom 24.07.2008

«Ganoven schätzen mich»

Der Wiener Soziologe Roland Girtler über konfiszierte Gewehre, Rebellen und die Gemeinsamkeiten von Zuhältern, Wilderern und AristokratInnen.

Von Rachel Vogt, Wien

Roland Girtler studierte Jura, als er mit seinem Motorrad gegen einen Mercedes prallte und dabei sein Bein zertrümmerte. Er lag monatelang im Spital. Dann, eines Tages, bekam er einen Zimmernachbarn, «ein Herr mit einem Herzstich», und dieser Herr entfachte in ihm eine Neugierde, die ihn in die untersten und die obersten Schichten der österreichischen Gesellschaft führen und ihn zu einem äusserst eigenwilligen Professor der Soziologie machen sollte.

Der Herr war ein «Strizzi», ein Zuhälter, der am Anfang einer grossen Karriere stand, die darin gipfelte, dass er der König der Wiener Unterwelt wurde. Der Zuhälter und der Student wurden Freunde. Als Hermine, die Krankenschwester, nicht aufhörte, Girtler zu drangsalieren («Ich war ja nichts, nur ein verbummelter Student!»), trat der Zuhälter zu ihr und sagte: «Wenn Sie weiterhin bös sind zu ihm, dann nehme ich einen Fünfzehner in Kauf, denn dann haue ich Ihnen die Urinflasche auf den Kopf.» Girtler fragte, was denn das bedeute, ein Fünfzehner, und der aufstrebende Strizzi sagte, fünfzehn Jahre Häfen - fünfzehn Jahre Gefängnis.

Girtler war beeindruckt, und er fällte eine Entscheidung. Schluss mit der Jurisprudenz, mit der er sich jahrelang gequält hatte. Er wollte Menschen studieren. Also schrieb er sich ein für Ethnologie, Urgeschichte, Philosophie, inzwischen war er verheiratet und hatte den ersten Sohn «im Stil alter Wildschützen in einer Skihütte gezeugt». Dann wechselte er zur Soziologie, und die Soziologie, die damals noch ein junges universitäres Fach war, sollte seine Welt werden. Eine Welt, die bevölkert war von GanovInnen, Prostituierten, Wilderern, SchmugglerInnen, PolizistInnen, Bauern und Bäuerinnen, VagantInnen, Pfarrersköchinnen, LandärztInnen, AristokratInnen, StadtstreicherInnen und den «wilden Stämmen der Fussballfans».

WOZ: Herr Girtler, Sie haben meist über Aussenseiter geforscht. Was fasziniert Sie daran?

Roland Girtler: Wie die Leute sich durchsetzen, wie zum Beispiel ein Sandler, also ein Pennbruder, sich gegen Erniedrigungen wehrt und sich seine Würde bewahrt: Dem Prinzip Arbeit kann er nicht entsprechen, denn wenn er überhaupt Arbeit bekommt, dann eine ganz schlechte, also erhebt er sich darüber. Ich hab mal einen gefragt, wo arbeitest du, da sagt er, er arbeite in der Firma Lahntaner - hier lahnt aner und dort lahnt aner. Der noble Mensch stellt sich über die körperliche Arbeit; wenn er sich körperlich betätigt, dann nicht für den Broterwerb, sondern bei der Jagd oder beim Tennis.

Die Arbeitslosen erlangen Würde, indem sie sich verhalten wie die Aristokraten?

Jajaja, oder indem sie sich auflehnen, wie die Wilderer. Das sind die Helden der kleinen Leute, weil sie sich auf ihr altes Recht zur Jagd berufen. Früher durften ja nur die Aristokraten jagen, erst 1848 wurde das geändert. Die Wildschützen, die aus einer armen Bauernkultur im Hochgebirge stammen, wurden also durch das Wildern aristokratisch, und sie waren gleichzeitig Rebellen. Sie hatten einen klaren Ehrenkodex: Wer einem Hirsch in die Augen sehen kann, darf ihn nicht mehr schiessen. Ich bin der Erste, der gezeigt hat, das sind keine Verbrecher.

Dann sind sich Aristokraten und Wilderer ziemlich ähnlich?

Ja, auch die Ganoven. Ich habe mal beschrieben, dass Sandler, Zuhälter und Aristokraten ihre Kleidung als Symbol des demonstrativen Müssiggangs einsetzen. Nicht zufällig schmückt sich doch der Zuhälter mit Schmuck und feinen Kleidern und führt sich auf wie ein arabischer Fürst! Dementsprechend wird er ja auch König der Unterwelt genannt oder Drogenbaron. Doch nicht nur die Ganoven gleichen sich den Aristokraten an, es passiert auch umgekehrt: Zum Entsetzen ihres Gatten liess sich Sissi, die Kaiserin von Österreich, einen Anker auf die Schulter tätowieren, das ist doch interessant!

Aber wie grenzen sich die Aristokraten ab?

Sagt ein Aristokrat zu einem neulich Geadelten: Als deine Familie geadelt wurde, war meine schon längst degeneriert! Der Mensch will immer eine Grenze zu weniger würdigen Leuten ziehen, er strebt nach Beifall und Anerkennung, nach Vornehmheit. Darin sind sich alle Menschen gleich.

Professor Girtler leitet das einzige Wilderermuseum Europas im oberösterreichischen St. Pankraz. Er suchte dafür alte Gewehre zusammen und stellte sie aus, worauf die «Gendarmerie» sie konfiszierte. Dem Professor wurde unerlaubter Waffenbesitz vorgeworfen. Sein Anwalt verzichtete auf ein Honorar unter einer Bedingung: dass sein Bild im Wilderermuseum aufgehängt wird. «Da hängt sein Bild jetzt. Und sehen Sie», sagt der Professor und kramt aus seinem dicken Portemonnaie Ausweispapiere hervor, «heute muss ich einen Waffenschein tragen und regelmässig Schiessübungen machen, obwohl ich gar nicht schiessen mag. Man muss sich das einmal vergönnen: Ich musste für die Wissenschaft einen Waffenschein machen! Ich meine, welcher Kollege hat so was?»

Sie gehen für Ihre Untersuchungen direkt zu den Leuten ...

Ganz wichtig ist das, ganz wichtig! Man soll mit den Leuten reden, und man soll auch etwas von sich selber einbringen. Das heisst ero-episches Gespräch, diesen Begriff habe ich erfunden. Die Leute erzählen Ihnen dann ihre Geschichten, und damit werden Sie weltberühmt. Warten Sie, wo hab ich das hingesteckt, ich hab Ihnen das eh mitgebracht - hier ist es: Die zehn Gebote der Feldforschung, darf ich Ihnen das geben? Das ist meine Methode.

Gerne. Warum bezeichnen Sie Ihre Grundsätze als «zehn Gebote»?

Ich weiss nicht ... Moses Girtler? Nah ... Manche Kollegen ärgern sich darüber. Sie ärgern sich. Weil ich zu einfach schreibe. Da steht beispielsweise beim dritten Gebot «Du sollst niemals abfällig über deine Gastgeber und jene Leute reden und berichten, mit denen du Bier, Wein, Tee oder sonst etwas getrunken hast». Und beim neunten Gebot heisst es: «Du sollst dich nicht als Missionar oder Sozialarbeiter aufspielen. Es steht dir nicht zu, erzieherisch auf die vermeintlichen Wilden einzuwirken. Du bist kein Richter, sondern lediglich Zeuge!»

Und was halten Ihre Kolleginnen und Kollegen davon?

Das sind lauter Langweiler, diese Soziologen, ich wundere mich, dass die kein schlechtes Gewissen haben, die schreiben irgendetwas zusammen in einer komplizierten, geheimbündlerischen Sprache und werden bezahlt dafür, die arbeiten gar nicht richtig, diese Verandasoziologen. Ich mag die Wissenschaft, wenn sie einfach und klar ist, nicht, wenn sie alles zerlegt. Wissens, ich war ja nie ordentlicher Professor, war nie Chef, ich war immer ein kleiner Typ, das war das Schönste, ich hatte viel mehr Freiheit. Aber es ist schon so: Dass ich Professor geworden bin, das ist mir bis heute ein Rätsel. Mir hat ein alter Wiener Jude einmal gesagt: Um was zu werden, braucht man drei Sachen: Sein, Schein und eine Menge Schwein: Man muss etwas können, aber man braucht auch Schmäh und Tricks, man muss ja nicht immer die volle Wahrheit sagen.

Dann sind Sie wohl nicht so beliebt an der Universität?

Meine Kollegen lassen mich in Ruh. Aber es gibt auch ganz blöde Kerle. Einmal hätte ich einem Kollegen, ein hinterlistiger Mensch ist das, fast eine Watschn gegeben. Mir ist die Zustimmung der Leute wichtig, über die ich forsche. Wenn mich ein Akademiker ablehnt, dann freut mich das. Denn Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen. Es gibt da diesen Witz: Zwei Professoren stehen vor der Universität, auf der eine schwarze Fahne weht. Fragt der eine, wer wird denn da gestorben sein? Sagt der andere, mir ist jeder recht. - Bitte entschuldigen Sie, ich müsste schnell meine Gemahlin anrufen. Sie sind mir nicht böse?

Wir sitzen im Plüsch des Wiener Cafés Landtmann. Der 67-jährige Roland Girtler - T-Shirt, ein etwas staubiger Kittel mit goldener Edelweissbrosche, weisses, zerwehtes Haar und etwas unrasiert - kramt in Papierstapeln und greift sich wieder sein soeben erschienenes Buch über Kellnerinnen und Kellner, «Herrschaften wünschen zahlen». Ein Kellner tritt an den Tisch und grüsst «den Herrn Professor». «Ja, ja», sagt Girtler begeistert, «kommens her, Sie habe ich auch zitiert in meinem Buch. Sehens?» (Auszug aus dem Buch: «Herr Michael, der Kellner vom Café Landtmann, ist höflich und hat einen guten Witz, er weiss in Würde seinen Smoking zu tragen». Auf die Frage Girtlers nach einer Typologie von Gästen antwortet Herr Michael: «Der eine Typ ist so wie Sie, mit dem redet man. Der andere will nicht angeredet werden, der will seine Ruhe. Das sind im Wesentlichen die zwei Typen.»)

Wie finden Sie Ihre Themen?

Zufällig. Kellner haben mich schon immer interessiert, ich war als Student auch mal Kellner, aber nur drei Tage, dann wurde ich rausgeworfen. (Liest aus seinem Buch vor:) Der Wirt war ein kleinlicher Herr, der, wenn er mit mir schimpfte, stets ein langes Messer schliff.

Sie sprechen in Ihren Büchern oft von edlen Ganoven ... die Ganoven mögen Sie bestimmt.

Ja, weil ich ihnen Respekt entgegenbringe. Sie schätzen mich als Ehrenmann, weil ich mich nie einlasse. Ich habe mich zum Beispiel nie mit einer Prostituierten eingelassen. Aber wenn ich Gewalt sehe, dann sag ich ehrlich, nah, das gefällt mir nicht. Eine gewisse Ethik muss schon sein.

Ist es nicht etwas romantisierend und nostalgisch, von edlen Ganoven zu reden?

Nah, ich weiss nicht ... Ich habe mal eine Biografie über einen Herrn namens Pepi Taschner verfasst, ein Ganove. Ein Richter hat mir später geschrieben: «Ich erinnere mich an den seligen Pepi Taschner, den ich zu einer Zeit, als Wiens Unterwelt noch etwas wert war und starke, bodenständige Persönlichkeiten aufwies, des Öfteren einzulochen das Vergnügen hatte.» Und diese Ganovenehre gibt es schon noch. Ich habe ein paarmal den heutigen König der Wiener Unterwelt in meine Vorlesungen eingeladen. Er fuhr im Ferrari vor und erzählte den Studenten von der Fremdenlegion und seiner Arbeit, er kontrolliert etwa fünfzig Bordelle. Der Mann schätzt mich sehr, es gefällt ihm, dass ich ihn hie und da positiv erwähnte. Einmal erzählte ich ihm vom Ärger mit einem Verwandten, da sagte er ganz ruhig: Soll ich mit ihm reden? Nein, habe ich geantwortet, bloss nicht! Aber ich finde es edel, dass er gefragt hat.

Das Handy klingelt. «Bitte, Girtler, Kaffeehaus, Sprechstunde ... jajaja, ich sitze hier gerade mit einer liebenswürdigen, feschen Schweizer Dame ... das ist ja unhöflich, dass ich jetzt lange spreche ... du hast meine Sympathie, das weisst eh. Fesch ist sie, jaja.»

Sind Sie ein politischer Mensch?

Ich weiss gar nicht, was das heisst. Ich bin gegen Ideologien, sie erniedrigen Menschen. Politisch bin ich insofern, dass ich versuche, grosszügig zu sein. Gefährlich sind die Kleinlichen, jaja. Respekt soll man haben, Grüssen ist wichtig. Ein Ganove hat mal zu mir gesagt, das Leben ist ganz einfach: du gut, ich gut, du Sau, ich Sau. Des find i a ned falsch. Eine Erniedrigung lass ich mir nicht gefallen. Verrat ist furchtbar. Bei den fränkischen Rittern waren Trunksucht und Ausschweifungen erlaubt, aber nicht Feigheit und Verrat.

Es ist Nacht geworden in Wien. Professor Roland Girtler bittet den schmalen Pianisten des Café Landtmann, zum Abschied etwas zu spielen. Und dann sagt er: «Wissens, jeder Komödiant ist im Grunde ein trauriger Mensch. Ich bin kein lustiger Mensch, eigentlich bin ich ein trauriger.» Und was ist Ihnen das Wichtigste im Leben, Professor Girtler? «Überleben.»

PS: Der einstige Rotlichtkönig, mit dem sich Girtler im Spital angefreundet hatte, hat inzwischen einen Biobauernhof mit Hochlandrindern gekauft, «zusammen mit einer alten Prostituierten. Die kann so gut Formulare ausfüllen, jetzt bekommen sie EU-Fördergelder.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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