Nr. 02/2019 vom 10.01.2019

Die Melancholie-Maschine

Im eisigen Wind durch Siebziger-Jahre-Endlosschleifen und Weltuntergangslaboratorien; vorbei an gewerbetreibender Ironie, verstaubten Utopien und Habsburger Getier – bis zu den Kathedralen der Gerechtigkeit: sozialtopografische Streifzüge durch die Hauptstadt Österreichs.

Von Christoph Höhtker (Text), Diandra Germann und Alina Günter (Fotos)

I. Der lange Weg zum Hansy

«Heute leider geschlossen.» Der Mann vom Bezirksmuseum hebt abwehrend die Hände, während hinter ihm zwei Pensionärinnen über den Gang schleichen. Er bemerkt meinen zweifelnden Blick und ergänzt: «Privatveranstaltung.»

Wir werfen einen Blick auf die Vitrine im Eingangsbereich: vergilbte Bildbände, Arbeitersportpokale, Vorvorkriegsaufnahmen von düsteren Strassenzügen. Appetithappen für das, was wir nicht sehen dürfen, denn an dem stattlichen älteren Herrn gibt es kein Vorbeikommen. Ich stelle mir vor, wie er als Dreijähriger zu den Waffen greifen musste. Wie er die rote Brigittenau verteidigt hat gegen austrofaschistische Dollfussknechte und Reaktion. Ich spüre etwas vom Wesen und Stolz der Sozialdemokratie. Also bedanken wir uns, treten hinaus auf die Dresdner Strasse, und der Himmel hat keine Farbe. Eisiger Wind fegt durch die abgenutzte Magistrale: Zinskasernen, die sich vor der Renovierung gedrückt haben, ungeschickte Neubauten, blinkende Kebabläden. Eine Strassenbahn ruckelt – wohin? Zu den Palästen der Ringstrasse? Die sind weiter weg als der Mond.

An einer Ecke lauert das Café Dresdner Hof: Nikotinfarbene Gardinen, erstarrtes Halbdunkel, eine hundertjährige Gewerkschaftssekretärin sitzt hinter der Scheibe, den grau gelockten Kopf über die Feindpropaganda («Kronen-Zeitung») gebeugt. Fasziniert treten wir nicht ein, wollen nicht stören, und die Dresdner heisst bald Nordbahnstrasse, die Brigittenau bald Leopoldstadt. Doch der Wind ist geblieben. Grausam weht er aus einem anderen Jahrhundert herüber. Früher, ja, da hatte er noch einen Job, damals hat er in den Vorstädten Schwindsuchtlungen vereist, die engen, nur mit Körperwärme beheizten Wohnungen klimatisiert. In diesen Gegenden. An den Rändern der Stadt.

Apropos menschliche Wärme, die Nordbahnstrasse ist noch besser als die Dresdner Strasse, die wiederum besser ist als alle Strassen ausserhalb Wiens zusammengerechnet. Auf der einen Seite zugiges Ödland, verlassene Gleisanlagen, fiebrige Investorenträume, auf der anderen jedoch schimmernde Inseln, schwüles Licht im Grau der Mietgefängnisse. Café Susi, Riesenrad Bar, Love Story Bar, staubige Champagnerflaschen in blickdichten Fenstern, sich wellende Aufnahmen leicht beschürzter Tänzerinnen. Das Wiener Rotlicht – wie der Rest der Stadt ein Vergangenheitsmoloch. Eine Siebziger-Jahre-Endlosschleife. Ein Sperrbezirksmuseum.

Wir treiben mitten durch eine gewerbetreibende Ironie, bleiben erst am Bahnhof Praterstern wieder stehen. Genauer gesagt vor dem Gasthaus Hansy. Hansy? Auch nicht schlecht. Ein Name ist immer auch Symbol, egal für was. Tür auf, drei schweigende Frührentner, ein uniformierter Kellner, es riecht nach irgendeinem verrückten Fleischgericht. Wir setzen uns, studieren die Karte.

«A Pastinakencremsuppn und a Griessnockerlnsuppn, wenns nicht anderweitig pressiert.»
«Sehr gerne, die Damen.»
«Ich bin, das wird man Ihnen in der Love Story Bar gerne attestieren, ein Mann.»
«Wollens auch zu trinken?»

Ich schaue aus dem Fenster. Das Riesenrad am Prater hat sich in Bewegung gesetzt. Es dreht sich unendlich langsam.

II. Einzelhandel und Weltuntergang

Vor dem glitzernden Café Central eine Schlange kälteresistenter fernöstlicher Mehlspeisentester. Wir entwickeln Mitleid, auch Bewunderung, spazieren Richtung Hofburg, zu den Lipizzanerstallungen, hinein in den k. u. k. Atomkern. Sekündlich erhöht sich der Tourismusmehrwert, mit jedem Meter steigt zudem die Wahrscheinlichkeit, dass der Wind meine Ohren abschraubt. Es ist albern, aber langsam brauche ich eine Mütze. Ich bin in der Hauptstadt des Todes, ich treibe durch das Zentrum jener Stadt, die den Tod überhaupt erfunden hat, dennoch lautet mein Ziel: überleben.

Hoffnungsvoll betreten wir ein Wiener Einzelhandelsgeschäft für Textilwaren:

«Eine Mütze und einen kleinen Braunen bitte.»
«Sehr gern.»
«Sehr gern, Herr Hofrat, wenn ich bitten darf.»
Der adrette junge Herr betrachtet mich nachdenklich.
«Wollens wieder anschreiben lassen, Frau Kammermusikdirektor?»

Unglaublich! Einmalig, diese Wiener Dienstleister! Zudem verkaufen sie schicke Kopfbedeckungen. Also weiter durch die Weltuntergangslaboratorien: Kärntner Strasse, Graben, Stephansdom, unter dessen morbid himmelwärts strebenden Bögen du mir diese Frage stellst, die ich schon seit einiger Zeit befürchte: «Spatz, was hältst du eigentlich von bildender Kunst?»

«Mehr, als sie von mir.»

Eine halbe Stunde später befinden wir uns in einem parkähnlichen Areal, angelegt zwischen zwei riesigen Museumsschlössern. Machtarchitektur, imperiale Überpracht, auf der einen Seite mit Dinosauriern, anderem Habsburger Getier, auf der anderen bis zum Dach mit dynastischen Porträts, biblischen Grausamkeiten, antiken Mythen aufgefüllt, und später, nach drei Stunden renommiertester vormoderner Malerei, sitzen wir erschöpft im Café, ein fescher Bursche in Uniform nähert sich unserem Tisch, du scannst geschwind die Karte: «Zwei Kapuzinerkaffee und ein Achtel Kaiserinnenschmarrn.»

«Okay», repliziert der Werktätige.
«Wie», frage ich.

III. Jenseits der Sashimi-Puffer

Keine Ahnung, wann genau, aber früher gestaltete sich die Wiener Sozialtopografie übersichtlich. Im Kern zirkulierten blaues Blut und uraltes Geld, während jenseits der glanzvollen Ringstrasse die Bourgeoisie residierte, deren Wohlanständigkeit allerdings stadtauswärts immer weiter ausfaserte. Der sogenannte Gürtel bildete die Demarkationslinie. Dahinter (auch auf der anderen Seite des Donaukanals) warteten Hottentotten und Tuberkel, erstreckte sich das düstere Favoriten, das balkanische Ottakring, irgendwelche anderen Gegenden, deren Charakter weiterhin als unerforscht gilt. Angesichts dieser Konstellation stellt man sich einen greisenhaften Ringstrassengrafen vor, der ruhelos durch seine Salons geistert, erst nach dem dritten Stück Morphiumstrudel endlich Ruhe findet: Zuerst werdens die Sashimi-Shops abreissen, hab ich recht? Die Veganschlachtereien. Alle hassens die Grünen, nicht wahr, Hauptmann Strache? Die dummen Grünen sind unschuldig, aber das Volk hasst sie. Bevor der Ring an der Reih ist, werdens erst noch Mariahilf ausradiern.

Eh wurscht, Herr Graf, die neue Zeit bricht an. Eine Sonne wird aufgehn über den Gemeindebauten. Aber es wird keine rote Sonne sein.

Sie glauben an Gott, Strache, das ist brav.

D’accord. Nur, was haben wir damit zu tun? Wir sind Reisende! Lebhaft fliesst unser Geld dahin, lebhaft fliesst auch der Gürtelverkehr. Trams, Übertageuntergrundbahnen, Blecharmeen – alles bewegt sich geschwind, von A nach B, dann zurück nach A, dann wieder nach B, ein Leben lang, bis man eines Tages feststellt, zwischen A und B gibt es keinen Unterschied. Und C haben die Grünen verboten.

Für uns dagegen gibt es keine Buchstaben. Wir sind frei, wir geniessen, was wir wollen. Zum Beispiel die Variationsbreite der Farbe Grau. Die Klangvielfalt der Tristesse. Gumpendorfer Gürtel / Ecke Gumpendorfer Strasse / Ecke Dorfgumpenpalaisplatz. Schöne Sprache, dieses Österreichisch. Eigenwillig elegant. Wir stehen also nahe Gumpendorf herum, und ich schaue hinüber zu ein paar Wienern und Wienerinnen, die in all der sinnlosen Mobilität ebenfalls herumstehen. Liebhaber eines Medikaments offenkundig, einer Arznei namens Heroin. Immer wieder muss ich genau dieses Segment beobachten. Seine Gesichtsfarben, seine Gesten, seine Gespräche.

«Komm, Babe, die sind doch überall gleich.»
«Aber das ist es doch! Das ist doch das Verrückte.»

Weiter geht die Gürtelwanderung. Die Himmelsrichtung heisst Norden, passend dazu kommt der Wind aus dem Eismeer. Der Wind fühlt sich wohl in der breiten Schneise, doch bestimmt nicht wohler als ich. Denn mir gefällt diese Strasse, der Style, der Vibe. Alles ist interessant hier – und wird sogar noch interessanter.

Wir erreichen den Eingang einer eindrucksvollen Einkaufsstrasse, in der sich laut Reiseführer sehr gut einkaufen lässt. Schräg gegenüber der Westbahnhof, im luftigen Kleid der fünfziger Jahre, eingerahmt von zwei imposanten Klötzen jüngeren Datums. Gürtel bedeutet Kontrast, sage ich mir. Gürtel bedeutet Veränderung. Drüben an der Nordbahn träumen sie vor sich hin, hier hingegen prescht man ins Nirgendwo.

Eine ältere Dame betrachtet ihr Hündchen, auf dem Grünstreifen zwischen den tosenden Fahrbahnen. Dem Tier zittern die Beine. Es spürt wohl noch etwas von der Härte der Stadt, von deren Tödlichkeit. Vor kaum hundert Jahren haben hier alle gezittert.

«Hey!» Du bleibst stehen. «Hier gibt es ‹Helga’s Kabinensex›.»
«Schon wieder so ein Name!», rufe ich. «Zuerst in die Lugner City.»

«Ist das kein Name?», lachst du, und es ist Sonntag, folglich hat in der Lugner City alles geschlossen. Trotzdem ist die Mall keineswegs leer. Tschetschenische Familien flanieren durch die Gänge, afghanische Burschen turnen auf Balustraden, ein kakanischer Rentner poliert eine Bronzetafel: «Zur Erinnerung an die bekannte Telefonistin Stefanie Sargnagel, die hier Erholung und Inspiration fand. Der Verband der mittelständischen Industrie der Stadt Klagenfurt.»

Klagenfurt? Apropos Literatur: Direkt vor Lugner City liegt, wie eine riesige Schnalle auf den Gürtel gezwängt, die imposante Wiener Hauptbibliothek. Natürlich treten wir ein, ich betrete zudem ein Podium, überblicke einen Saal für 150 Menschen, in dem sich fünf Zuschauerinnen versammelt haben. Ein erhabenes Bild. Ein Höhepunkt. Bebende Hundebeinchen im Gürtelwind, schwappende Suppen im Gasthaus Hansy, blumige Deko in Helgas Kabinenbeisl – Wien hat mir eine Menge Bilder geschenkt, eine Menge Träume.

IV. Kathedralen der Gerechtigkeit

Abreisetag, immer noch Vorstadt, immer noch Kälte, doch wir sitzen im überheizten Airportshuttle, und zu unserer Linken erhebt sich ein riesiger, grau-gelb-monumentaler Wohnfelsen.

«Schau», sage ich, «der Reumannhof! Gelegen in Margareten, wo vormals lungendurchlöchernde Zinskasernen und lichtlos-feuchte Hinterhöfe dominierten. Die Sozialdemokratie setzte dem Elend ein Ende und schenkte der arbeitenden Bevölkerung dieses grosszügig-totalitäre Gemeindeschloss.»

Du wendest dich zu mir: «Fanden dort nicht auch heroische Kämpfe gegen die Dollfussfaschisten statt?»
«Sehr richtig», bestätige ich, «und zwar im Jahre 1934.»
«Babe», sagst du ernst, «ich ekle mich vor Leuten, die über die Sozialdemokratie spotten.»

Unser Shuttle rauscht über den Gürtel, draussen rauschen die Utopien vorbei. Steinerne Hoffnungsspender. Kathedralen der Gerechtigkeit. Ich denke an die Brigittenau, an das Bezirksmuseum, den freundlichen alten Mann. Heute hat sein Laden geöffnet. Aber es wird niemand kommen. Er wird allein bleiben, mit all dem vergilbten Aufbruch, mit all den Toten in den Vitrinen, und langsam, ganz sacht, wird er sich zu ihnen gesellen.

Der Schriftsteller Christoph Höhtker (51) lebt in Genf. 2013 erschien als erster Teil einer Trilogie sein Romandebüt «Die schreckliche Wirklichkeit des Lebens an meiner Seite» (Berlin Verlag). Der zweite Teil, «Alles sehen», wurde 2016 für den Schweizer, «Das Jahr der Frauen», der dritte Teil, 2017 für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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