Nr. 48/2016 vom 01.12.2016

Das Leben ist selten happy peppy

Mit tragikomischen Geschichten aus dem Alltag wird Voodoo Jürgens zum österreichischen Popstar der Stunde. Eine Konzertreise nach Kärnten.

Von Kaspar Surber, Villach

«Heite grob me Tote aus»: Bei Vodoo Jürgens ist der Tod ein Fest. Foto: Wolfgang Bohusch

Bereits in Bludenz, knapp hinter der Grenze, packt eine Frau im Nebenabteil eine Leberkäsesemmel aus. Im Arlbergtunnel patrouillieren Grenzbeamte. Im Ötztal blättert ein Passagier in der «Kronen Zeitung», Titelschlagzeile: «Sturz aus 3. Stock: Kind aufgefangen». Im Speisewagen sitzen die Gäste am Mittag vor einem grossen Ottakringer. Draussen in Tells-Pfaffenhofen wirbt ein Plakat für den grünen Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen, er steht vor einer Österreichfahne: «Wählen! Nicht wundern.» Der Föhn reisst die Landschaft auf, klingende Touristennamen fliegen vorbei, Kitzbühel, Zell am See und Bad Gastein. Nach der Ausfahrt aus dem Tauerntunnel ziehen Nebelschwaden durch Kärnten, die Bahnhöfe tragen Namen wie Oberfalkenstein. Eine gespenstische Bergwelt, bestimmt spukt da noch Jörg Haiders Geist herum. Einfahrt in Villach: Alle Klischees über Österreich scheinen bisher bestätigt.

Vor dem Kulturhofkeller in der Altstadt parkt ein Bus. Eben ist Voodoo Jürgens mit seiner Band eingetroffen, die MusikerInnen tragen ihre Instrumente in den Keller. Nimmt Voodoo seine Fellmütze ab, kommt eine blonde Vokuhilafrisur zum Vorschein. Der Schlaks trägt ein Hawaiihemd und Silberketten dazu. Beim Soundcheck fällt allerdings weniger seine Aufmachung auf als sein wacher, suchender Blick. Leise klimpert er auf der Gitarre eine Melodie, die Akkordeonistin stimmt ein, und schon klingen seine typischen Geschichten an: über ein anderes Österreich, oder genauer, Geschichten mit einem anderen Blick auf Österreich.

Voodoo Jürgens ist Österreichs Popstar der Stunde. Dank unzähliger Solokonzerte in Wien galt er bereits als Insidertipp, Ende September erschien das Debüt «Ansa Woar», es macht ihn jetzt im ganzen Land bekannt. Das Album erreicht auf Anhieb Platz eins in den Charts, die Wiener Stadtzeitung «Falter» schreibt: «Die Erwartungen an dieses Album waren hoch. Voodoo Jürgens erfüllt sie nicht, er übertrifft sie.»

Am Tisch der Aussenseiter

«Ansa Woar» heisst «Einserware» oder in Voodoos Fall: erstklassige Storys. Damit das Schweizer Publikum diese etwas besser versteht, gibt der Songwriter beim Abendessen Dialektunterricht. Was bedeutet zum Beispiel das Wort «Hawerer?» – «Ein guter Freund.» Schuigstangl? – «Schuleschwänzen.» Und Stereowatschn? – «Zwei Ohrfeigen auf einmal. Bud-Spencer-mässig.» Und wie ist nun eigentlich der Name Voodoo Jürgens entstanden? In seiner ehemaligen Band hätten sich die Mitglieder einen Spass daraus gemacht, Prominentennamen zu verdrehen, erklärt der 32-Jährige. «Udo Jürgens kennt man ja, der war ein netter und smarter Typ. Mit dem Voodoo kommt etwas Böses dazu. Ein ausgeglichener Name, der mir gefallen hat.»

Der Name passt auch bestens zu den Geschichten, die Voodoo Jürgens zu erzählen hat. Sie sind so charmant wie makaber. Schon im ersten Song des Debüts, «3 Gschichtn ausn Café Fesch», überbieten sich Gangführer Willy, ein kugelrunder Russe und einer mit einem Holzbein mit ihren tragisch-komischen Lebensgeschichten. In den folgenden Liedern geht es um die Liebe und den Tod. Die Liebe bedeutet häufig Streit, so zanken sich im Minihörspiel «Alimente» der Sänger und Exfreundin Gitti um offene Rechnungen. Der Tod wiederum erscheint als Fest, in einer Hymne singt Voodoo, der auch schon als Friedhofsgärtner gearbeitet hat: «Heite grob ma Tote aus. Heite tanz ma mit de gresstn Feind und schenckn erna reinen Wein. Heit gheart uns die gaunze Welt, heit gemma dennan Sandlan Geld.»

Sandler sind Obdachlose, wie sich in den Songs überhaupt das ganze Lumpenproletariat Wiens tummelt. «Meine Songs basieren auf Erlebtem und Gehörtem», erzählt der Songwriter. Einwände, dass es dieses Wien gar nicht mehr geben würde, ärgern ihn: «Es ist witzig, dass solche Vorwürfe von Leuten kommen, die selbst nicht in den Branntweinlokalen verkehren und diese Leute deshalb auch nicht sehen können.» Um politische Korrektheit schert er sich in seinen Songs wenig. Die Sexarbeiterinnen nennt er «Hurn», wie er überhaupt gerne mit der Rolle des Strizzi, des Zuhälters, kokettiert. Bloss wirkt das sowieso mehr lächerlich als herrisch, wie sich Voodoo auch nicht aus seinen Songs heraushält. Er bedient sich nicht an den Geschichten anderer, sondern wirft die eigene Story in die Runde.

Im autobiografisch gefärbten Song «Tulln» erzählt er, wie er als David Öllerer in einem Wiener Vorort aufwuchs, «zwischen Zuckerbude und Kadaverfabrik»: von der Gewalt zu Hause, der Verhaftung des Vaters, die in der Lokalpresse breitgeschlagen wurde, vom ersten Drogenkonsum und von Momenten des Glücks. Seine Kindheit sei vielleicht ein bisschen extremer gewesen als andere, aber letztlich auch wieder durchschnittlich, meint Voodoo: «Man hört ja immer wieder Geschichten von zerrütteten Familien, von Erbstreitigkeiten und von Vätern, die sich im Keller erhängen. Das Leben verläuft selten happy peppy.»

Lieber Anti- als Austropop

Die ungeschminkten Geschichten finden Anklang. Am Montagabend in der Kleinstadt stehen im ausverkauften Konzertkeller tätowierte Rockerinnen neben bärtigen Hipstern, der Schweiss tropft von der Decke. Musikalisch verzichten die Songs nicht auf Schminke: Akkordeon, Gitarre, Schlagzeug, Kontrabass, Klavier und Harmonium verbinden sich in Rummelplatzmelodien. Voodoo tänzelt über die Bühne, dreht sich um sich selbst, dann singt der Keller vergnügt im Chor: «Heite grob me Tote aus.»

In Österreich gibt es derzeit viele Bands, die von der Musikpresse als Erneuerer des Austropop gefeiert werden, darunter auch Voodoo Jürgens. Nun hat er aber mit den Synthesizerverirrungen der achtziger Jahre ebenso wenig zu tun wie mit dem testosterongetriebenen Mash-up durch Bands wie Wanda. Weit mehr erinnert seine Musik an das Wienerlied um die letzte Jahrhundertwende, als in Bänkelgesängen das Grossstadtleben beschrieben wurde. Am ehesten ist Voodoo mit dem «Nino aus Wien» zu vergleichen, einem weiteren jungen Stadtstreicher, der in seinen Liedern schonungslos vom Lieben, Scheitern und vom Drogenkonsum erzählt.

Dass Voodoos musikalischer Horizont über Österreich hinausreicht, zeigt seine Gitarre. Sie wird von Aufklebern zusammengehalten wie das Instrument des New Yorker Musikers Jeffrey Lewis. Dieser zählt wie die New Yorker Band Moldy Peaches zur Antifolkszene, die die alten Erzählformen des Folks aufnahm und von ihrem volkstümelnden Mief befreite. «Das war für mich ein Aha-Erlebnis, hat mich begeistert und inspiriert», bestätigt Voodoo. «Ich würde meine Musik in Anlehnung daran auch Anti-Austropop nennen. Aber das kriege ich wohl nicht durch.»

Mit seiner vormaligen Band Die Eternias, einer unterschätzten Avantgarde-Indieband in Zaubererkostümen, hatte er noch Englisch gesungen. Er wollte schon lange Songs im Dialekt schreiben, dieser sei «feiner und genauer». Zudem habe er einfach eine «irrsinnige Liebe» zu Redewendungen und blöden Sprüchen. Getraut hatte er sich das aber erst in einer Lebenskrise. «Ich war dreissig Jahre alt und an einem Tiefpunkt angelangt: Wie lange sollte ich mir noch vormachen, dass ich mit der Musik durchkomme?» Dass er trotz des plötzlichen Erfolgs gelassen geblieben ist und nicht arrogant wirkt, hat wohl auch damit zu tun, dass er schon etwas älter ist: «Mit zwanzig hätte ich mir mehr auf den Erfolg eingebildet.»

Voodoo verabschiedet sich am Konzert mit einer letzten Verbeugung. Das Publikum applaudiert begeistert, lässt sich von der Band die Platte signieren. Derweil erzählen die örtlichen Veranstalter vom Leben in Villach. Noch ist es eine sozialdemokratische Hochburg im rechten Kärnten. Die Identitären, eine rechtsextreme Bewegung, sind kürzlich aber auch schon vor dem Theater aufmarschiert. Bei der Aufführung des Flüchtlingsstücks «Die Schutzbefohlenen» von Elfriede Jelinek beschimpften sie die ZuschauerInnen auf einem Transparent als Heuchler.

Fronten aufweichen

Auf die Präsidentschaftswahl angesprochen, zeigt sich Voodoo besorgt, «wie die Leute daherreden, wie alle Ängste auf die Ausländer geschoben werden». Knapp werde es bei der Wahl am 4. Dezember, und die Fronten würden auch über den Wahltag hinaus verhärtet bleiben. Seine Musik sieht er durchaus als Mittel, um sie aufzuweichen. Um sich mit seinen Dialektgeschichten nicht dem Vorwurf der Heimattümelei auszusetzen, hat er auf seine Gitarre einen Antifa-Sticker geklebt. Als dieser bei einer Fernsehaufzeichnung gut zu sehen war, folgten die Mailbeschimpfungen von Neonazis prompt.

Um Mitternacht hat sich der Konzertkeller geleert. Voodoo setzt sich seine Fellmütze auf und stösst mit seinen MitmusikerInnen mit einem letzten Haselnussschnaps an. «Ich mag die süssen Schnäpse am liebsten», sagt er noch und verschwindet in der Nacht.

Nächste Konzerte: Graz, Stadthalle, 3. Dezember 2016; Grosswarasdorf, Kuga, 10. Dezember 2016; Wien, Radiokulturhaus, 15. Dezember 2016. Das nächste Mal in der Schweiz: St. Gallen, Palace, 21. Dezember 2016.

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