Nr. 36/2008 vom 04.09.2008

Die Zeit der langen Messer

Immer mehr junge Menschen sterben durch die Gewalt immer jüngerer Täter - an diesem Wochenende wurde in London wieder ein Vierzehnjähriger erstochen. Viele Medien rufen nach härteren Strafen, die Regierung baut neue Gefängnisse. Gibt es keine andere Lösung?

Von Pit Wuhrer, London

Samstagabend im Ostlondoner Stadtteil Hackney. Shaquille Smith, seine Schwester Tahira und ein Freund sitzen auf einer Parkbank, als sich eine Gruppe Jugendlicher auf Mountainbikes nähert. Es kommt zum Wortwechsel, dann zu einer Rangelei; am Ende liegt Shaquille auf dem Boden. Einer der Velofahrer hat ihm ein Messer in den Bauch gerammt. Eine Ambulanz bringt die Geschwister ins Spital; die sechzehnjährige Tahira hat ebenfalls Stichwunden, doch sie überlebt. Ihr Bruder stirbt noch in derselben Nacht. Er war gerade vierzehn Jahre alt geworden.

Shaquille Smith ist nicht nur das bis anhin letzte Opfer in einer schier endlosen Serie von Gewalttaten, die Jugendliche an Jugendlichen begehen (ebenfalls am Wochenende wurde in Liverpool ein Sechzehnjähriger erstochen) - er ist auch das jüngste Opfer seit Jahresbeginn. Zumindest in London werden 2008 mehr Teenager sterben als im Rekordjahr 2007 mit seinen 27 Toten - das Jahr hatte schon schlecht begonnen: Bereits am Neujahrstag war der achtzehnjährige Henry Bolombi erstochen worden. Fünf Tage später verblutete Faridon Alizada (ebenfalls achtzehn Jahre) nach einem Messerstich. Danach starben Boduka Mudianga (achtzehn Jahre, erstochen), Fuad Buraleh (achtzehn Jahre, erstochen), Sunday Essiat (fünfzehn Jahre, erstochen), Tung Lee (siebzehn Jahre, erstochen), Ofiye Nmezu (sechzehn Jahre, erschlagen), Michael Jones (achtzehn Jahre, erstochen), Nicholas Clark (neunzehn Jahre, erschossen), Amro Elbadawi (vierzehn Jahre, erstochen) und vierzehn weitere - die meisten von ihnen afrokaribischer Herkunft und in den Inner-City-Ghettos aufgewachsen. Auch Shaquille Smith, das 25. Opfer, war schwarz.

Für die meisten Medien stand von Anfang an fest, wer für seinen Tod verantwortlich war. Das Boulevardblatt «Daily Mail» schrieb vom «Krieg der Drogengangs», der «Daily Mirror» wusste von einer «Bandenfehde» und Sky News berichtete, dass Shaquille Smith ins «Kreuzfeuer rivalisierender Gangster» geriet. Und fast alle wiederholten das Lied von den viel zu nachsichtigen RichterInnen und den Massnahmen, die die Politik endlich ergreifen müsse.

Der Familienersatz

«Die These von den Gangs, die Territorialkriege führen, ist völlig abwegig», sagt Micheal Gordon vom 409-Project im Südlondoner Stadtteil Brixton. Gordon arbeitet seit 25 Jahren mit vorwiegend schwarzen Jugendlichen. Eine Gang, sagt er, hat ein gemeinsames Ziel und eine klare Struktur. Die Wahrheit sei für die Verantwortlichen viel unangenehmer, weil sie das Problems auf die Gesellschaft zurückführe: «Die eisten Jugendlichen schliessen sich zu lockeren Gruppen zusammen, weil sie nur so das harte Leben auf der Strasse, die Armut, die Demütigungen verkraften können.»

Die Gruppen, deren Anführer wechseln, seien für die Kids der Ersatz für die Familie, die es oft nicht mehr gebe - und sie wollen sich das holen, was ihnen die Gesellschaft versagt: «Etwas Geld für Designerklamotten, Anerkennung und vor allem Respekt.» Im vergangenen Jahr, so berichtet der Sozialarbeiter, habe die Regierung eine Liste aller Londoner Gangs publiziert. «Aber viele der erwähnten Gangs gab es da schon lange nicht mehr.» Gegen die Gangthese spreche auch die Bewaffnung: Gangs operieren meist mit Schusswaffen. «Die kann man hier seit dem Ende der Balkankriege problemlos beschaffen. Ich kann dir innerhalb von zwei Stunden eine Pistole organisieren.» Doch die meisten Jugendlichen werden mit billigeren Waffen getötet - mit Küchenmessern.

Auch eine Studie der Universität Manchester kommt zum Schluss, dass Politik und Behörden von völlig falschen Annahmen ausgehen:

Die sogenannten Gangs sind nicht rigide strukturiert, sondern meist ein lockerer Verbund von FreundInnen.

Diese Gruppierungen haben sich nicht auf Drogenhandel spezialisiert; ihre Mitglieder überleben vielmehr durch einen Mix aus bezahlter Arbeit, Sozialhilfe, Zustupf von Familien und FreundInnen, Gelegenheitsdiebstählen, Cannabisverkauf oder Strassenraub.

Hauptursache der Gewalt sind nicht territoriale Kämpfe, sondern Streitigkeiten innerhalb der Gruppen, bei denen oft Beziehungsprobleme und der Wunsch nach Anerkennung im Vordergrund stehen.

Die Mitglieder der meisten Gruppen sind auch nicht, wie von der Polizei angenommen, schwarz; sie spiegeln vielmehr die ethnische Zusammensetzung ihrer jeweiligen Quartiere.

Einsperren hilft nicht

Dennoch geht die Regierung von einem organisierten Bandenwesen aus und forciert ihre Law-and-Order-Politik - obwohl die darin vorgesehenen Sanktionsmöglichkeiten weitgehend ausgeschöpft sind. Nirgendwo sonst in Westeuropa werden so viele StraftäterInnen eingesperrt wie in Britannien, nirgendwo sonst sitzen so viele Jugendliche in Haft (vgl. Kasten). Selbst Zwölfjährige können verwahrt werden; in besonderen Fällen kann das Innenministerium gar MissetäterInnen ab dem zehnten Lebensjahr inhaftieren. Doch das Allheilmittel Knast funktioniert offenbar nicht - es ist sogar kontraproduktiv. Das sagt jedenfalls der Kriminologe Rod Morgan, der drei Jahre lang Leiter des Youth Justice Boards, der für die Jugendkriminalität zuständigen Behörde, war. Es sei doch auffällig, dass die Gewalt vor allem in Quartieren vorkomme, die ähnliche Merkmale aufweisen: massive Kinderarmut, kaum soziale Einrichtungen, hohe Arbeitslosigkeit, weitverbreitete Hoffnungslosigkeit, Schulen ohne Einrichtungen zur Betreuung schwieriger Kinder, billige Drogen. Dort, sagt Morgan, «sind Rechtsverstösse und Verbrechen oft der einzige Weg, an Konsumgüter heranzukommen, die wir für selbstverständlich halten und stolz zur Schau stellen». Dass heute doppelt so viele Jugendliche eingesperrt werden als noch vor fünfzehn Jahren, sei «unhaltbar», schrieb Morgan - er hatte Anfang 2007 sein Amt als Vorsitzender des Youth Justice Boards aus Protest gegen die Regierungspolitik niederlegt - vor kurzem in einem Beitrag für die Tageszeitung «Independent»: «Es gibt doch heute nicht doppelt so viele kriminelle Jugendliche.»

Die Statistik gibt ihm recht. Seit Jahren sinkt die Kriminalität. Es gibt weniger Hauseinbrüche und Autodiebstähle, die Mordrate bewegt sich weiterhin auf niedrigem Niveau; über siebzig Prozent der inhaftierten Jugendlichen werden aufgrund geringfügiger Vergehen (Ladendiebstahl oder Verstoss gegen das Betäubungsmittelgesetz) eingebuchtet. Zugenommen hat lediglich die Zahl der Raubüberfälle auf der Strasse.

Vor fünfzehn Jahren konnten jugendliche Rabauken den Jüngeren und Schwächeren bestenfalls das Pausenbrot und das Fahrgeld für den Bus abnehmen; heute sind es - wie eine Untersuchung der Kriminologin Marian Fitzgerald von der Universität Kent ergab - vor allem Handys und MP3-Player. Diese Verbrechen seien ein «Wohlstandssymptom», urteilt Fitzgerald - und eine Folge der tief greifenden Veränderungen in der britischen Gesellschaft seit Beginn der Deindustrialisierung unter Premierministerin Margaret Thatcher in den achtziger Jahren: Die männlichen Jugendlichen haben seither die ihnen vorgegebene Rolle als zukünftige Haupterwerbsperson verloren und einen Identitätsverlust erlitten - vor allem in Quartieren, wo die Arbeitslosigkeit mittlerweile an die dritte Generation vererbt wird.

Spardruck im Sozialsystem

Viele ExpertInnen warnen vor der Hysterie, die seit Jahren auch deswegen anhält, weil sich die beiden grossen Parteien - Labour und die Konservativen - auf dem Gebiet der inneren Sicherheit gegenseitig keine Blösse geben wollen. «Null Toleranz den Verbrechern, null Toleranz den Ursachen des Verbrechens» - mit diesem Tony-Blair-Slogan, so glaubt die Labour-Partei immer noch, habe sie die Wahl 1997 gewonnen. Dass ihre Politik scheitert, weil sie den ersten Teil zwar umsetzte, den zweiten hingegen nicht, schert sie wenig, solange die Opposition ein noch härteres Vorgehen fordert.

Der populistische Wettlauf hat dazu geführt, dass die innere Sicherheit seit Jahren die Agenda dominiert. «Viele Menschen fühlen sich trotz weniger Kriminalität unsicherer als je zuvor», sagt Sinaed Hanks von Smart Justice, einer kleinen Organisation, die für Alternativen zum Strafvollzug wirbt. Der Grund? «In vielen Londoner Quartieren kennt heute kaum noch jemand seine Nachbarn, die Bessergestellten leben isoliert in Lofts und Apartments, der alte Familienverbund hat sich aufgelöst.» Auf dem Land kümmere sich noch die Nachbarschaft um einen «und schaut hin». In der Grossstadt sei dies hingegen kaum noch der Fall, sagt Hanks und berichtet von «einer Lady», die sich in einer Wohnsiedlung für die Nachbarkids einsetzt, mit ihnen redet, ihre Familien besucht: «Dort ist die Straffälligkeit schlagartig um ein Viertel gesunken.»

Randalierende Jugendliche gab es schon immer, sagt auch Micheal Gordon, nur die Umstände hätten sich geändert - durch die «me first» - , die Ichkultur, die eine Folge des Neoliberalismus sei. Auch er und seine vier MitarbeiterInnen des 409-Projects machen Hausbesuche und bieten Unterstützung: Lernhilfe für die Kids, die von der Schule geflogen sind, Abenteuercamps, Computerkurse. Oder sie sind einfach für sie da: «Wenn jemand beim Klau eines Schokoriegels erwischt wurde, muss man doch rausfinden, warum er das tat: aus Langeweile, weil sich die Gelegenheit bot, weil der Gruppenzwang zu gross war - oder aus Hunger.» Man müsse bei den Zehn- bis Zwölfjährigen ansetzen und handeln, bevor die Kids vom Strafsystem zermahlen werden. Früher waren die Streetworkers, diese einst allseits gefeierte Form einer basisnahen Sozialarbeit, für den Kontakt mit den Kids zuständig. Doch es gibt sie kaum mehr - die Jobs wurden aus Budgetgünden gestrichen.

«Präventionsmassnahmen sind billiger und effektiver als der Strafvollzug mit seiner hohen Rückfallquote», sagt Sinaed Hanks. Das wissen sogar die Opfer. In einer Umfrage, so Hanks, hätten sich über achtzig Prozent der Betroffenen gegen Haftstrafen für straffällige Teenager ausgesprochen und für angemessenere Bestrafungen wie Gemeinschaftsarbeit plädiert. Auf dem Kontinent sei dieses Mittel längst erprobt. In Britannien hingegen werden solche Optionen «als Schnapsidee von Weicheiern denunziert». Warum? «Der kulturelle Einfluss der USA ist gross, ausserdem lassen wir uns vom Ausland ungern was empfehlen, da blitzt immer noch die imperiale Attitüde durch», sagt Hanks.

Auch in Brixton gibt es trotz Micheal Gordons Bemühungen keine schnelle Lösung. Der schwarze Sozialarbeiter kann sich noch gut an den grossen Aufstand von 1981 erinnern: Damals hatten schwarze Jugendliche in tagelangen Strassenschlachten gegen eine überaus rassistische Polizei rebelliert. Auch heute noch werden schwarze Kids sechsmal häufiger von PolizistInnen angehalten und durchsucht als weisse Jugendliche. Könnte dies wieder zu einem Aufstand führen? «Nein», sagt Gordon, «damals gab es in der Gemeinschaft weitaus mehr Zusammenhalt.» Die Jugendlichen seien seinerzeit auch viel politischer gewesen: «Sie hatten einen gemeinsamen Gegner. Heute, und das ist das Schreckliche, sehen sie in sich selbst den Feind.»

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