Nr. 38/2008 vom 18.09.2008

Die schwarzrote Familie

Wenn der FC Zürich am Erscheinungstag dieser WOZ im San Siro gegen die AC Milan spielt, dann trifft er auch auf ein Stück Fussballgeschichte. Ein Blick über die Alpen in Berlusconis Altersheim.

Von Carlos Hanimann

Ein Wahlversprechen hat er gehalten. Anfang Jahr hatte Silvio Berlusconi versprochen, er hole den Brasilianer Ronaldinho vom FC Barcelona zur AC Milan, sollte er Ministerpräsident werden. Ob solcher Wahlversprechen konnte man sich hierzulande nur vor den Kopf schlagen. Heute aber ist Berlusconi, seit 1986 Besitzer der AC Milan, einmal mehr italienischer Ministerpräsident - und der brasilianische Star mit dem Pferdegebiss verlegte für 22,5 Millionen Euro seinen Wohnsitz von Katalonien nach Norditalien.

Der Kauf von Ronaldinho war einer von drei Transfers, mit denen der Mailänder Fussballklub diesen Sommer Aufsehen erregte. Ausser dem Brasilianer verpflichteten die Rossoneri den Schweizer Nationalspieler Philippe Senderos von Arsenal leihweise für ein Jahr und holten auch ein altbekanntes Gesicht zurück: den ukrainischen alt Stürmer Andrej Schewtschenko. Er war vor einem Jahr für 46 Millionen Euro zu Roman Abramowitschs FC Chelsea gewechselt, konnte sich dort aber nie durchsetzen. Irgendwann in diesem Sommer legte Abramowitsch mit seiner Jacht in einem sardinischen Hafen an, ass mit Italiens Regierungschef Berlusconi zu Mittag und plauderte mit diesem angeblich über Kakteen - und einige Tage später war der 31-jährige Schewtschenko wieder bei Milan.

Die AC Milan scheint ein sicherer Hafen für gealterte Spieler geworden zu sein. Nicht umsonst wird die rotschwarze Trainingsanlage Milanello von italienischen Sportjournalisten in Anlehnung an den Film der Coen-Brüder «A Country for Old Men» genannt: Beim ersten Saisonspiel standen sechs Spieler über dreissig auf dem Platz, das Durchschnittsalter der Mannschaft betrug 29 Jahre, letzte Saison lag es gar einmal bei 33 Jahren.

Als man Milan hasste

Vorbei sind die Zeiten, als die AC Milan noch für zittrige Knie sorgte. Als der Filmregisseur Nanni Balestrini seinen Roman «I furiosi» (Die Wütenden) über die rotschwarzen Brigaden schrieb, über die Ultras der AC Milan. Als Berlusconi den Verein aufkaufte und Fussballstar um Fussballstar, Titel um Titel nach Norditalien holte. Als das holländische Wundertrio Marco van Basten, Ruud Gullit und Frank Rijkaard ihre gegnerischen Verteidiger schwindlig spielte und die AC Milan zu einem Mythos machte. Vorbei sind die Zeiten, als die AC Milan gehasst (wegen Berlusconi und dessen Geld) und beneidet wurde (ob der Unbesiegbarkeit).

Das holländische Trio ist älter geworden: Marco van Basten war bis zur Europameisterschaft Trainer der holländischen Nationalmannschaft und beginnt diese Saison bei Ajax Amsterdam, Frank Rijkaard ist diesen Sommer beim FC Barcelona gefeuert worden, und Ruud Gullit sucht sein Trainerglück in den USA bei Los Angeles Galaxy. Andere aber, die die gloriosen Zeiten der AC Milan miterlebten, sind heute noch Teil der «società rossonera», der rotschwarzen Gesellschaft: Franco Baresi zum Beispiel, der niemals bei einem anderen Klub spielte. Ironischerweise kam er zu Milan, weil er beim Probetraining des Stadtrivalen Inter durchfiel. Heute ist er Trainer des Mailänder U-17-Teams. Oder Carlos Angelotti, in den Achtzigern ebenfalls Milan-Spieler und heute Trainer der ersten Mannschaft. Oder aber Paolo Maldini, der sein Milan-Debüt im Jahr 1985 gab. Er steht als Vierzigjähriger heute noch auf dem Platz - obwohl er seinen Rücktritt bereits angekündigt und dann wieder zurückgezogen hatte. Seine Trikotnummer 3, so kündigte Berlusconi an, wird aus Dankbarkeit für Maldinis Treue nie wieder ein Spieler tragen - ausser Maldinis Sohn Christian würde sie dereinst wollen.

Weshalb bleiben Spieler wie Baresi oder Maldini der AC Milan ein Leben lang treu - in Zeiten, in denen Geld die Treue ins Abseits stellt? Milan sei wie eine grosse Familie, heisst es von den Spielern immer wieder. Franco Baresi sagte einmal: «Die Bindung und die Leidenschaft zum Verein sind ganz wichtig bei Milan. Das Resultat sieht man auf dem Platz - alle kämpfen füreinander. So spielt man erfolgreich.»

Es ist eine Treue, die nicht von ungefähr kommt. Die rotschwarze Familie erweist ihren Spielern immer wieder Gefälligkeiten. Etwa als Milan den kleinen Bruder des Mittelfeldspielers Kaká nach Mailand holte. Dieser verkündete dafür neulich in einem Interview mit der «Gazzetta dello Sport» dankbar: «Milan, mia vita. Ich werde Milan nur verlassen, wenn der Verein entscheiden sollte, mich zu verkaufen, oder wenn der Tag kommt, an dem wir keine gemeinsamen Ziele mehr haben.»

Vom Nachtclubbesitzer zum Profi

Oder Milans Mittelfeldspieler Clarence Seedorf: 2004 lud der Holländer seinen Jugendfreund Harvey Esajas zum Mailänder Derby ein. Esajas hatte mit Seedorf im Ajax-Nachwuchs gespielt und das Fussballgeschäft nach einigen missglückten Versuchen bei Feyenoord Rotterdam und Real Madrid aufgegeben. Daraufhin führte er einen Nachtclub, arbeitete danach in einem Antiquariat und landete schliesslich bei einem Zirkus. Als er 2004 nach Mailand kam, war der Dreissigjährige knapp 120 Kilogramm schwer, rauchte, trank und konnte sich an Fussball nur noch aus seinen Jugendtagen erinnern. Trotzdem schaffte es Seedorf, seinen Freund im Jugendteam der AC Milan unterzubringen, wo dieser sich abrackerte und unter medizinischer Begleitung auf 85 Kilogramm runtertrainierte. Bald bot der Vizepräsident Adriano Galliani Harvey Esajas einen Vertrag in der ersten Mannschaft an, und Esajas brachte es sogar zu einem zehnminütigen Einsatz in einem Pokalspiel gegen Palermo. Als Esajas eingewechselt wurde, tobte das Publikum, nach dem Spiel lief Seedorfs Freund Ehrenrunden.

Es sind solche Geschichten, die die AC Milan zur «società» machen - ein Begriff, den übrigens auch die Mafia kennt.

Allen romantischen Ausflügen zum Trotz - auch die alten Herren in Mailand wollen Erfolge. Denn Berlusconi machte nie einen Hehl daraus, dass ihn bei der AC Milan vor allem das Geschäft interessiert. Und wenn die AC Milan am Erscheinungstag dieser WOZ im San Siro das Uefa-Cup-Spiel gegen den FC Zürich austrägt, erwarten auch die Tifosi einen Sieg. Die AnhängerInnen der AC Milan sind unzufrieden: Letzte Saison verpasste man die Qualifikation für die Champions League, die Transfers in der Sommerpause scheinen - trotz Ronaldinho - ungenügend. Und der Saisonstart in der Serie A missglückte, die AC Milan verlor die ersten beiden Spiele. Im Sommer unterschrieben über 10000 Fans eine Petition, in der sie Berlusconi zum Verkauf des Vereins aufforderten. In England macht derweil ein Scheich Schlagzeilen, weil er Manchester City für knapp 200 Millionen Euro aufkaufte. Ob sie mit einem Scheich als Besitzer zufriedener wären?

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