Nr. 38/2008 vom 18.09.2008

Die Sammlerin der Gedanken

Irena Brezna ist als Autorin von Reportagen aus Osteuropa bekannt geworden. In ihrem ersten Roman, der autobiografische Züge trägt, erzählt sie von einer Jugend in der sozialistischen Slowakei.

Von Eva Pfister

Der Vater war Anwalt und wird als bürgerliches Element zum Brückenbau abkommandiert. Die schöne Mutter interessiert sich nur für ihre Wirkung auf Männer. Sie ist zwar proletarischer Herkunft, gilt aber als Überläuferin. Denn: «Proletariertum ist eine komplizierte Sache, man kann es durch einen nicht proletarischen Beruf verlieren und eine Frau durch Heirat.»

Die Grossmutter ist noch in der alten Zeit verhaftet, sie zieht Hühner auf, pflegt den Garten und geht zur Kirche. Zwischen ihnen und einem brutalen, unsympathischen Bruder wächst Jana auf. In der Schule lernt sie, dass Kamerad Präsident sich für alle aufopfert und dass sie zur ersten Generation der neuen humanen Zeitrechnung gehört.

Zwischen zwei Identitäten

Mit augenzwinkernder Naivität erzählt Irena Brezna von ihrer Kindheit in der sozialistischen Slowakei und vermittelt damit anschaulich die gespaltene Situation eines Mädchens, das sich zwischen verschiedenen Ideologien zu einer eigenen Haltung durchkämpfen muss. Die Autorin ist 1950 in Bratislava geboren und lebt seit 1968 in Basel. Als sie mit achtzehn Jahren «emigriert wurde», wie sie einmal sagte, verlor sie ihre Muttersprache und das Ziel ihres Kampfes, denn sie war damals bereit, sich den sowjetischen Panzern entgegenzustellen. Sie verlor aber nicht ihren Kampfgeist und schärfte mit der deutschen Sprache ihre Fähigkeit zur Analyse. So wurde sie zu einer wichtigen Reporterin für osteuropäische Themen, reiste etwa mehrfach nach Tschetschenien und veröffentlichte 2003 ihren Reportageband «Die Sammlerin der Seelen».

«Die beste aller Welten» ist Breznas erster Roman und stark autobiografisch geprägt. Ihre Heldin Jana wird zur «Sammlerin der Gedanken», denn sie muss lernen, diese für sich zu behalten. «Kameradin Lehrerin» fordert die SchülerInnen auf, zu melden, wenn jemand in der Familie kein proletarisches Bewusstsein hat. Das muss Jana ebenso verschweigen wie der Familie gegenüber ihren glühenden Wunsch, eine proletarische Heldin zu werden. Mit Begeisterung trägt sie das rote Halstuch der jungen PionierInnen und will nichts wissen von den Waffen einer Frau, mit der sie - geht es nach ihrer Mutter - kämpfen lernen soll.

Ziemlich allein sitzt Jana zwischen allen Stühlen. Das wird noch schlimmer, als die Mutter ins Gefängnis kommt, weil ihre Fluchtpläne durchgesickert sind, woran Jana sogar schuld sein könnte: «Im Kopf habe ich eine Trennwand errichtet, rechts leben die Familienworte und links Schulworte. Es gibt zwei Welten und zwei Sprachen, und ich gehe täglich wie eine Doppelagentin hin und her. Werde ich übermütig oder müde, fällt ein Wort in die falsche Welt hinaus, und diese Spur könnte Mama ins Gefängnis geführt haben.» Von da an wird das Schweigen noch mehr zum Diktat.

Es war zu jenem Zeitpunkt, berichtete Irena Brezna, als sie anfing zu schreiben, sie floh in eine Welt der Märchen. Aber ihre Romanheldin lernt auch, auf Distanz zu den diversen Weltanschauungen zu gehen, während sie sich durch die schwierige Pubertät kämpft.

Jana fühlt sich zwar solidarisch mit ihren Schul- und SpielkameradInnen, aber zugleich spürt sie eine tiefe Verwandtschaft mit der Grossmutter, die unbeirrt in ihrem eigenen altmodischen Zeitrhythmus lebt und die Hektik der Jungen ablehnt. Vor allem Janas Mutter rennt der Zeit hinterher, aus Angst, alt zu werden und etwas zu versäumen. Sie besitzt eine Strickmaschine, an der sie emsig Pullover, Schals und Mützen produziert. Das sind ihre Tauschmittel, mit denen sie alles bekommt, was sie will. So muss Jana zum Hinterausgang des Ladens schleichen, um dort das Fleisch abzuholen, während die «Kameraden Proletarier» Schlange stehen. Das ist ihr ebenso peinlich, wie wenn die Mutter am Elternabend mit dem Rektor flirtet oder sie in den Kleidern aus Westpaketen zur Schule muss. Als Janas Mutter von ihrer Tochter fordert, loyal zu ihr zu stehen, wenn sie mit dem Vater streitet, wird Jana bewusst, dass sie nur ihren eigenen Gedanken vertrauen kann und nur sich selbst gegenüber loyal sein will.

Keine Abrechnung

Die Worte, die Brezna damals sorgsam in der einen Hälfte ihres Kopfes verstecken musste, hat sie für sich bewahrt, und so kann sie heute die sozialistische Diktatur anhand ihrer Sprache vorführen. Sie tut das mit Lust an den Absurditäten, die sich daraus ergeben: «Es ist eine bürgerliche Unsitte, Trinkgelder zu geben, unsere Kameraden Kellner haben angemessene Proletarierlöhne und trotzdem sind sie zufrieden, wenn Vater sie mit Almosen beleidigt.»

Breznas Roman ist keine Abrechnung mit dem real existierenden Sozialismus; sie erinnert sich durchaus an die Aufbruchstimmung und an glückliche Momente - nicht nur an das vorgeschriebene Glück.

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