Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Staub besichtigen

Den Zugang zur neuen Heimat finden, indem man sich mit anderen «Fremden» solidarisiert. Davon erzählt Irena Brezna im neuen Roman.

Von Eva Pfister

«Seit ich meine weite Haut der Gemeinschaft verloren hatte, hüllte ich mich in enges Selbstmitleid, verkroch mich im Groll gegen das Unvertraute. Ich fühlte mich wie ein Ding, das Mutter in ein fremdes Haus gestellt hatte, wie eine unmündige Braut, hundert Jahre zurückgeworfen, verheiratet an ein Land wie an einen strengen, alten Mann.»

So spricht die Protagonistin in Irena Breznas neustem Roman. Als Brezna selber 1968 im Alter von achtzehn Jahren mit ihren Eltern aus der Tschechoslowakei in die Schweiz emigrierte, fühlte sie sich wie zwangsverheiratet: mit einem Mann, der sich nicht für ihre Identität und ihren Kummer interessierte, sondern erwartete, dass sie funktionierte und ausserdem Dankbarkeit zeigte. Aber die junge Frau reagierte mit Widerstand, und aus der Reibung wurde sie zur Staatsbürgerin eines Landes, das nun, nach über vierzig Jahren, endlich auch ihre Kritik akzeptiert und ihre Meinung hören will.

Brezna fand den Zugang zur neuen Heimat über einen Umweg: Sie solidarisierte sich mit anderen Fremden. In ihrem Buch schildert sie, wie sie als Dolmetscherin Asylsuchende im Gericht oder im Krankenhaus begleitet: Flüchtlinge mit noch schmerzvolleren Erfahrungen als die ihrigen, Menschen mit noch mehr Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden.

Auch privat zog es sie zu anderen Entwurzelten hin: «Es fiel ein Wort, ein Blick des Erkennens, und schon erreichte mich die Wärme, die aus dem Fremdsein des anderen strömte. (…) Eine Sprache mit tausend Akzenten wurde unsere Vatersprache. Entbunden vom Gebot der Höflichkeit gegenüber dem Gastland zogen wir höhnend darüber her.»

Durch diese neue «Heimat des Motzens» erkennt die Grenzgängerin ihre Stärken und fügt ihrem slawisch geprägten Temperament, auf dem sie trotzig besteht, einen messerscharfen Verstand hinzu. Für das Denken war die deutsche Sprache ideal, stellte sie fest und setzte der Dialektverliebtheit der SchweizerInnen die analytische Hochsprache entgegen. Als Reporterin berichtete sie aus Osteuropa und aus Tschetschenien, wofür sie mehrfach ausgezeichnet wurde.

Vor vier Jahren erschien ihr autobiografischer Roman «Die beste aller Welten», in dem sie ihre Jugend in der Slowakei schildert und mit viel Sprachwitz die ideologische Erziehung aufs Korn nimmt. «Die undankbare Fremde» hat eher essayistischen Charakter. Ironisch hält sie darin den freundlichen, ordentlichen, bescheidenen und demokratischen EidgenossInnen den Spiegel vor, der nicht immer ein schmeichelhaftes Bild zurückwirft.

Zum Beispiel dann, wenn sie schreibt: «Sie waren Kämpfer, Idealisten des Materiellen, vertrauten auf ihre Zähigkeit und strebten nach dem Unmöglichen: die Oberfläche ihrer kleinen Welt hochpoliert zu halten, und zwar dauerhaft, was auch geschehen möge. Kaum war der Bankschalter keimfrei, schlichen sich schon die nächsten Bakterien heran, unsere ältesten Vorfahren. Immer wieder zog das Land mit dem Lumpen in der Rechten gegen die Vorfahren los. Ich entdeckte erst hier, dass ich eine angeborene Sehschwäche für Schmutz hatte. Nachdem ich das Treppenhaus gewischt hatte, riefen mich die Nachbarn zur Besichtigung der Staubkörner. Wenigstens kamen wir endlich ins Gespräch.»

Auch in den Forderungen nach Anpassung waren die SchweizerInnen hart. Damals in den siebziger Jahren, als die junge Irena sie mit ihrem unberechenbaren Temperament provozierte. Damals, als man noch nicht zu denken wagte, «dass Zugewanderte an der Gesellschaft teilnehmen und dabei bleiben dürfen, wie sie sind».

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