Nr. 38/2008 vom 18.09.2008

Den Islam gibt es nicht

Von Yves Wegelin

Der Islam ist eine praktische Sache. Mit ihm lässt sich ein Haufen Probleme dieser Welt ganz einfach erklären - von Selbstmordattentaten über die Unterdrückung der Frau bis hin zur mangelnden Integration muslimischer MigrantInnen in der Schweiz. Das tönt so plausibel, dass man gerne auch mal «kleinere» Ungenauigkeiten und Verkürzungen in Kauf nimm.

Der Journalist Alfred Hackensberger hat sich nun zum Ziel gesetzt, solche «Vorurteile, Halbwahrheiten und Missverständnisse» zu widerlegen. Entstanden ist ein «Kleines Lexikon der Islam-Irrtümer» mit Kurzbeiträgen zu über siebzig Stichworten «von Al-Qaida bis Zeitehe».

Das wirkliche Leben

Das vorliegende Lexikon bietet jedoch alles andere als eine trockene wissenschaftliche Lektüre. Vielmehr schöpft der Autor aus seiner reichen Erfahrung als langjähriger Nahostjournalist - unter anderem für die WOZ.

Die Beiträge sind mit persönlichen Erlebnissen und Begegnungen durchsetzt wie etwa Anekdoten von den lebhaften Auseinandersetzungen, die er mit seinen DeutschschülerInnen in Beirut und Tanger führte - über Geschlechterrollen etwa oder über Alkohol. Der Autor will bestehende Vorurteile weniger durch Zahlen und komplizierte Argumentationen widerlegen; er hält ihnen vielmehr Ausschnitte aus dem wirklichen Leben entgegen - was ihm über weite Strecken auch ausserordentlich gut gelingt.

Allerdings nicht durchs Band: Zwar weist der Autor selber darauf hin, dass es den Islam nicht gibt, sondern je nach Raum, Zeit und Gemeinschaft äusserst unterschiedliche Interpretationen islamischer Normen nebeneinander bestehen. Statt es aber bei der Darstellung dieser unterschiedlichen Arten von gelebtem Islam zu belassen, begibt sich Hackensberger allzu oft auf das Glatteis der religiösen Exegese, um trotzdem so etwas wie «den Islam» zu ergründen. Hier wäre eine radikalere Haltung wünschenswert gewesen: Der Islam ist, was die jeweiligen MuslimInnen als solchen begreifen. Punkt.

Trotz dieses Vorbehalts ist das Buch sehr zu empfehlen. Es bietet einen anderen, kritischen Blick auf den muslimischen Alltag - und veranlasst uns, bisherige Vorstellungen zu revidieren.

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