Nr. 40/2008 vom 02.10.2008

Ein Spiel, ein Jahrzehnt

Von Pascal Claude

Der Buchtitel kann in die Irre führen: In den «Sternstunden des Schweizer Fussballs» geht es um weniger, als angedeutet wird. Der Schweizer Klubfussball findet keine Erwähnung, und die «Sternstunden» betreffen nicht in erster Linie sportliche Höhenflüge. Vielmehr erzählt der Band eine Geschichte der Nationalmannschaft anhand exemplarischer Begegnungen.

Für jedes Jahrzehnt steht ein Spiel, lautet das Konzept, was dem Buch eine anregende Streitbarkeit verleiht: Warum genau diese Partie? War jene gegen England ein Jahr zuvor nicht wegweisender? Und wo bleibt das 7:1 gegen Rumänien?

Eine Autorin und sieben Autoren treten an, ihre Wahl auf jeweils rund zehn Seiten zu begründen. Sie überzeugen dabei, weil sie Naheliegendes gekonnt unterlaufen. Christian Kollers «Proletarische Verbrüderung» etwa widmet sich einer Begegnung, die in keiner Verbandschronik auftaucht. Eine zusammengewürfelte Mannschaft aus «Arbeiterfussballern» empfing 1934 das Elferkollektiv der Sowjetunion im französischen St-Louis - der Bundesrat hatte den Gästen die Einreisebewilligung verweigert. Als Hymne diente gleich für beide Teams die «Internationale».

Den von Herausgeber Koller im einleitenden Kapitel «Nationalmannschaft und Willensnation» formulierten Anspruch, den vermeintlich unpolitischen Fussball an den «gesellschaftlichen Prämissen» zu messen, löst neben Thomas Knellwolf (Türkei-Schweiz 2005) vor allem Marianne Meier in ihrem Beitrag ein. Sie erzählt vom ersten «Damen-Fussball-Länderspiel» («Schaffhauser AZ») auf Schweizer Boden im Herbst 1970, ein Jahr vor dem Einzug der ersten Frauen in die Bundesversammlung. Geschickt wird die damalige (sport-)politische Realität mit Zeitungsausschnitten verwoben, die von einer gewissen Offenheit, vor allem aber einer grossen Unbeholfenheit in der Einordnung zeugen. Immerhin: «Der Damenfussball (...) wird mehr sein als eine blosse Volksbelustigung», prophezeite das «Albumblatt für die Kickerinnen» eine Woche nach dem Spiel.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch