Nr. 41/2008 vom 09.10.2008

Ein geliehenes Sein

Fünfzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung macht der Rotpunktverlag das vergessene Frühwerk des eigenwilligen Marxisten André Gorz wieder zugänglich.

Von Ulrike Baureithel

Lebensbeichten haben gemeinhin etwas Peinliches, zumal, wenn sie von einem abgelegt werden, der das historische Recht auf seiner Seite hatte und als Theoretiker wie als Mensch nicht zu subjektiven Entblössungen neigte. Die Abrechnung, die André Gorz vergangenes Jahr - kurz vor der gemeinsamen Selbsttötung mit seiner todkranken Frau Dorine im September - in Form eines Liebesbriefs hinterliess, gehört zu den seltenen und berührenden Ausnahmen des Genres. In seinem «Brief an D.» leistete der französische Sozialphilosoph Abbitte für ein «Verbrechen», das fast fünfzig Jahre zuvor seinen Anfang nahm: Ein falsches Bild vor ihr, Dorine, gegeben, die Bedeutung ihrer Beziehung für ihn und sein Werk zeitlebens verleugnet und vor der Welt verheimlicht zu haben.

Eine alltägliche Männersünde, gewiss. Im Fall Gorz gewinnt das späte Entschuldungsritual jedoch eine besondere Dimension, nachdem der Rotpunktverlag nun ein weitgehend vergessenes Frühwerk wieder zugänglich gemacht hat.

Ichsezierung

Das Romanessay mit dem programmatischen Titel «Der Verräter» - in der Neuausgabe um den bislang unveröffentlichten Essay «Über das Altern» ergänzt - hatte der damals 35-jährige, noch unbekannte Philosoph in einer Art manischer Selbstsuggestion verfasst und 1958 erstmals auf Französisch veröffentlicht. Darin unterzieht sich Gorz einer schonungslosen und kompliziert angelegten Selbstanalyse, die sein subjektives Gefühl der Nichtigkeit mit der objektiven Lage in Einklang zu bringen versucht und vom Wir über das Du zum Ich gelangt. Ausgehend von den beiden Gewährsleuten Karl Marx und Sigmund Freud, die ihm das theoretische Instrumentarium liefern, versucht Gorz «Ordnung zu schaffen», einen «historischen Standpunkt» zu finden.

Gorz existenzialistisch gestimmte Sezierung des Ich und der Welt nimmt ihren Ausgang im austrofaschistischen Wien, wo er als Sohn eines alternden jüdischen Holzhändlers und einer aufstiegsorientierten und gefühlskalten katholischen Mutter 1923 geboren wurde. War es objektive Bedingtheit in dieser Welt ohne Verständnis für einen etwas schwächlichen, linkischen Jungen, dass dieser Gerhard Horst (wie Gorz eigentlich hiess) keinen Platz fand und sich «in zwei Hälften geteilt» fühlte zwischen dem jüdischen Makel und der Stärke der ihn umgebenden Sieger? Früh schon trieb Gorz der Wunsch nach Anerkennung: zunächst ins Lager der Jungnazis, dann in religiöse Selbstkasteiung und - nachdem ihm der Zugang zum Wir verwehrt wird - in Manien aller Art. Nach den Nürnberger Gesetzen jüdischer Mischling mit Privilegien, verinnerlichte Gorz seinen Ausschluss, machte aus der biologischen und sozialen Schwäche eine «Wahl» in der Weise, das Unrecht, das ihm angetan wurde, als verdient anzuerkennen und umzuwerten in eine metaphysische Überlegenheit: «Er hielt sich für den Besseren, weil er akzeptierte, der Niedrigste zu sein», schrieb er über sich selbst.

Sartres Einfluss

Doch «Verrat» beging Gorz nicht nur an seiner jüdischen Herkunft, sondern auch an seiner Muttersprache. Im Internat in Graubünden halbwegs in Sicherheit, imaginiert sich der einsame, seltsam verstiegene Halbwüchsige als guter Franzose. Er lernt Französisch, negiert alles Deutsche, staffiert sich «mit einem geliehenen Sein» aus, das ihn unverwundbar macht. In Lausanne, ohne Verbindung zu seiner Schweizer Umgebung, entwickelt Gorz einen bösen Blick auf die waadtländischen EidgenossInnen und dieses «no man’s land» mit seiner «Wirklichkeit des Nichtseins».

Schreiben wird für ihn zur Zuflucht und Qual zugleich: Täglich füllt er zwei Seiten «mit seiner winzigen Schrift», «schreiben war für ihn eine Weise zu beten ... er schrieb, um ein anderer zu werden, um mit sich selbst Schluss zu machen». Auf der Suche nach dem «absoluten Standpunkt» entwickelt Gorz einen nicht unbeträchtlichen Hochmut, der ihm zwar «unglückliche Seelen» zutreibt, aber - zunächst - wenig Liebe.

Nach dem Krieg, noch immer in Lausanne, wird die Begegnung mit Jean-Paul Sartre zur schicksalhaften Fügung. In Sartre findet Gorz seinen Meister, sogar seinen «Gott». Sartre schimpft den wenig tatfreudigen Gorz einen «Essenzialisten», zieht ihn aber dennoch in seinen Kreis und reagiert auf den «Verräter» sogar mit einem (im Buch wieder abgedruckten) Essay. In Paris wird der Grundstein gelegt für Gorz’ späteren unorthodoxen Marxismus, der ihn von Sartre wieder wegführen wird und ihn zu einem der wichtigsten Theoretiker der postfordistischen Gesellschaft werden lässt.

Als solcher elektrisierte Gorz in den achtziger Jahren auch die verkaterte deutsche Linke, die seinen «Abschied vom Proletariat» (die deutsche Fassung erschien 1983) erregt diskutierte, von dem drei Jahre zuvor im Suhrkamp-Verlag erschienenen Buch «Der Verräter» aber wenig Kenntnis nahm. Vielleicht kam Gorz’ artistische Verquickung von Selbst- und Weltanalyse zu früh, vielleicht wirkte sie auf die immer noch aktionsorientierte Bewegung zu zerquält und subjektivistisch, als dass sich eine Verbindung zu Gorz’ anderen Werken hätte herstellen lassen. Die schon in «Der Verräter» aufgeworfenen Fragen nach der Wahl der Rollen im kapitalistischen System, nach der Möglichkeit des nicht korrumpierten Aussen in der Erfahrung der Unmittelbarkeit waren von solch philosophischer Abstraktion, dass sie als Handlungsanleitung nicht taugten.

Der Wunsch nach Verzeihung

Zum realistisch lebbaren «Reich der Freiheit» öffnete dem zeitlebens scheuen, introvertierten Philosophen - der es immer verabscheute, über das zu sprechen, was er schrieb - seit den späten vierziger Jahren Dorine die Pforten. Dass er in «Der Verräter» ein so schiefes, falsches Bild von ihr gezeichnet hatte, veranlasste den 83-Jährigen nicht nur zu seinem «Brief an D.», sondern zu einer eigens in die Neuauflage eingerückten Nachbemerkung, die sich als Entschuldigung lesen lässt. Wenn man so will, überwindet Gorz mit den beiden autobiografischen Schriften, die sein theoretisches Werk einrahmen, seine «Angst vor Identifizierung»; der Wunsch nach später Verzeihung treibt ihn vom Er zum Ich. Das ist schon viel bei einem Denker, der das «man» zum zentralen Reflexionspunkt machte - aber wenig, wenn man bedenkt, dass auch der alte Gorz seine Frau Dorine, bei aller Liebe, lediglich als Mittlerin zur Welt wahrgenommen hat.

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