Nr. 29/2009 vom 16.07.2009

Noch spielen sie Walzer

«Auswege aus dem Kapitalismus» ist ein überaus aktuell zu lesender Band mit Texten des 2007 im Alter von 84 Jahren freiwillig aus dem Leben geschiedenen Philosophen.

Von Thomas Schaffroth

Testamentarisch wollte André Gorz die Textsammlung, deren Auswahl er selbst getroffen hatte, gewiss nicht verstanden wissen: Die Aufsätze aus den Jahren 1975 bis 2007 zeichnen sich durch eine Haltung aus, die vom Blick in die Zukunft geprägt ist und von der Überzeugung, dass ein wirksamer Schutz der Umwelt ohne radikale Kapitalismuskritik nicht zu erreichen ist. Das bedeutete für den gebürtigen Wiener ein wirtschaftliches Nullwachstum – nicht zu verwechseln mit einer Abnahme der Produktivität – und insbesondere eine radikale Veränderung des Konsumverhaltens.

In Frankreich ist die Textsammlung unter dem Titel «Ecologica» erschienen. Der auf Deutsch übersetzte Band trägt den Titel «Auswege aus dem Kapitalismus». Als politischer Ethnograf gehört Gorz zu einem der wichtigsten Denker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im letzten vor seinem Selbstmord publizierten Aufsatz betont er: «Die Frage des Ausstieges aus dem Kapitalismus war nie aktueller als heute. Sie stellt sich dringlicher als je und in einer neuen Radikalität.»

Postkapitalistische Utopie

Nach Gorz kann die Menschheit nur überleben, wenn eine neue Wirtschaftsform und eine neue Zivilisation gefunden werden – nicht nur in eurozentristisch beschränkter Perspektive. Die postfordistische Entwicklung in neuen Wirtschaftszentren wie Indien oder China könne zwar nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Menschen auf anderen Kontinenten vorübergehend vom Kapitalismus profitieren können. Doch während das Orchester einen Walzer spielt, gehe die Titanic, sprich die Gesellschaft, früher oder später unter, wenn sie ihr Wirtschaftssystem nicht radikal verändere.

Im Gegensatz zu Theoretikern wie Giorgio Agamben oder Zygmunt Baumann war Gorz nie ein Pessimist. Einer der im Buch enthaltenen Texte trägt den Titel «Destruktives Wachstum und produktives Schrumpfen», Zeilen, die Gorz bereits in «Abschied vom Proletariat» (1980) geschrieben hatte. Die Forderung nach einer Ethik der Befreiung muss für Gorz die Kritik des Kapitalismus mit einschliessen – eine zentrale Rolle darin spielt die politische Ökologie.

Als Weggefährte von Jean-Paul Sartre hat sich der dialektische Materialist auch Gedanken über eine mögliche Entwicklung eines postkapitalistischen Staates gemacht: «Die einzige Funktion des kommunistischen Staates besteht darin, die Sphäre der Notwendigkeit (...) so zu verwalten, dass sie ständig weiterschrumpft und somit immer grössere Autonomieräume verfügbar macht.»

Diese Utopie der Freiheit muss laut Gorz im existenzialistischen Sinn von einer engen Verbindung von Ethik und Moral geprägt sein, die der kapitalistischen Logik eigentlich fremd ist. Der heutige Zusammenbruch des Weltwirtschaftssystems ist in seinen Augen keineswegs dem Mangel an Kontrolle geschuldet, wie sie heute von Wirtschaftsmagnaten und PolitikerInnen hüben wie drüben verlangt wird, «sondern vielmehr von der Unfähigkeit des Kapitalismus, sich zu reproduzieren. Er lebt und funktioniert einzig auf immer prekäreren Grundlagen. Die fiktiven Mehrwerte der Blasen zwangsweise umverteilen zu wollen, würde genau das beschleunigen, was die Finanzindustrie zu vermeiden sucht: die Abwertung gigantischer Massen an Finanzaktiva und den Bankrott des Bankensystems.»

Klassenkampf heute

2005 hatte eine brasilianische Zeitschrift ein Gespräch mit Gorz veröffentlicht, das unter dem Titel «Reichtum ohne Wert, Wert ohne Reichtum» auch im vorliegenden Band zu finden ist. Darin kommt er auf ein Thema zu sprechen, das manch einem oder einer sozialdemokratischen GewerkschafterIn Gänsehaut macht: die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle. Für Gorz ist eine solche Trennung von Arbeitszeit und Einkommen keine Utopie mehr. Denn die «Arbeit» wie sie seit über 200 Jahren verstanden wurde, ist heute eingedenk der Rolle, die etwa die Informatik spielt, nicht mehr die zentrale Produktivkraft. Entsprechend ist in der Produktion heute oft eine Wertschaffung im Spiel, die sich nicht mehr bloss in den Begriffen Geld und Ware ausdrücken lässt. Aber Gorz wusste, dass die herrschende Klassengesellschaft sich nicht selbst auflösen wird: «Ich denke nicht, dass ein garantiertes Existenzminimum graduell und friedlich durch eine von oben entschiedene Reform eingeführt werden kann.»

Der Philosoph ruft mit seinen Texten in Erinnerung, dass in Zeiten der Berlusconis und Sarkozys der Klassenkampf politische Priorität einnimmt, soll und will die Menschheit überleben.

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