Durch den Monat mit Andreas Simmen (Teil 2) : Angst, dass Ihnen die Entdeckungen abspringen?

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Warum verlegt der Rotpunktverlag ein Buch über den Tod eines deutschen Politikers, würde aber keine Reden von Fidel Castro mehr publizieren? Programmleiter Andreas Simmen weiss es.

Andreas Simmen: «Wenn es nur ums Geld geht, haben kleinere Verlage immer schlechte Karten.»

WOZ: Herr Simmen, das Buch über den Tod von Uwe Barschel, «Ein Mord, der keiner sein durfte», ist in Deutschland ein Bestseller. Wie kommt ein Schweizer Verlag dazu, das Buch eines deutschen Autors über den Tod eines deutschen Politikers zu publizieren?
Andreas Simmen: Für uns war das sicher etwas ungewöhnlich. Dem Autor Heinrich Wille aus Lübeck, leitendem Staatsanwalt in der Affäre Barschel, wurde die Publikation in Deutschland von seinen Vorgesetzten verboten. Der Schweizer Journalist Frank Garbely, der Wille bei seinen Untersuchungen in Genf begleitet hatte, machte uns darauf aufmerksam und stellte den Kontakt her. Und weil es im Buch ja nicht nur um den Fall Barschel geht, sondern im Wesentlichen um die Behinderung einer gerichtlichen Untersuchung durch die Politik, beschlossen wir, das Wagnis einzugehen.

Sie verlegen zwar nach wie vor politische Sachbücher, aber auch Belletristik und Wanderliteratur. Begonnen hat der Rotpunktverlag allerdings mit der Herausgabe von gesammelten Reden von Fidel Castro. Ist der Verlag heute weniger politisch?
Nein, das würde ich nicht sagen. Aber im Vergleich zu früher haben wir eine gewisse Distanz zur Macht generell, auch dann, wenn es um die Macht von Führern einer sozialistischen Revolution geht. Ein Buch mit den Verlautbarungen eines Machthabers würde es heute im Rotpunktverlag nicht mehr geben. Zwar haben wir mit Boliviens Vizepräsidenten Álvaro García Linera einen Autor im Programm, der zugleich ein machthabender Politiker ist. Wir wählten aber García Lineras Text, weil er als Soziologe schon vor seinem Amtsantritt zu den profundesten politischen Analytikern Lateinamerikas gehörte.

Wie kommt der Rotpunktverlag zu Texten wie dem von García Linera oder etwa zum Buch «Schatzinseln» des Briten Nicholas Shaxson, bei dem es um internationale Steueroasen geht?
Bei übersetzten Texten handelt es sich oft um Empfehlungen, die aus unserem Netzwerk von Experten in bestimmten Themen an uns herangetragen werden. Dieses Netzwerk ist für uns sehr wichtig und sicher eine der Stärken unseres Verlags. Bei García Linera war das jemand, der für Projekte im Bereich Entwicklungszusammenarbeit mit Bolivien zuständig ist. Und das Buch von Shaxson wurde uns von einem Mitarbeiter der Hilfswerksdachorganisation Alliance Sud empfohlen. Es gibt auch die üblichen Wege: Kataloge fremdsprachiger Verlage, Buchmessegespräche mit Verlegern und Agentinnen und so weiter. Und dann vergeben wir auch Aufträge, wenn wir finden, dass es zu einem bestimmten Thema ein gescheites Buch geben sollte.

Landen viele Manuskripte für Romane und Erzählungen beim Rotpunktverlag auf dem Tisch?
Das sind vielleicht zwei, drei pro Woche. Manchmal gibt es Häufungen, wo drei am selben Tag kommen, und dann wieder länger gar nichts. Dass aus einem unaufgefordert zugesandten Manuskript ein Buch wird, ist allerdings eher selten. Das kam bisher vielleicht drei-, viermal vor. Es ist nicht so, dass wir nur Schrott zugeschickt bekämen, wir stossen immer wieder auf interessante Versuche, wo wir das Manuskript nicht einfach mit dem Standardbrief zurückschicken. In seltenen Fällen machen wir auch Angebote zu einem Gespräch – mit dem Personal, das wir zur Verfügung haben, ist allerdings nicht jeder Aufwand machbar.

Ihr Verlag hat Mitte der neunziger Jahre Ruth Schweikert entdeckt, heute eine der erfolgreichsten Schweizer Autorinnen. Doch nach ihrem Erstling ging sie. Ist es oft so, dass Sie erfolgreiche Autoren an grössere Verlage verlieren?
Es stimmt, Ruth Schweikert wurde von unserer damaligen Schweiz-Belletristik-Verantwortlichen Silvia Ferrari entdeckt – wie auch noch ein paar andere Autoren. Dass Ruth dann wegging, war eine bittere Erfahrung, und es war damals auch nicht die einzige. Es hatte sicher auch damit zu tun, dass wir damals erst am Anfang einer entschiedeneren Professionalisierung standen und die Autorinnen und Autoren teilweise nicht so recht daran glaubten. Seither gibt es nun auch Autoren, die von anderen Verlagen zu uns kommen.

Haben Sie heute keine Angst mehr, dass Sie bestsellerträchtige Autoren zwar entdecken, diese früher oder später aber abspringen?
Das Risiko besteht natürlich immer. Wenn es nur um Geld geht, haben kleine Verlage immer schlechte Karten. Es geht aber nicht immer nur um Geld. Zum Beispiel der 2007 verstorbene Sozialphilosoph André Gorz: Von ihm hatten wir eins seiner letzten Bücher – «Wissen, Wert und Kapital» – übersetzt. Gorz war sehr angetan von unserem Verlag und fühlte sich auch vom Programmumfeld her zu Hause. Als dann sein «Brief an D.», der Liebesbrief an seine schwerkranke Frau, in Frankreich herauskam, landete er sehr rasch auf den Bestenlisten, und etliche Verlage in Deutschland und in der Schweiz interessierten sich dafür. Gorz sagte, am liebsten sähe er das Buch beim Rotpunktverlag. Er setzte sich bei seinem Verlag in Paris dafür ein, dass wir die Übersetzungsrechte zu einem annehmbaren Preis bekamen.

Rotpunktverlag-Programmleiter Andreas 
Simmen (58) hat grundsätzlich nichts gegen Manifeste und kann auch mal laut 
werden – mehr dazu nächste Woche.

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