Nr. 33/2010 vom 19.08.2010

Er liest uns weiter

Roland Barthes’ Essaysammlung aus dem Jahre 1957 liegt nun in einer erstmals vollständigen Neuübersetzung vor. Was seither auch geschehen ist: Barthes’ Fragestellungen funktionieren noch immer.

Von Milo Rau

Als ich Mitte der neunziger Jahre in Paris mein erstes linguistisches Seminar besuchte, schenkte mir eine Linguistikdozentin ein Buch: «Fragmente einer Sprache der Liebe». Damals war dieses Buch, waren eigentlich alle Bücher von Roland Barthes (1915–1980) eine Art guter Wein. Man konnte sie an jede und jeden verschenken, zu jedem Anlass und ohne bestimmte Hintergedanken. Man konnte sie auch einfach bei sich im Regal stehen haben und ab und zu drin lesen. Egal, was man mit diesem Barthes anstellte, irgendwie funktionierte es.

Abschied vom Brechtianismus

Der 11. September 2001 war noch ausser Sicht, es herrschte ein fröhlicher Katastrophismus, eine Vorahnung der kommenden Menschheitsverwirrungen. Was passte da besser als diese bei aller Theorie romantische, manchmal auch sanft drohende Stimme, der keine Erscheinung zu unbedeutend, kein Gefühl zu vage war, um nicht analysiert zu werden? Barthes verstand unsere Hingabe an die Popkultur, die auf Endlos-Repeat zu laufen schien, er las uns, nicht wir ihn. Seine Bücher vollzogen an uns das Recht der grossen Philosophie: Sie entzifferten die hypnotischsten Gesänge unserer Herzen genauso wie unsere alltäglichsten Bedürfnisse.

Seither sind fünfzehn Jahre vergangen. Seminargrössen der Postmoderne wie Jean Baudrillard, Jean-François Lyotard oder Jacques Derrida wurden mitsamt ihren Schreib- und Denkstilen weggezaubert vom Terror des Realen. Doch Barthes ist uns erhalten geblieben. Der elegante Südfranzose ist nach wie vor der allseits geschätzte, mit analytischen Bitterstoffen glänzende Edelintellektuelle, den so manche im Regal stehen haben. Während es ein Zeichen von eher schlechtem Geschmack wäre, sich heute noch mit den theoretischen Passepartouts der neunziger Jahre wie «Simulacrum» (Baudrillard) oder «Différance» (Derrida) zu schmücken, verwenden kulturwissenschaftliche Papers nach wie vor das barthessche Analysevokabular.

Was auch geschieht, was die Weltgeschichte sich auch einfallen lässt: Barthes funktioniert. So verwundert es nicht, dass Suhrkamp nun eine (erstmals) vollständige Neuübersetzung der «Mythen des Alltags» präsentiert – jener Essaysammlung, mit der sich Barthes Ende der fünfziger Jahre endgültig aus dem leicht existenzialistisch gefärbten Brechtianismus seines Frühwerks verabschiedete und zu «R. B.» wurde, einem der grossen intellektuellen Wegbereiter der Postmoderne.

Natürlich: Der Genfer Linguist Ferdinand de Saussure, die russischen Formalisten um Roman Ossipowitsch Jakobson und schliesslich Claude Lévi-Strauss hatten den Tisch, auf dem er seine exquisiten Analysen mittelständischer Alltagsmythen ausbreitete, bereits gedeckt. Doch Barthes lieferte mit den «Mythen» eine Art Rotes Buch der semiotischen Kulturanalyse, nach dem man im intellektuellen Europa so selbstverständlich von «Signifikanten», «Konnotationen» und «Zeichensystemen» sprach, wie man vorher mit Jean-Paul Sartre über «Engagement», «Existenz» und «Freiheit» nachgedacht hatte. Der Strukturalismus verliess mit den «Mythen» endgültig die akademischen Seminare und wurde – vom Meister und seinen AnhängerInnen in zahlreichen Essays weiterentwickelt – fast so etwas wie der gehobene Umgangston der sechziger Jahre. Sogar der französische Fussballnationaltrainer sollte sich zum «Strukturalismus» bekennen.

Heilige Kühe des Kleinbürgertums

Was machte Barthes? In einem nun erstmals auf Deutsch vorliegenden Vorwort, das er 1970 nachlieferte, steht es, mit der für Barthes typischen Distanziertheit der eigenen Person gegenüber: «Ich hatte gerade Saussure gelesen und daraus die Überzeugung gewonnen, man könne, wenn man die ‹kollektiven Vorstellungen› als Zeichensysteme behandelt, darauf hoffen, vom biederen Anprangern loszukommen und en détail die Mystifikation deutlich zu machen, die die kleinbürgerliche Kultur in objektive Natur verwandelt.»

Das ist es, was die «Mythen des Alltags» leisteten: die Überführung des in Besserwisserei versteinerten Nachkriegsmarxismus – der überall nur «die Kulturindustrie» oder «Verblendungszusammenhänge» globaler Natur sah und von den so viel feineren Bewusstseinsunterwerfungen der Alltagskultur keine Ahnung hatte – in einen geschmeidigen, dabei eiskalten Analysesound, der sich nicht in theoretischen Flächenbombardements, sondern im Nahkampf mit dem «semiologischen Material» der beginnenden Popkultur zu bewähren hatte.

So sind die «Mythen» nicht auf das philosophische Grosssystem aus – was sie uns liefern, ist eine Gebrauchsanleitung der Kulturkritik. Die überschäumende, ihre Themen wortwörtlich erschöpfende Ekstase, mit der hier die heiligen Kühe des Kleinbürgertums per Semiotik abgeschlachtet werden, macht die epochale, auch bei heutiger Lektüre unmittelbar elektrisierende Wirkung der Essaysammlung aus: Warum imitiert Kinderspielzeug meistens bereits existierende Institutionen, anstatt selbst welche zu erfinden? Warum tragen Hollywood-Römer immer diese Locken in der Stirn? Wie funktioniert ein Schockfoto? Was erzählen uns ein neues Automodell, ein Catchkampf oder die Tour de France über die Verfasstheit des gesellschaftlichen Imaginären? Und was bedeutet es eigentlich wirklich, wenn ein Kritiker behauptet, er habe ein progressives Theaterstück «nicht verstanden»? Kurzum: Welche willkürlichen Strukturen liegen jenen gesellschaftlichen Tatsachen zugrunde, die nicht selten genug damit protzen, auf nichts als «gesunden Menschenverstand» gegründet zu sein (dem Barthes in den «Mythen» natürlich ebenfalls einen Essay widmet)?

Analyse und Revolte

Doch mit Kritik ist dieser für die Dienstleistungsgesellschaft aufgetunte Marxismus nicht zufrieden. Er ist auf Veränderung aus. «Der Mythos ist eine Rede», heisst es im längeren theoretischen Exkurs, der die «Mythen» abschliesst. Was in den vorhergehenden Detailuntersuchungen umkreist wird, ist hier Gegenstand einer apodiktischen Feststellung. Denn «die Natur» redet nicht – eine Rede ist immer menschlich, geschichtlich. Und was Geschichte ist, das heisst: Was nicht ist, sondern gemacht worden ist, kann gedeutet und verändert werden.

Dieser bei allem Dandytum revolutionäre Anspruch an jede Theorie (und damit an die Figur des Intellektuellen), verbunden mit dem schieren Vergnügen am Lesen der Welt, am Durchstreifen der Zeichenwälder und imaginären Ordnungen, die Barthes wie kein Zweiter vorführt – dieser Doppelton aus genussvoller Analyse und kühler Revolte macht die Zeitlosigkeit der «Mythen des Alltags» aus.

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