Nr. 41/2008 vom 09.10.2008

Die Indizien sagen: Schuldig!

In der Umgebung von Atomkraftwerken treten bei Kindern überdurchschnittlich viele Krebsfälle auf. Das zeigte eine deutsche Studie, die aber auch behauptet, das habe mit den AKWs nichts zu tun. Falsch, sagen renommierte ExpertInnen.

Von Susan Boos

Die Geschichte gleicht einem Thriller: Ein gemeingefährliches Monster treibt sich herum, hinterlässt üppig Opfer, bevorzugt kleine Kinder – aber keiner kriegt es zu fassen. Ende September trafen sich auf Einladung der Gesellschaft für Strahlenschutz in Berlin einige hochkarätige WissenschaftlerInnen, die dem Monster auf die Spur kommen wollen. Im Kern ging es um die deutsche Kinderkrebsstudie (KiKK), die im letzten Dezember publiziert worden war. Eine Studie, die für viel Aufsehen und noch mehr Verwirrung gesorgt hat.

Vier Jahre lang hatten ExpertInnen des Kinderkrebsregisters in Mainz herauszufinden versucht, ob Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken leben, öfter an Krebs erkranken als andere Kinder. Das Ergebnis war frappant:

Kinder, die fünf Kilometer oder näher an einem AKW leben, haben ein doppelt so hohes Risiko, an Leukämie zu erkranken, wie Kinder, die weiter weg leben.

Dieses erhöhte Risiko nimmt zwar ab, lässt sich aber bis zu einem Umkreis von fünfzig Kilometern feststellen.

Vor allem das Risiko, an Leukämie zu erkranken, ist überdurchschnittlich hoch.

Ganz kleine Kinder sind wesentlich gefährdeter als ältere Kinder.

Bernd Grosche vom deutschen Bundesamt für Strahlenschutz – es hatte die Studie in Auftrag gegeben – fasste diese Resultate an der Berliner Tagung nochmals zusammen. Und dann sagte er, sein Amt sehe keine befriedigende Erklärung: «Deshalb werden wir auch den Leuten, die nahe bei Atomkraftwerken leben, nicht empfehlen, wegzuziehen.» Beschwichtigend fügte er noch an: «Wir sehen uns einfach nicht in der Lage, aufgrund der Daten eine klare Aussage zu machen. Aber ich bin froh, dass es in Deutschland den Ausstiegsbeschluss gibt. Wir sollten dabei bleiben!»

Irrige Lehre

Die offizielle Interpretation der Studie lautet entsprechend: Man weiss zwar nicht, weshalb die Kinder in der Nähe von Atomkraftwerken so viel häufiger an Krebs erkrankten – «nach dem heutigen Wissensstand kommt aber Strahlung, die von Kernkraftwerken im Normalbetrieb ausgeht, als Ursache für die beobachtete Risikoerhöhung nicht in Betracht».

Diese Aussage löste heftigen Protest aus, hält sich aber an die noch immer gängige Lehre, die auf den Folgen der Atombombenabwürfe von Hiroschima und Nagasaki beruht: Eine gross angelegte Studie untersuchte ab 1946 die Bombenopfer und versuchte zu eruieren, welche gesundheitlichen Folgen sie davontragen. Aufgrund dieser Untersuchungen rechnet man damit, dass maximal achtzehn zusätzliche Krebstote auftreten, wenn man hundert Personen mit einem Sievert bestrahlt.

Atomkraftwerke geben im Normalbetrieb Strahlung ab. Um allerdings die vielen Kinderkrebsfälle in Deutschland zu erklären, müsste ihre Strahlenbelastung – hochgerechnet auf die Atombombendaten – beinahe um den Faktor tausend höher sein.

Eigentlich weiss man heute, dass die Hiroschima-Nagasaki-Untersuchungen unzureichend sind, um das Strahlenrisiko zu errechnen – vor allem, wenn es um niedrige Strahlendosen geht. Die Atombombenopfer waren nämlich ganz spezifischer Strahlung ausgesetzt: Diese war kurz und sehr hoch dosiert.

Inzwischen liegen diverse neue Studien vor, die viel genauer darlegen, wie niedrige Strahlendosen wirken. Der Epidemiologe Wolfgang Hoffmann von der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald zitierte eine gross angelegte Studie aus dem Jahr 2005, in die 400 000 strahlenexponierte Personen (AKW-MitarbeiterInnen oder medizinisches Personal) einbezogen worden waren. Die meisten von ihnen erhielten geringe Dosen, das heisst, Dosen, die das Gesetz erlaubt.

Falsch reparierte Zellen

Das Resultat überraschte: Ein bis zwei Prozent der Krebstodesfälle dieser Gruppe waren durch die berufliche Strahlenexposition verursacht – das waren also 1000 bis 2000 zusätzliche Todesfälle, die es eigentlich nicht geben sollte. Und es waren wesentlich mehr, als aufgrund der Hiroschima-Nagasaki-Untersuchung zu erwarten waren. Noch beunruhigender sind die Resultate einer schwedischen Studie, die Hoffmann anführte: Sie förderte zutage, dass die intellektuelle Entwicklung eines Kindes negativ beeinflusst wird, wenn das kindliche Gehirn Dosen ausgesetzt wird, wie sie etwa bei einer Computertomografie freigesetzt werden.

Es häuften sich die Indizien, fasste Hoffmann zusammen, dass auch diverse gutartige Tumore durch Strahlung ausgelöst werden könnten. «Auch gibt es keine Dosis, die keinen Krebs auslöst – jede auch noch so geringe Dosis kann Krebs verursachen.» Das hängt mit den Reparaturfähigkeiten der Zellen zusammen, wie Hoffmann erklärte: Zellen, die durch Strahlung beschädigt worden sind, reparieren sich selbst – nur reparieren sie sich manchmal falsch, wodurch das Erbgut der Zelle falsch zusammengebaut wird und sie zu wuchern beginnen kann. Selbst winzigste Strahlendosen vermögen diesen Prozess auszulösen.

Ein Erklärungsversuch

Das Resultat der Tagung brachte der Epidemiologe Eberhard Geiser von der Universität Bremen auf den Punkt: «Es kann keinesfalls ausgeschlossen werden, dass ein Zusammenhang zwischen den Krebserkrankungen und den Emissionen der in die Studie einbezogenen sechzehn Kernkraftwerke besteht.» Zwar weiss man noch nicht genau, wie die Verbindung läuft. Deswegen aber zu behaupten, es gebe sie nicht, wäre unwissenschaftlich.

Der Londoner Strahlenschutzexperte Ian Fairlie, der auch schon die britische Regierung beraten hatte, präsentierte einen Erklärungsversuch: Atomkraftwerke geben im Normalbetrieb Radionuklide ab – Tritium zum Beispiel oder Kohlenstoff-14. Diese könnten für die Krebsfälle verantwortlich sein. Tritium etwa ist mobil und gilt als aggressiv. Verbunden mit Sauerstoff sei es letztlich, so Fairlie, nichts anderes als radioaktives Wasser.

Diese radioaktiven Stoffe werden zu gewissen Spitzenzeiten konzentriert über die Kamine von AKWs freigesetzt. Es sei sehr schwierig, genaue Daten zu erhalten, wann wie viel rausgelassen werde, meinte Fairlie. Und betonte, er könne sich irren – aber es sei möglich, dass eine schwangere Frau in der Umgebung eines AKWs diese Stoffe einatme. Dadurch könne ihr Fötus erhöhten Dosen ausgesetzt sein – Dosen, die für Erwachsene nicht so gefährlich sein müssen, auf einen wachsenen Fötus aber verheerend wirken dürften.

Der Thriller ist nicht zu Ende. Keiner der anwesenden Wissenschaftler konnte definiitv beweisen, dass die AKWs die Kinderkrebsfälle verursachen. Die Unschuld der Atomkraftwerke ist aber ebenso wenig bewiesen. Es existieren zu viele Indizien, dass sie diejenigen sind, die das Monster beherbergen.

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