Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

Mit den Toten sprechen

Die Suche nach den Spuren der Verstorbenen und die Überwindung der Leere in einer veränderten Gesellschaft: Diese Themen durchziehen die Erzählungen in «Beethoven war ein Sechzehntel schwarz».

Von Monika Slamanig

Wer in Nadine Gordimers neuen Erzählungen unter dem vielversprechenden Titel «Beethoven war ein Sechzehntel schwarz» eine literarische Aufarbeitung von Themen des neuen Südafrika erwartet, wird enttäuscht. Was die grosse alte Dame der südafrikanischen Literatur vorlegt, sind Geschichten über das Sterben, die Toten und die Verlorenheit der Hinterbliebenen. Gordimers Alter, sie ist 85, und der Tod ihres Lebensgefährten Reinhold Cassirer im Jahre 2001, nach 47 Ehejahren, haben Spuren hinterlassen.

Freiwillige MigrantInnen

Es sind Erzählungen mit eigenartigen Wendungen und auch Perspektiven: die Existenz eines Bandwurms, die beklemmende Parodie einer Gesellschaft aus dem Schnabel eines Papageis, die Rettung einer Küchenschabe aus dem PC. Und immer wieder die Toten: Verstorbene, die in einem Restaurant über die Weltlage diskutieren, Tote, die in Dachbodenkisten und Briefen zwiespältige Spuren hinterlassen, so etwa in «Die Begünstigte». Nach dem Tod ihrer Mutter entdeckt die Tochter, dass sie einen anderen Vater hatte, und spürt ihn auf.

Gordimer schreibt von Menschen, die sich von den Rätseln der Verstorbenen an- und umtreiben lassen. In ihrem dichten Stil, zuweilen etwas flüchtig, gelingt es ihr, in einem einzigen Satzfragment die Quintessenz eines ganzen Lebens herauszufiltern. Gordimers Erzählton ist zwiespältig wie ihre Geschichten, düster und bedrückend, anregend und ironisch. Immer aber bleibt ein Unbehagen zurück, die Furcht, wie Franz Kafkas Gregor Samsa als Käfer auf dem Rücken strampelnd aufzuwachen.

In ihren Figuren führt die Nobelpreisträgerin den LeserInnen die Fragwürdigkeit der Existenz vor Augen, die ein sinnloser Tod beendet und die Überlebenden antreibt, Antworten zu suchen. Sie tun es auch, um das eigene Fremdsein und die Leere zu überwinden oder wenigstens zu ertragen. So zum Beispiel, indem sie in jemandes Nähe rücken, und sei es die des Toten wie in «Allesverloren»: «Also mit wem reden. Es ist notwendig; um ihn zurückzubringen, ihn zusammenzusetzen, sein Leben, das für die ihn Überlebende weiterhin existieren muss. Reden mit ... Da ist niemand.»

Die Figuren in Gordimers Erzählungen sind freiwillige MigrantInnen, die kreuz und quer über die Kontinente reisen, ihren Wurzeln nach oder denjenigen ihrer Vorfahren. Und sie können es sich leisten. Nadine Gordimer stammt selbst aus einer wohlhabenden jüdischen Einwandererfamilie. In «Muttersprache» stellt eine Deutsche, die ihrem Geliebten nach Südafrika folgt, am Ende verstört fest: «Die einzige Muttersprache, die sie hatte, war seine Zunge in ihrem Mund, nachts.»

Ob in Europa oder in Südafrika, im Leben oder im Tod: Es sind Menschen, die nirgendwo ganz zugehörig sind oder in jener Heimat, die sie sich zu eigen gemacht haben, fremd bleiben wie die Mehrheit der weissen Bevölkerung in Südafrika. Denn obwohl sich das Interesse der einstigen Antiapartheidaktivistin vom gesellschaftlichen Spannungsfeld ins Persönliche verschoben hat, verknüpft sie auch in diesem Buch die eigene Befindlichkeit mit dem politischen Geschehen.

Gordimers Erzählungen wirken ähnlich beklemmend wie so oft die Begegnungen in Südafrika. Unter den Weissen herrscht eine kollektive Verwirrung, in eine Welt hinausgeworfen zu sein, in der sie sich nicht mehr auskennen, sich mit Menschen auseinandersetzen zu müssen, die ihnen so fremd sind wie Ausserirdische, auf dem Amt, im Laden, im Bus, überall dort, wo man vor noch kurzer Zeit je nach Hautfarbe bevorzugt oder verächtlich behandelt wurde.

Nach der Apartheid

«Beethoven war ein Sechzehntel schwarz ... Früher gab es Schwarze, die weiss sein wollten. Jetzt gibt es Weisse, die schwarz sein wollen. Es ist dasselbe Geheimnis.» Frederick Morris, in der Titelgeschichte, gehört zu den wenigen Universitätsdozenten, die von der Mehrheit schwarzer StudentInnen nicht als «alte weisse Männer» beschimpft werden, weil er während der Apartheid Partei für sie ergriffen hatte. In der Hoffnung, einen Bruchteil schwarzer Gene in sich selbst zu finden, folgt er den genetischen Spuren seines englischen Urgrossvaters, die dieser als potenter Prospektor in den Schössen der Afrikanerinnen in den Diamantminen hinterlassen haben musste.

In diesem Zusammenhang hat die gewöhnungsbedürftige Geschichte «Bandmass» symbolische Bedeutung, für die südafrikanische Gesellschaft wie für die eigene Existenz. Der Bandwurm, das Böse und Schädliche, das überall lauert und sich einschleicht, von anderen zehrt, lange unbemerkt, irgendwann abgetrieben wird, findet immer wieder einen Ort, um sich einzunisten. Diese Quintessenz, am Ende eines langen Lebens, wäre eine bittere. Sicher aber hinterlässt Nadine Gordimer auch mit «Beethoven» Spuren.

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