Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

Gibts noch was zu lachen?

Die Finanzwelt ist erschüttert. Im einstigen Land der grossen Verheissungen steht eine Zeitenwende an. Wie reagieren die KomikerInnen auf die neuen Verhältnisse?

Von Stephan Pörtner

«Es geht nicht darum, ob ich mit der Wirtschafts- oder Aussenpolitik von Bush einverstanden bin oder nicht, aber ich glaube, dass er ein Kind Satans ist, das auf die Erde gekommen ist, um sie zu zerstören ... Der Irakkrieg? Das ist doch kein richtiger Krieg! Ein Krieg ist, wenn sich zwei Armeen bekämpfen. Die Bezeichnung ‹Ablenkung am Persischen Golf› wäre zutreffender.»

Diese Worte kommen von Bill Hicks, dem ersten einer neuen Generation von US-KomikerInnen, den Rock ’n’ Roll Comedians. Er starb 1994 mit 32 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Hicks galt als Nachfolger des legendären Lenny Bruce (1925-1966) und war einer der besten Komiker der USA gewesen.

Dass viele seiner Nummern, die von George Bush, dem 41. US-Präsidenten (1989-1993), vom Irakkrieg 1991, von fundamentalistischen ChristInnen und NichtraucherInnen handeln, nach fünfzehn Jahren noch so aktuell wirken, zeugt vom Zustand der USA, der einst so dynamischen Weltmacht. Die derzeitige Finanzkrise erschüttert das Land, und es steht eine Zeitenwende an. Viele Hoffnungen für einen Wandel ruhen auf Barack Obama. Wie die Wahlen auch ausgehen mögen: Es bleibt die Frage, ob es in den USA noch etwas zu lachen gibt.

Russland durchs Fenster

Georg Bush, der 43. US-Präsident (2001-2009), ist ein Glücksfall für die Humorbranche. Kein Präsident hat eine so gute Projektionsfläche abgegeben. Wird das Material knapp, wenn seine Amtszeit vorbei ist? Kaum. Gerade eben hat Tina Fey zusammen mit Amy Poehler als Hillary Clinton in einer Sarah-Palin-Parodie Furore gemacht. Clinton sagt in dem Sketch, dass Diplomatie der Grundstein der Aussenpolitik sein sollte. Palin/Fey antwortet: «Ach was, ich sehe von meinem Küchenfenster aus nach Russland, ich weiss, was da läuft!» Sie wundert sich auch, dass für die Uno in New York nur AusländerInnen arbeiten, und verspricht, diese Jobs wieder den US-AmerikanerInnen zu geben, falls sie Vizepräsidentin wird.

Die Kabarettistin Sarah Silverman unterstützt Obama, auch wenn sie findet, es sei sehr schwierig, mit so einem Namen Präsident zu werden. Wenn er verlieren würde, wären die Juden schuld, ist sie überzeugt und hat deshalb die Kampagne «The Great Schlep» ins Leben gerufen. Ihre jüdischen MitbürgerInnen sollen nach Florida reisen und ihre Eltern und Grosseltern dazu bringen, Obama zu wählen. Als Überzeugungshilfe weist Silverman darauf hin, was viel alte jüdische und junge schwarze AmerikanerInnen gemein haben: Beide tragen gerne Trainingsanzüge und weisse Turnschuhe, lieben Schmuck, und all ihre FreundInnen sterben.

Fey und Silverman gehören zu einer neuen, sehr erfolgreichen Generation von Komikerinnen. Sie agieren nicht etwa im Untergrund, sondern haben ihre eigenen Fernsehshows. Fey hat lange Zeit für «Saturday Night Live» (SNL) geschrieben. Die samstägliche Neunzigminutenshow gibt es seit 1975 und ist eine der langlebigsten Sendungen des US-Fernsehens. Kaum ein bekannter Komiker, eine bekannte Komikerin, die nicht irgendwann für SNL gearbeitet hätten. Von Steve Martin und Bill Murray über John Belushi und Mike Myers, Eddy Murphy und Robert Downey Jr. bis zu Chris Rock waren alle dabei.

Der Boom der Parodie

Tina Fey spielt in ihrer neuen Sitcom «30 Rock» die Autorin einer fiktiven Comedy-Sendung, die stark an SNL erinnert. Ihre Palin-Parodie brachte dem Sender zum Saisonstart die höchste Einschaltquote seit sieben Jahren. Früher war sie SNL-Moderatorin des «Weekend Update», einer satirischen Nachrichtensendung, die in den USA wie andere Hochkonjunktur haben. Während die richtigen Nachrichtensendungen immer mehr zu Unterhaltung und/oder Propaganda verkommen, boomen die Parodien. So trat in «Weekend Update» vor kurzem Richard Fuld auf, der CEO von Lehmann Brothers (nicht der echte). Er war nur mit einem Holzfass bekleidet. Falsche Obamas und McCains diskutieren das Hilfspaket für die Banken; ein Sketch mit Bush, der Repräsentantenhaussprecherin Nancy Pelosi und Opfern der Krise (alle nicht echt) wurde kurz nach der Ausstrahlung wieder von der Website des Senders genommen und erst auf Proteste hin wieder aufgeschaltet. Seither wird heftig diskutiert, ob das nun liberale oder konservative Zensur ist.

Am erfolgreichsten verballhornt zurzeit Stephen Colbert (französisch ausgesprochen!) das Infotainment in «The Colbert Report». Als ultrarechter, von Fakten unbeirrter Moderator kommentiert er das Tagesgeschehen. Viermal pro Woche eine halbe Stunde lang. Die Sendung ist eine Parodie auf reale Formate, vor allem auf «The O’Reilly Factor», eine Sendung, gegen die «Tele Blocher» bolschewistische Propaganda ist.

Colbert hielt am Treffen der White-House-Korrespondenten vor zwei Jahren eine Rede. George Bush sass wenige Meter daneben. «68 Prozent sind mit dem, was der Präsident macht, nicht einverstanden», räumte Colbert ein, «aber das heisst doch nichts anderes, als dass 68 Prozent mit dem einverstanden sind, was er nicht macht!» Oder: «Ich glaube, dass die Regierung, die am wenigsten regiert, die Regierung ist, die am besten regiert. Daran gemessen haben wir im Irak eine wunderbare Regierung installiert.» Bush lächelte gequält, im Saal herrschte eisige Stille, die Zeitungen berichteten kaum über den Auftritt. Aber das Video wurde - wie auch der Palin-Clip von Fey - zu einem der meistgesehenen auf Youtube. Dank dieser Medien ist es auch hierzulande möglich, einen Einblick in das Schaffen dieser Leute zu erhaschen, deren Material früher nur schwer aufzutreiben war.

«Sy nid alli so nätt»

Während wir in Europa oft dümmliche Ami-Komödien vorgeführt bekommen, gibt es in den USA eine lange Tradition scharfer, böser und alles andere als politisch korrekter Komik, die aber meist bei der Sprachgrenze hängen bleibt. In den USA sind Sachen möglich, die bei uns kaum denkbar wären. So begrüsste Bill Hicks sein Publikum in Tennessee schon mal mit: «You inbreeding-hillbilly-piece-of-shit-fascist-scumbags! Good evening, how are you tonight?» Kann man sich Ursus und Nadeschkin vorstellen, die ihr Publikum in Frauenfeld mit den Worten begrüssen: «Ihr inzüchtlerischen, hinterwäldlerischen, Scheissfascho-Kuhschweizer! Hoi zäme, schöne Abig»?

Wenig zu lachen haben in den USA die Minderheiten. Die Schwarzen, die Hispanics, die Frauen, die Homosexuellen, die Juden und Jüdinnen. Im Gegenzug stellen sie eine Menge des Humorpersonals. Chris Rock ist der erfolgreichste schwarze Komiker seit Bill Cosby und einer der bekanntesten in den USA.

Auch mit dem eigenen Privatleben und der eigenen Vergangenheit wird schonungslos umgegangen. Sarah Silverman redet über ihre jüdische Herkunft, ihr Sexleben und den kleinen Penis ihres Verlobten, der daneben sitzt. Margaret Cho imitiert mit beissender Schärfe ihre koreanische Mutter, die nie an Wahlen teilgenommen hat, weil sie fand: «Das ist nicht unser Land!» George Lopez schildert seine Jugend bei der mexikanischen Grossmutter, für die Liebe ein Schimpfwort war.

Was nicht heissen soll, dass die anderen nicht auch ihr Fett abbekommen. Silverman hat Britney Spears und Paris Hilton wiederholt und massiv beleidigt. Unter der Gürtellinie. Verletzend. Geschmacklos. So wie es sein muss. Franz Hohlers «Sy alli so nätt» trifft auf die USA nicht zu.

Spears an die Front!

Margaret Cho ist die Tochter eingewanderter koreanischer Eltern, übergewichtig und lesbisch. Ihre Alben heissen «Revolution» oder «Assassin». Sie erlebt Rassismus subtiler als Schwarze oder Hispanics. Ein TV-Moderator forderte sie auf, die nächste Sendung «in ihrer Muttersprache» anzusagen. Sie wundert sich auch, woher Weisse das Gefühl haben, Menschen asiatischer Herkunft könnten andere AsiatInnen auf den ersten Blick auseinanderhalten. Weil sie nicht dem Klischee der erfolgreichen, braven Koreaamerikanerin entspricht, stellte man ihr für ihre erste TV-Show einen «Asian advisor» zur Seite. Sie sagt Sachen wie: «Schönheitschirurgie ist für mich Gehirnwäsche, Manipulation und Verstümmelung an Frauen ... natürlich werde ich es trotzdem tun, aber ...» Das verwirrt und schafft nicht nur Freundinnen, so wenig wie ihr Vorschlag, statt den Militärs Britney Spears und Lindsay Lohan in den Irak zu schicken. Cho unterstützt Obama, weil sie sagt, dass sie sich zum ersten Mal von einem Politiker vertreten fühle. Die anderen sprächen nur zu weissen, heterosexuellen Männern. 2004 wurde sie von einer Wahlveranstaltung für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry wieder ausgeladen, nachdem sie ihn mit einem «Ent», den Baumwesen aus «Der Herr der Ringe», verglichen hatte.

Ähnlich geht es bei George Lopez zu, dem bekanntesten Komiker mexikanischer Herkunft, der es sogar bis auf die Seiten der deutschen «Gala» geschafft hat. «George Bush? Fuck that Puto!», schimpft er in bestem Spanglish und unterstützt dessen Idee, der mexikanischen Grenze entlang einen Wassergraben anzulegen und mit Alligatoren zu füllen. «Mach das», spottet Lopez, «und eineinhalb Stunden später wird man dort Krokogürtel und Krokoschuhe feilbieten!». «Latinos rule this country!», ruft er stolz und erinnert die weisse Mittelschicht daran, dass alles, was sie essen, durch mexikanische Hände gewandert ist.

Es gibt aber auch unpolitische Komiker wie Eugene Mirman, der aus dem Leben der Twentysomethings erzählt, die in Callcenters arbeiten, ihre Kreditkarte überziehen und von Inkassofirmen bedrängt werden. Auch er ist Immigrant, er stammt aus Russland.

Die Liste liesse sich noch lange fortsetzen. Es gibt definitiv etwas zu lachen in den USA. Man muss sogar sagen: Amerika, du hast es lustiger.

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