Nr. 44/2008 vom 30.10.2008

Sportliches Versteckspiel

Marcus Urban war Bundesligafussballer - und er ist schwul. Er weiss, wie schwierig es ist, sich als Spitzensportler zu outen.

Von René Martens

Mario Basler, der dreissigmal für die deutsche Nationalmannschaft spielte und heute einen Viertligisten trainiert, ist beliebt bei den Medien, weil er immer gut ist für eine knackige Äusserung. Vor einigen Wochen, in der ZDF-Talkshow «Markus Lanz», als es um das Thema Homosexualität im Fussball ging, blieb Basler aber seltsam blass. Es gebe keine schwulen Fussballer, sagte er, «jedenfalls kenne ich keine». Aber er würde dafür nicht seine «Hand ins Feuer legen». Marcus Urban, der ebenfalls in der Sendung zu Gast war, sagt, diese Aussage sei bezeichnend dafür, wie um dieses Thema «herumgeeiert werde». Der 37-jährige Urban, der einst beim damaligen Zweitligisten Rot-Weiss Erfurt kurz vor dem Durchbruch stand, ist der bisher einzige Ex-Leistungsfussballer im deutschsprachigen Raum, der sich als Homosexueller geoutet hat. Er kann aber durchaus ein gewisses Verständnis dafür aufbringen, dass Leute heute noch denken, es gebe keine schwulen Kicker: «Mit der Vorstellung wird man gross, das war bei mir ja nicht anders.»

Wenn man Urban an seinem heutigen Arbeitsplatz besucht, sticht zunächst ein Kleid ins Auge. Er arbeitet als Designer und Marketingassistent in Hamburg-Alsterdorf in einem Atelier für behinderte KünstlerInnen. Sie erschaffen Gemälde, deren Motive Urban für Alltagsgegenstände verwendet - für Kleider, aber auch für Schränke und Regale. Die KundInnen können aus den Gemälden der KünstlerInnen ihre Lieblingsmotive auswählen und verarbeiten lassen. Das besagte Kleid kostet 499 Euro.

Turbulente Biografie

Das Atelier, in dem zwanzig KünstlerInnen mit unterschiedlichen Handicaps arbeiten, gehört zu einem weitläufigen Gebäudekomplex, auf dem auch andere Betriebe für Behinderte angesiedelt sind. Wenn Urban unten auf dem Vorplatz vor dem Café sitzt, kommt oft ein Mann vorbei, hampelt vor ihm herum und fragt: «Hast du auch die Hexe gesehen?» Das ist nicht das Arbeitsumfeld, das man bei einem ehemaligen Leistungsfussballer erwartet. Aber das gesamte Leben von Marcus Urban, der studierter Ingenieur ist und vor einigen Jahren auch mal Messen für eine Stahlbaufirma organisiert hat, verlief kaum in konventionellen Bahnen. Vielmehr derart turbulent, dass genug Stoff für eine Biografie zusammengekommen ist, die der Berliner Buchautor Ronny Blaschke unter dem Titel «Versteckspieler» verfasst hat.

Die Vorgeschichte der Biografie passt zum bisherigen Auf und Ab im Leben des einstigen Mittelfeldtalents: Der ursprünglich vorgesehene Autor traf sich fünfzehnmal mit Urban, war für ihn und seinen Verlag aber plötzlich nicht mehr zu erreichen. Zwar gilt der Mann nicht als verschollen - seine Artikel finden sich regelmässig in der Tagespresse -, aber Urban weiss bis heute nicht, warum der Zeitungsjournalist die Biografie plötzlich nicht mehr schreiben wollte.

Urbans Leben war jahrelang der Fussball. Auf dem Rasen blühte er auf und fand die Anerkennung, die er im Elternhaus vermisste. Er hatte eine problematische Kindheit, doch Details deutet Urban nur an: «Es sind relativ harte Sachen dabei gewesen, die ich nicht allen Lesern des Buchs zumuten wollte.» Mit dreizehn kam Urban auf die Kinder- und Jugendsportschule Erfurt, wo er als Spieler für das DDR-Nationalteam aufgebaut werden sollte. Das Internat war eine Erleichterung, weil er fortan nicht mehr zu Hause wohnen musste - gleichzeitig verstärkte es die Hoffnung, als Fussballer gross herauszukommen. Als er bald darauf entdeckte, dass er Männer liebt, traten aber ganz andere Probleme auf. «Ich hatte damals eine Schere im Kopf: Ich bin Fussballer, also kann ich nicht homosexuell sein. In der DDR war ja, anders als in der vielleicht etwas weniger rückständigen Bundesrepublik, nicht einmal ein Doppelleben möglich. Ich war allein, ich habe das plattgemacht in mir selber, um durchzukommen und zu überleben.» Erst später hat er darüber nachgedacht, ob es im Osten Schwulenszenen gab: «Die müsste es gegeben haben, aber ich hatte ja gar keine Zeit, dem nachzugehen - aus Angst. Ich wollte unbedingt auf der Sportschule bleiben, darauf war mein ganzes Ego aufgebaut. Ein sportliches Selbstbewusstsein kann gut und gern das persönliche ersetzen. Das sind zwar zwei verschiedene Paar Schuhe, aber das weiss man als Jugendlicher noch nicht.»

Das Versteckspiel begann: Auf dem Platz agierte er aggressiver als vorher, mimte teilweise den Proleten, weil er hoffte, so seine Neigungen verbergen zu können. «Wenn mir an Tagen, an denen es ohnehin schlecht lief, jemand den Ball abgenommen hat, empfand ich das als erniedrigend», sagt er. In solchen Situationen liess er sich zu Revanchefouls oder Schiedsrichterbeleidigungen hinreissen. «Ich habe durch den Fussball aber auch die Möglichkeit bekommen, meine Aggressionen auf erlaubte Art rauszulassen.» Seine Trainer hat die neue Spielweise beeindruckt, denn für einen Fussballer ist der 1,75 Meter grosse Urban eher von zierlicher Statur - und wenn so einer dagegenhält, kommt das gut an bei gewissen Übungsleitern. «Die Technik hat gelitten, ich habe Spezialaufgaben bekommen, zum Beispiel, den Spielmacher der Gegner auszuschalten. Eigentlich war ich selbst ein prima Regisseur, der tödliche, versteckte Pässe spielt. Aber weil ich meine Aufgaben diszipliniert und mannschaftsdienlich wahrgenommen habe, bekam ich schneller und besser Lob, und daran lag mir ja.»

1990 machte Urban sein Abitur mit einem Notenschnitt von 1,5 und ein Nachwuchstrainer prophezeite ihm in der Presse eine Profikarriere. Doch daran glaubte Urban zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr: «Es schien ihm unmöglich zu sein, eine Karriereleiter emporzuklettern und zugleich ein heikles Versteckspiel zu führen», schreibt Ronny Blaschke. Es ging «langsam und schleichend abwärts». Statt in der Zweiten Liga zu kicken, studierte Urban Stadt- und Regionalplanung an der Bauhaus-Universität Weimar.

Schwul-lesbischer Sportverein

Sein Schlüsselerlebnis hatte er 1994, als er in einem Café in Hamburg von der Fussballmannschaft des schwul-lesbischen Sportvereins Startschuss erfuhr. Dass es auch andere Schwule gibt, die Fussball spielen - für ihn war das damals eine fundamentale Erkenntnis. Seit vierzehn Jahren spielt er mittlerweile für die Startschuss-Truppe, die lediglich Freundschaftsspiele und Turniere absolviert. Wenn er heute auf dem Platz steht mit den anderen schwulen Freizeitkickern, dann empfindet er Vergnügen dabei. Früher geriet er noch oft in Wut angesichts des Unvermögens seiner Kollegen. «Ich sehe das mittlerweile auch philosophisch: Den Ball mit dem Fuss, einem Körperteil, der anatomisch gar nicht dafür gemacht ist, in eine vorgesehene Richtung zu bringen, und das noch aus einem schnellen Bewegungsablauf heraus, das ist schon an und für sich eine Kunst.»

Natürlich stünde ihm die Möglichkeit offen, Amateurfussball in einem ganz gewöhnlichen Verein zu spielen, aber das empfindet er als absurd angesichts der Perspektiven, die er einst hatte: «Immerhin habe ich auf dem Rasen mal die Marseillaise gehört.» Das war bei einem Spiel mit der DDR-Jugendnationalmannschaft gegen Frankreich, und er war «unheimlich stolz» in diesem Moment. Jahrelang konnte er nicht einmal als Zuschauer ins Stadion gehen: «Ich empfand es als unwürdig, auf den Rängen zu sitzen, weil ich mich eher auf dem Platz gesehen habe.» Das hat sich erst vor knapp vier Jahren geändert.

Marcus Urban hat, abgesehen von den Kontakten, die durch Startschuss entstanden sind, keine anderen schwulen Fussballer kennengelernt, ist sich aber sicher, dass es im Leistungssport generell überproportional viele Homosexuelle gibt - und diese Einschätzung beruht nicht zuletzt auf eigenen Erfahrungen. Das leuchtet ein: Der Körperkult kommt Homosexuellen entgegen, der Sport eignet sich, um sich das Selbstbewusstsein zu holen, das einem fehlt. Der homosexuelle Athlet kann mit Härte gegen sich selbst und gegenüber anderen seine wahren Gefühle überdecken. Er hat, unter Leistungsgesichtspunkten betrachtet, einen Vorteil gegenüber Heterosexuellen, weil er mehr Zeit für den Sport aufbringen kann als einer, der eine klassische Beziehung mit dem Spitzensport zu vereinbaren versucht. «Der Leistungssport ist auch gerade deshalb ein prima Versteck, weil die meisten Menschen glauben, es gebe dort keine Homosexuellen», sagt Urban.

Sanktionierte Homophobie?

Immer mal wieder wird die Frage aufgeworfen, ob die Zeit nun «reif» sei für das Outing eines schwulen Fussballprofis. Urban plädiert dafür, pro Land je eine Ombudsstelle für den gesamten Spitzensport einzurichten - damit es einen Ansprechpartner für homosexuelle SportlerInnen gibt, die nicht wissen, wie sie mit ihrer Situation umgehen sollen. Das wäre eine Weiterentwicklung des Vorschlags von Theo Zwanziger, dem Präsidenten des Deutschen Fussballbundes (DFB), der homosexuellen Fussballern angeboten hat, sich bei ihm zu melden. Zwar hat die European Gay And Lesbian Sports Federation kürzlich Zwanziger wegen seines Engagements gegen Homophobie ausgezeichnet, aber Sanktionen für homophobes Verhalten sind in den DFB-Richtlinien bisher nicht vorgesehen. Entsprechende Passagen fehlen auch in den Antidiskriminierungssparagrafen der Uefa und der Fifa sowie in nahezu sämtlichen Vereinsstatuten und Stadionordnungen. In Deutschland gibt es drei Ausnahmen: Werder Bremen, den MSV Duisburg und den FC St. Pauli.

Urbans Biograf Ronny Blaschke macht aber zugleich deutlich, dass der Eindruck falsch sei, der Fussball sei verglichen mit anderen gesellschaftlichen Bereichen ein archaisches, besonders rückständiges Milieu. Die Bekenntnisse diverser Prominenter aus der Politik und aus der Medienbranche seien kein Indiz dafür, dass es dort sonderlich liberal zugehe: Nur wenige PolitikerInnen und TV-Stars hätten sich freiwillig geoutet. Und «in der Wirtschaft» seien «kaum Topmanager» als homosexuell bekannt. Symptomatisch für die gesellschaftlichen Probleme, mit denen sich Schwule immer noch konfrontiert sehen: Ein Übungsleiter eines Berliner Schwulensportklubs, den Blaschke für einen der zahlreichen Exkurse zum Thema Homosexuelle und Sport interviewt hat, bat darum, dass im Buch nicht sein richtiger Name auftauchen möge - obwohl er doch in einer Stadt lebt, deren Bürgermeister Männer liebt.

Marcus Urban hat sich in mancherlei Hinsicht mittlerweile eine gelassene Sichtweise angeeignet - etwa gegenüber der Haltung seiner einstigen Weggefährten im Internat: «Zuerst war ich sauer auf sie, weil sie schwul als beleidigenden Begriff benutzt und auf Homosexuellen herumgehackt haben. Später habe ich ein anderes Gefühl dafür entwickelt. Die wussten halt selber nicht, was sie da sagten, es ging nur darum, Konkurrenten abzuwerten. Das waren keine gezielten Beleidigungen, sie hatten dieselbe Bedeutung wie ‹Du Sau› oder Ähnliches.»

Inzwischen hat Urban auch wieder Kontakt zum einen oder anderen Spieler. Ein Fussballer aus alten Sportschulzeiten, sagt Urban, sei mittlerweile ein guter Freund: «Der arbeitet in Hamburg als Friseur, ist hetero und spielt keinen Fussball mehr. Ich bin schwul und spiele immer noch Fussball. So viel zu den Klischees.»

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